Das Gesetz der Faust
Gewalt und Medikamentencocktails - die Zustände in einem
geschlossenen Hamburger Jugendheim beschäftigen Parlamentarier und
Staatsanwaltschaft
VON JÖRN BREIHOLZ
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Der Zaun neben dem aus Platten
gebauten Pavillon ist 3,80 Meter hoch. Nach innen wölben sich Metallplatten -
Flucht, so scheint es, ist hier unmöglich. Durch eine Spalte im Zaun erblickt
man einen Holzhaufen. Einige Scheite liegen links daneben, säuberlich
gestapelt. Die Holzhacker sind die Jugendlichen, die hier wohnen: 13-Jährige,
die mit Messern auf 18-Jährige losgehen, 14-jährige, die der mehrfachen
Körperverletzung überführt sind, 15-jährige Serieneinbrecher. Hier in der
"geschlossenen Unterbringung Feuerbergstraße" in Hamburg sollen sie
wieder auf den Pfad der Tugend gebracht werden. Mit Holzhacken zum Beispiel.
Werkzeuge als Waffe
Tatsächlich erweist sich das geschlossene Heim als ein für alle Beteiligten
extrem gefährlicher Dampfkessel, der häufig überkocht und manchmal explodiert.
Das belegen Unterlagen des inzwischen eingesetzten Parlamentarischen Untersuchungsausschusses,
die der Frankfurter Rundschau vorliegen. Oft genug bestimmt das Gesetz
der Faust den Alltag: manchmal unter den Jugendlichen, meistens gegen die
Betreuer und das Wachpersonal.
"Äußerst aggressiv" ist die Stimmung in der mit nur vier Jugendlichen
belegten Einrichtung schon im März 2003, nur wenige Monate nach der Eröffnung,
wie der damalige Heimleiter an die zuständige Behörde schreibt. Die
Jugendlichen fertigten aus Alltagsgegenständen Werkzeuge, berichtet er,
"die auch als Waffen eingesetzt werden können". Und weiter: "Die
Mitarbeiter fühlen sich am Rande der Belastungsgrenze, sie erkennen unter den
bestehenden Rahmenbedingungen kaum noch pädagogische
Handlungsmöglichkeiten."
Gut zwei Jahre später dreht sich die Gewaltspirale immer noch. Nun sind fünf
Jugendliche in dem geschlossenen Heim. 18 besondere Vorkommnisse, darunter fünf
Anzeigen wegen Körperverletzung, muss der "Landesbetrieb Erziehung und
Berufsbildung" allein im Juni 2005 vermelden. Straffällige Kinder und
Jugendliche auf der einen, Wachpersonal und professionelle Betreuer auf der
anderen Seite - zwischen den beiden Lagern herrscht bisweilen Krieg. Die
Zustände in Hamburgs Prestige-Projekt für extrem auffällige Jugendliche
scheinen schlimmer als im schlimmsten Erwachsenen-Knast.
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Ende der Siebziger Jahre sollte
Einsperren als Instrumentarium von Kinder- und Jugenderziehung endgültig der
Vergangenheit angehören, auch in Hamburg wurden die geschlossenen Heime
abgeschafft. Doch als sich Ole von Beust (CDU) 2001
mit Schill-Partei und FDP zusammentat, dauerte es nicht lange, bis sich der
damalige Innensenator Ronald Schill durchgesetzt hatte. Mit der Forderung nach
200 Plätzen für extrem auffällige Jugendliche in geschlossenen Heimen hatte
Schill Angst beschworen und die Wahl gewonnen. Nun hieß es Flagge zeigen.
Keinesfalls sollte das Heim in den Verdacht zu sozialpädagogischer, gar therapeutischer
Ansätze kommen. Auf engstem Raum wurde mitten in der Stadt eilfertig ein
trostloser Pavillonbau zum geschlossenen Heim umgebaut, ausgelegt für zunächst
zwölf, inzwischen 18 Jugendliche. "Ein Freizeitpark ist das hier
nicht", stellte Jugend- und Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram
(CDU) bei einem Besuch vor der Presse fest.
Verdacht: Körperverletzung im Amt
Das gilt wohl für alle Beteiligten. Manchmal herrscht ein "extremes
Gefährdungspotenzial für die Mitarbeiter an Leib und Leben", heißt es in
einem Papier des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der seit April
2005 versucht, Licht in die Vorgänge in der Feuerbergstraße zu bringen. So
verlangt ein Betreuer etwa, einen sofortigen Auflösungsvertrag, weil er
fürchtet, sich gegenüber den Jugendlichen nicht mehr unter Kontrolle zu haben.
Er ist nicht der Einzige - viele Mitarbeiter verlassen fluchtartig ihren
Arbeitsplatz. Von den 36 Beschäftigten arbeiten 20 nicht mehr in der
Einrichtung. Sie haben sich versetzen lassen, wurden oder haben selbst
gekündigt. "In gewaltbesetzten Konfrontationen", so heißt es in einem
weiteren Papier, "trauen sich die Mitarbeiter nicht mehr wie in früherer
Form mit körperlichem Einsatz die Konflikte zu deeskalieren".
Denn inzwischen gibt es "interne Ermittlungen der Behörde für Inneres
wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt".
Einige der Jugendlichen werden auch schon mal medikamentös eingestellt - per
Tabletten oder Psychopharmaka-Sirup. Neun von ihnen
machen diese Erfahrung zum ersten Mal in ihrem Leben in der staatlichen Obhut
in der Feuerbergstraße. Den Kids schmeckt der Medikamentencocktail offenbar. So
gut, dass sie sich selbst bedienen. Einmal notiert eine Mitarbeiterin, dass die
Jungs "das gesamte Risperdal konsumiert oder
verschüttet" hätten. Zwei von ihnen hatten sich gleich die zehnfache
Tagesdosis genehmigt, laut Protokoll "20 ml.".
Denn, so musste der Heimleiter im Untersuchungsausschuss zugeben, zumindest bis
zum Januar 2005 habe es "keine abschließbaren Medizinschränke"
gegeben.
Auch die Wachleute einer Privatfirma haben Zugang zu den
verschreibungspflichtigen Medikamenten. Sie sollen eigentlich aufpassen, dass
die Jugendlichen nicht weglaufen, verteilen aber auch schon mal die
Psychopharmaka an die Jugendlichen. Vier Monate nach der "Risperdal-Party" bekommt einer der Jungs die
"doppelte Portion Risperdal am Morgen", wie
ein Mitarbeiter notiert. Ein Wachmann hatte den Jungen schon vor ihm mit dem
Medikament gefüttert. Nun informiert der Mitarbeiter die Wachleute darüber,
"dass sie keine Medikamente an die Jugendlichen ausgeben dürfen".
"Dumm gelaufen", heißt es im Übergabeprotokoll.
Der eigenartige Umgang mit Medikamenten könnte auch strafrechtliche Folgen
haben. Im April diesen Jahres hat die
Staatsanwaltschaft nach einer parlamentarischen Anfrage der grünen
Rathausfraktion Vorermittlungen aufgenommen. Der Verdacht: In einigen Fällen
sind den Jugendlichen die verschreibungspflichtigen Mittel ohne die gesetzlich
zwingend vorgeschriebene Einwilligung der Erziehungsberechtigten verabreicht
worden. Körperverletzung oder Körperverletzung im Amt lautet das Delikt. Nach
Einsicht der Unterlagen ist der SPD-Obmann im Ausschuss Thomas Böwer überzeugt, "dass dies zumindest bei vier
Jugendlichen passiert ist". Vier Mal Körperverletzung im Amt, rechnet Böwer vor, das könne sich keine und erst recht keine
"bewusst derart politisch exponierte öffentliche Einrichtung"
erlauben. Böwers wie auch der Grünen Schluss: Die
Feuerbergstraße müsse geschlossen werden.
Über Jahre war die gesamte ministerielle Führungsspitze permanent mit dem
"Kinderknast" beschäftigt, der offiziell kein Kinderknast sein darf:
manchmal die Senatorin, häufiger der Staatsrat, der Amtsleiter für Jugend und
der Geschäftsführer des Landesbetriebes Erziehung und Bildung - für die Betreuung
von manchmal drei, manchmal acht Kindern und Jugendlichen. Besser hat die
politische Fürsorge von ganz oben die Sache nicht gemacht. Teuer ist es auch
geworden. Bis zu 25 000 Euro pro Monat kann der Aufenthalt eines Jugendlichen
in der Feuerbergstraße schon mal kosten, hat Böwer
ausgerechnet.
Ein Konzept der Eskalation
Tatsächlich hat der geballte Sachverstand der Spitzenbeamten über Jahre kein
funktionierendes pädagogisches Konzept zustande gebracht. Zweieinhalb Jahre
dauert es, bis das Scheitern in der Behörde wenigstens intern diskutiert wird -
mit vernichtendem Urteil. Die "bisherige pädagogische Ausrichtung",
heißt es in einem namentlich nicht unterschriebenen Konzeptentwurf, der bei den
Ausschuss-Akten liegt, habe bei Jugendlichen mit schweren Persönlichkeitsstörungen
zu "ausgeprägten Eskalationen" geführt. Die "zu starren Grenzen
und Sanktionen" hätten zur Folge, dass "ein kaum zu durchbrechender
Kreislauf an Widerstand, Gewalt, immer weiterer Grenzüberschreitung und
entsprechenden Gegen-Reaktionen in der Einrichtung entstand".
Jetzt, nach gut zwei Jahren, gesteht man sich ein, dass die vormals postulierte
Pädagogik der harten Hand "frühere als traumatisch erlebte Ohnmachtssituationen" reaktivieren kann und "von
den Jugendlichen als Reinszenierung" erlebt
werde. Sprich: Die Jugendlichen führen selbst erlebte Gewalterfahrungen
fort, die sie vielleicht zu dem gemacht haben, was sie sind. In einer
Einrichtung, die sie auf den Weg zurück in die Gesellschaft führen soll.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2005
Dokument erstellt am 21.09.2005 um 16:48:37 Uhr
Erscheinungsdatum 22.09.2005