Das Ende der
Tarifpartnerschaft
Wenn sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nicht mal mehr auf existenzsichernde Einkommen einigen können, dann schaden
sie der gesamten Gesellschaft / Von Rudolf Hickel
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Im März laufen vier Tarifverträge aus: in der Metall- und
Elektroindustrie, im Bauhauptgewerbe, im Einzelhandel sowie im Groß- und
Außenhandel. Damit geht es im Arbeitskampf um die Einkommen von insgesamt 6,5
Millionen Arbeitern und Angestellten. Rosige Aussichten, sollte man meinen.
Denn auch in diesen Monaten machen die Konzerne wieder satte Gewinne, die
Dividenden an die Aktionäre steigen um mehr als 25 Prozent und gleichzeitig
bedienen sich viele Manager durch atemberaubende Gehaltszuschläge.
Wer jedoch auch dieses Jahr erneut nicht am Aufschwung partizipieren könnte,
sind die auf Arbeitsentgelt angewiesenen Beschäftigten. Vom früher oft bemühten
"kräftigen Schluck aus der Pulle" kann schon seit Jahren nicht die
Rede sein. Im Gegenteil: Jahrelang wurde den Gewerkschaften eine Politik der
Lohnzurückhaltung abverlangt - mit dem Argument, auf diese Weise den Aufschwung
zu befördern. So verdienten Arbeitnehmer im Jahr 2006 im Schnitt lediglich 1,3
Prozent mehr als 2005, während die Verbraucherpreise um 1,7 Prozent kletterten.
Damit konnte der Anstieg der Löhne und Gehälter die Preissteigerungsrate erneut
nicht ausgleichen. Nach Abzug der Abgaben sowie unter Berücksichtigung des
Geldwertverlustes sind im letzten Jahr die Nettoreallöhne sogar um zwei Prozent
zurückgegangen. In den letzten drei Jahren lagen die Lohnzuwächse somit stets
unterhalb der Produktivitätsgrenze.
Für die lange Zeit geübte Lohnzurückhaltung ist die versprochene Belohnung
durch Schaffung neuer Arbeitsplätze seitens der Wirtschaft jedoch nicht
geleistet worden. Stattdessen wurde unter dem Druck der Massenarbeitslosigkeit
der Niedriglohnsektor weiter ausgebaut. Jetzt aber, da im Jahr 2006 die
Unternehmensgewinne erheblich angezogen haben und für das Jahr 2007 die Prognosen
stetig nach oben korrigiert werden, ist es umso mehr an der Zeit, die lange
geübte Zurückhaltung der Arbeitnehmehmer wie
vereinbart zu entgelten.
Doch prompt wird dieser Kompromiss seitens der Arbeitgeberseite aufgekündigt -
mit bemerkenswerter Chuzpe. Wurde früher stets argumentiert, Lohnzurückhaltung
müsse geübt werden, damit der Aufschwung komme, heißt es heute, dieses
"zarte Pflänzchen" Aufschwung mache eine erneute Runde der
Lohnzurückhaltung erforderlich, um dessen Wachstum zu fördern. Das bemühte
Argument ist stets dasselbe: Noch sei die deutsche Wirtschaft nicht über den
Berg. "Wir! - gemeint sind stets nur die Arbeitnehmer - würden uns deshalb
noch für einige Jahre an Schmalkost gewöhnen müssen. Mit Hilfe des Druckmittels
der Globalisierung ("Die Konkurrenz der Billiglohnländer verlangt den
Lohnverzicht") werden die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf diese
Weise auf den Sankt-Nimmerleins-Tag vertröstet - nach dieser Logik exakt bis
zur Angleichung der Löhne in China und Indien an das deutsche Niveau.
Dabei ist es der hiesigen Industrie nicht zuletzt dank der gewerkschaftlichen
Lohnzurückhaltung in den letzten Jahren gelungen, fette Gewinne zu erzielen.
Dennoch driften die Einkommen immer weiter auseinander. In der Gesellschaft
wächst der Eindruck, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer
werden. Und der Eindruck täuscht nicht: So werden in den nächsten Jahren in der
Bundesrepublik über zehn Millionen Menschen von Armut betroffen sein, während
hier gleichzeitig, auch dank der eintretenden Erbfälle, europaweit die meisten
Reichen leben werden.
Trotz dieser eklatanten Ungerechtigkeit treten die Arbeitgeber und ihre
journalistischen Claqueure mit erstaunlicher Dreistigkeit auf. Die
Arbeitnehmer, so die Behauptung, hätten mit den gestiegenen Gewinnen nichts zu
tun. Das Kapital habe durch kluge Investitionsentscheidungen profitabel
gewirtschaftet, also solle es seinen Erfolg in Form von Gewinnen, Dividenden
und Managergehältern auch genießen können. Dass, wie sich nicht nur bei Karl
Marx lernen lässt, an der Wertschöpfung immer und zuallererst auch arbeitende
Menschen beteiligt sind, verkommt zur quantitée négligeable.
Mehr noch: Dass die Beschäftigen seit Jahren durch Lohnenthaltung ihre
Vorleistung erbracht haben, soll plötzlich keine Rolle mehr spielen. Dafür wird
regelmäßig im Sinne der vom Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner
Sinn verbreiteten Basarökonomie-These geltend gemacht, dass zwei Drittel der
Umsätze im Ausland erzielt würden, vor allem im Bereich der M-Dax-Unternehmen.
Tatsächlich kann in Wirklichkeit keine Rede davon sein. Wenn nämlich die Dax-Unternehmen 2006 in der Tat 20 Milliarden Euro Gewinn
erzielen konnten, zeigt dies im Gegenteil gerade, in welchem Maße die
bundesdeutsche Exportwirtschaft nach wie vor konkurrenzfähig ist. Zwar nehmen
die importierten Vorleistungen zu; dennoch ist der binnenländische Beitrag zur
Wertschöpfung in der Exportwirtschaft nach wie vor sehr groß - nicht zuletzt
auch auf Grund ihrer hoch motivierten und gut ausgebildeten Arbeitnehmer. Schon
deshalb müssen diese in diesem Jahr endlich in angemessener Weise am Zuwachs
der Wertschöpfung beteiligt werden.
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Immerhin kommen die Vertreter der neoliberalen Lehre
angesichts dieser Zahlen nicht umhin, zumindest ein kleines Zugeständnis zu
machen: Weil die Wirtschaft für die wachsenden Gewinne gutes und zufriedenes
"Humankapital" braucht, also motivierte Angestellte und Arbeiter,
müssten diese auch gut entlohnt werden, heißt es. Schon damit die Bäume auf Gewerkschaftsseite
nicht in den Himmel wachsen, kämen dabei allerdings lediglich Einmalzahlungen
in Betracht, also eine Gewinnbeteiligung im Nachhinein, und nicht eine - auch
in den Folgejahren wirkende - Erhöhung der tariflichen Einkommen.
Tariferhöhungen hätten vielmehr produktivitätsschädigende
Folgen.
Tatsächlich liegt gerade an dieser Stelle für die Gewerkschaften der Hase im
Pfeffer: Was die Arbeitgeberseite mit diesem Frontalangriff nämlich wirklich
bezweckt, ist die endgültige Abkopplung der Arbeitnehmer von der
Produktivitätsentwicklung. Bereits seit Jahren erleben wir eine massive
Umverteilung von Arbeit zu Kapital. Laut Angaben des statistischen Bundesamtes
ist bei der Verteilung der Einkommen zwischen Arbeit und Kapital der Anteil der
Löhne am Bruttoinlandsprodukt (Lohnquote) seit 1993 von 72,2 Prozent auf 66,2
Prozent zurückgegangen. Spiegelbildlich verbucht das Kapital einen Anstieg
seiner Gewinnanteile an der Wertschöpfung. Dies bedeutet natürlich zugleich
einen permanenten Machtverlust der Arbeitnehmerseite - was auch in der
wachsenden Unverblümtheit der Arbeitgeber zum
Ausdruck kommt. Inzwischen wird ganz offen damit kokettiert, dass die sinkende
Lohnquote eine höchst willkommene Folge der Schwäche der Gewerkschaften sei,
während mit den lohnpolitischen Empfehlungen der Bedeutungsverlust der
Gewerkschaften betrieben wird.
Dies illustriert, dass dem Arbeitskampf in diesem Jahr ganz besondere Bedeutung
zukommt. Er wird gleichsam zum Prüfstein, ob die Gewerkschaften überhaupt noch
die Stärke besitzen, den Anschluss an die konjunkturelle Entwicklung
herzustellen. Da die Unternehmen von der höheren Produktivität nachhaltig
profitieren, müssen auch die Lohnbezieher nachhaltig beteiligt werden.
Ansonsten droht die endgültige Aushebelung des Tarifrechts.
Dabei ist es nicht nur mehr als gerecht, sondern auch ökonomisch sinnvoll, die
Beschäftigten wieder am Produktionsfortschritt zu beteiligen. Lohnerhöhungen
von mindestens vier Prozent im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt (zwei
Prozent für den Produktivitätsanstieg und zwei Prozent Inflationsausgleich)
sollten deshalb in diesem Jahr unbedingt angestrebt werden. Die IG Metall ist
diesbezüglich auf einem guten Weg (und hat deshalb völlig zu Recht für die
Metall- und Elektroindustrie eine Lohnerhöhung von 6,5 Prozent gefordert); im
Einzelhandel und im öffentlichen Dienst, der erst am 31. Dezember neu
abschließt, dürfte dies allerdings schwerer zu erreichen sein.
Gelingt es jedoch erneut nicht, eine Wende in der Tarifpolitik weg von der
Lohnzurückhaltung zu erreichen, dürfte die Krise der Gewerkschaften zunehmend
dramatisch werden. Tatsächlich befindet sich die organisierte
Arbeitnehmerschaft heute in einer doppelten Schwächeposition: Einerseits sind
die Beschäftigten dem wachsenden Druck der Kapitalseite ausgesetzt, andererseits
geraten sie mehr und mehr unter den Druck der Betriebe, wenn nämlich die
Tarifverträge immer mehr in Richtung des Existenzminimums driften bzw. dieses,
wie etwa im Friseurhandwerk oder beim Wachschutz, bereits erreicht haben. An
dieser Stelle manifestiert sich die fortgesetzte Spaltung des Arbeitsmarkts in
einen Normal- und einen Niedriglohnsektor. So befinden sich unter den 260 000
in 2006 neu entstandenen Arbeitsstellen allein 59 800 Ein-Euro-Jobber (23,2
Prozent), die dennoch als sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gezählt
werden.
Hier aber stellt sich die wohl dramatischste Frage der gegenwärtigen
Arbeitsmarktpolitik: Nach zwei Dekaden der Deregulierung gehen in Deutschland
inzwischen rund fünf Millionen Beschäftigte einer Arbeit nach, mit deren
Entlohnung sie nicht einmal über die offiziell definierte Armutsgrenze
hinauskommen. 400 000 Vollzeitbeschäftigte benötigen Zuschüsse aus dem
Arbeitslosengeld II. Das bedeutet, dass Erwerbsarbeit immer häufiger Armut
nicht beseitigt, sondern erst erzeugt bzw. aufrechterhält.
Dabei befinden sich unter den Niedriglohnbeziehern in wachsendem Maß auch
qualifizierte Beschäftigte. Und besonders häufig sind Frauen betroffen.
Zunehmend wird die Bundesrepublik damit zum Land der Hungerlöhne, in dem der Staat
mit seiner Alimentierung als bessere Suppenküche fungiert.
Ein besonderer Fall dieser Form neofeudaler Ausbeutung hat unlängst zu großer
Empörung geführt: Während sich das Hamburger Dorint Sofitel für die Präsidentensuite 1275 Euro pro Nacht
bezahlen lässt, erhält die geknechtete Reinigungskraft in dieser Nobelherberge
einen Stundenlohn von 1, 92 Euro. Dies hat inzwischen sogar den CDU-Senat dazu
veranlasst, eine Initiative gegen den menschenverachtenden Umgang mit abhängig
Beschäftigten zu organisieren.
Tatsächlich ist das bundesdeutsche Tarifrecht längst so durchlässig geworden, dass eine stetig wachsende Zahl von Arbeitnehmern der neuen
Gewaltenteilung am Arbeitsmarkt - schwache Gewerkschaften, starkes Kapital -
hilflos gegenübersteht. Wichtigstes Ziel der Zukunft muss es sein, allen
Beschäftigten zumindest ein existenzsicherndes
Einkommen zu garantieren, um dadurch eine Teilhabe an der Konsumtion zu
ermöglichen. Die Bekämpfung von Armutslöhnen wird damit zur vorrangigen
moralisch-ethischen Aufgabe.
Gegen den Skandal der Ausbeutung per Lohndumping gibt es in der gegenwärtigen
Situation nur ein taugliches Mittel: die unverzügliche Einführung eines
Mindestlohns für alle Branchen und für alle Arten von Erwerbsarbeit. Als
moderater Einstieg ist der Vorschlag von Verdi angemessen, den
Mindeststundenlohn auf 7,50 Euro brutto festzulegen. Die Arbeitnehmerlöhne
würden auf diese Weise um etwa zwölf Milliarden Euro steigen, und bei den
Sozialversicherungen wären Mehreinnahmen von 4,2 Milliarden Euro zu erwarten -
eine dringend erforderliche Entlastung der zunehmend strapazierten privaten und
staatlichen Haushalte.
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Der Autor
Rudolf Hickel ist Direktor des
Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW), Professor für Finanzwissenschaft an der
Universität Bremen und am Europäischen Institut für Wirtschaft, Wirtschafts-
und Gesellschaftspolitik. Weitere Veröffentlichungen: "Die Risikospirale -
was bleibt von der New Economy", Eichborn-Verlag
2001. "Kassensturz", Rohwohlt 2006.
Der dokumentierte Beitrag wird im März-Heft der Zeitschrift Blätter für
deutsche und internationale Politik. Hrsg. von Norman Birnbaum, Jürgen Habermas u. a. erscheinen. ber
Von den
Gegnern des Mindestlohns wird dagegen regelmäßig behauptet, dieser würde das
Tarifvertragssystem aushebeln. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Heute schaffen
es die Tarifparteien immer weniger, die Entwicklung zu Hungerlöhnen zu
vermeiden. Mehr noch: Durch ihre Tarifabschlüsse, etwa im Friseur-,
Gebäudereinigungs- und Wachschutzbereich, sind sie auch für die Armutslöhne
großenteils verantwortlich.
Um dieser Entwicklung wirksam zu begegnen, wurde zumindest in der Bauindustrie
bereits ein branchenbezogener Mindestlohn vereinbart, der im Entsendegesetz für
verbindlich erklärt wurde. Diese von den Tarifparteien fixierten
Mindestvereinbarungen, die Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD)
immerhin auf weitere Branchen ausweiten will, dürfen jedoch nur ein erster
Schritt sein. Das Ziel muss eine bundesweit einheitliche Lohnuntergrenze sein,
wie sie in den meisten europäischen Nachbarstaaten längst existiert.
Dass seitens der Unternehmen vorgebrachte Argument, nur Armutslöhne seien
angesichts der globalen Konkurrenz marktgerecht, erweist sich als ökonomisch
unsinnig. Die meisten Unternehmen missbrauchen nur ihre im Zuge der
Globalisierung gewachsene Macht und steigern durch sinkende Lohnkosten ihre
Kapitalprofite. Die Gesellschaft aber, die immer mehr für den Ausgleich der
wachsenden Armutslücke aufkommen muss, trägt den Schaden davon. Deshalb setzen
auch die häufig vorgeschlagenen Kombilöhne ein völlig falsches Signal: Die
durch die Unternehmen durchgesetzten Niedriglöhne werden durch sie vielmehr
zementiert, da der Staat (zu seinem Schaden) den Ausgleich zum existenzsichernden Erwerbseinkommen übernimmt.
Gegen dieses offensichtliche Marktversagen, das durch skrupellos eingesetzte
Unternehmensmacht ausgenutzt wird, richtet sich der gesetzlich fixierte
Mindestlohn. Darüber hinaus würde die Gesamtwirtschaft von der steigenden
Kaufkraft profitieren, wie auch die Gesamtgesellschaft von der Entlastung ihrer
Sozialhaushalte. Schließlich geben Mindestlöhne einen Anreiz, einer auskömmlichen
Beschäftigung nachzugehen, statt auf Sozialleistungen zu spekulieren.
In den Arbeitskämpfen geht es vor allem um eine gerechte Entlohnung, die die
soziale Lage der Benachteiligten wirksam verbessert und so auch das Vertrauen
in die Wirtschaft und das politische System wieder stärkt. In diesem Sinne muss
die Wirtschaft in allen Bereichen eine Entlohnung einkalkulieren, die die
Existenz der unter harten Bedingungen Arbeitenden monetär sichert und sie an
den Produktivitäts- und Wachstumsfortschritten wieder angemessen beteiligt. Nur
auf diese Weise wird das deutsche Tarifsystem auf Dauer eine Zukunft haben -
als Kernbestandteil der sozialen Marktwirtschaft und einer aktiven Demokratie.
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Copyright © FR online 2007
Dokument erstellt am 26.02.2007 um 16:48:01 Uhr
Letzte Änderung am 26.02.2007 um 16:58:13 Uhr
Erscheinungsdatum 27.02.2007
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