Wer stört hier wen?

Düsseldorf

<http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/duesseldorf.html>,

16.05.2008, DOMINIK MAEDER

<http://www.derwesten.de/nachrichten/staedte/duesseldorf/2008/5/16/news-46931035/detail.html#comments>

SOZIALES. Die Lobby der Obdachlosen lud auf den Burgplatz ein.

Geschäftsmann plädiert für Weltoffenheit im Herzen der Altstadt.

 

Es wäre kein weiter Weg gewesen. Ein ziemlich kurzer sogar, um genau zu

sein. Doch beim zweiten Berbersymposium, das gestern in Sichtweite des

Rathauses am Burgplatz über die Bühne ging, war der einzige Vertreter

des Ordnungsamts ein Mitarbeiter des Ordnungs- und Servicedienstes

(OSD), der dort in respektvollem Abstand auf Streife ging. So

diskutierten die Gegner der Straßenordnung und des möglichen

Alkoholverbots an den Rheintreppen weitgehend unter sich über die Folgen

für Wohnungslose.

 

Auch Geschäftsleute gesellten sich wie Vertreter der Ratsfraktionen mit

Ausnahme der CDU zu den Teilnehmern: "Am Burgplatz muss Weltoffenheit

demonstriert werden", forderte Dirk Schaper, Vorsitzender der

Altstadtgemeinschaft. Bäcker Josef Hinkel zeigt, wie's geht: "Wenn

Obdachlose vor meiner Filiale Kunden anschnorren oder die Bank belegen,

dann kann ich das nicht verbieten, aber erklären, dass ältere Kunden

sich auch gerne setzen möchten", schildert Hinkel seinen Alltag. "Hinter

Regeln sollte man sich dabei nicht verstecken."

 

Kartenspiel mit Bußgeld bestraft

 

Insgesamt waren dem Aufruf der Altstadtarmenküche, des Straßenmagazins

"fiftyfifty" und dem Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der

Fachhochschule etwa 150 Studenten, Wohnungslose und Anlieger gefolgt.

Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen den OSD: "Die Mitarbeiter sind

rigider geworden", berichtet fiftyfifty-Gründer Hubert Ostendorf. In der

Hand hält er eine "schriftliche Verwarnung", die der OSD vor etwa einem

Jahr an einen Wohnungslosen am Hauptbahnhof verteilte. Begründung für

das Bußgeld von 35 Euro: "Sie saßen in einer Personengruppe auf dem

Gehweg und spielten Karten."

 

Das Spiel kann teuer werden: Wer innerhalb einer Woche nicht zahlt, muss

60 Euro berappen, danach kann es sogar ins Gefängnis gehen. "Und das",

so Ostendorf, "kostet den Steuerzahler etwa 100 Euro pro Tag, ist also

volkswirtschaftlicher Unsinn."

 

Schon 35 Euro sind dabei für die Wohnungslosen viel Geld: "Das sind zehn

Prozent ihres Monatseinkommens", erklärt Pater Wolfgang Sieffert von der

Altstadtarmenküche. Von den 100 Bedürftigen, die sich jeden Tag eine

Mahlzeit bei der Armenküche abholen, haben die meisten - wie es im

Sozialarbeiterjargon heißt - ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße.

 

Teil des Stadt-Lebens

 

Und dort sollen sie auch ihren Lastern nachgehen dürfen, sind sich die

meisten Teilnehmer einig: "Eine Großstadt muss das ertragen", meint

Ernst Heitmann, der oft per Fahrrad den Burgplatz überquert. So manche

Glasscherbe hat ihm schon den Reifen aufgeschlitzt, "aber das ist Teil

des städtischen Lebens", nimmt es der 66-Jährige gelassen.

 

Dass vor allem Obdachlose für die Scherben verantwortlich seien,

bezweifelt Pater Wolfgang Sieffert: "Natürlich benehmen sich auch

Wohnungslose nicht immer richtig", schränkt er ein, "aber wenn die

Regeln generell verschärft werden, dann trifft es vor allem sie."

 

 

Burgplatz:Gleiche Regeln für alle

VON GÖKÇEN STENZEL


Die einen dürfen draußen trinken, sich treffen und amüsieren. Die anderen bekommen ein Bußgeld, wenn sie das selbe tun. Die einen sind die Besucher der Altstadt-Gastronomie, die anderen sind obdachlos und alkoholkrank: Ungleiche und damit rechtswidrige Behandlung der Personen in der Altstadt - so lautete der Vorwurf, den die Veranstalter des „Berber-Symposiums“ auf dem Burgplatz gestern erhoben. Altstadt-Armenküche, fifty-fifty und Fachhochschule (FH) hatten zur Diskussion über das Thema Alkoholverbot eingeladen, Altstadtwirte und die Ratsfraktionen waren gekommen. Die CDU hatte abgesagt. Dabei ist es die Union, die einem Sommer-Alkoholverbot auf dem Platz zustimmt.


Eine entsprechende Verordnung, die dem Stadtrat im Februar vorgelegt worden war, kam nur deswegen nicht, weil die anderen Fraktionen sie ablehnten - und weiter ablehnen, wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann von der FDP betont: „Wir haben genug Verbote in der Stadt.“ Klaus Riekenbrauk, Professor an der FH, ist aber sicher, dass das Thema erneut auf den Tisch kommt. Das befürchten auch die Streetworker Oliver Ongaro und Thomas Wagner, die von massiver Ungleichbehandlung durch den Ordnungs-und Sicherheitsdienst sprechen: „In der Straßenordnung ist von Lagern und störendem Alkoholkonsum die Rede“, so Wagner. „Tatbestände, die nicht zu definieren sind.“ Obdachlose, die auf Bänken sitzen, bekämen Bußgelder wegen „Lagerns“, andere Besucher nicht. Womit das Problem umrissen war: Es geht weniger ums Sitzen und Trinken auf dem Burgplatz, „sondern um die Vertreibung unliebsamer Leute“, so Hubert Ostendorf von fifty-fifty. Es gebe aber keine Plätze oder Räume, in denen Obdachlose bleiben und Bier trinken können, in den Tagesstätten herrscht Alkoholverbot. Ostendorf: „Ein Café, in dem Obdachlose Bier trinken dürfen, würde helfen.“


Womöglich. Denn dass sich manche Bürger von grölenden Trinkern auf dem Platz vertrieben fühlen,erzählt ein Wirt aus einer Gaststätte am Schlossturm. „Aber“, sagt er, „der Platz ist doch für alle da.“ Das Symposium stand unter dem Titel „Burgplatz - ein Platz für alle“.


Hintergründe auf www.rp-online.de/duesseldorf

 

- /GÖKÇEN STENZEL


Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.114
Datum: Samstag, den 17. Mai 2008
Seite: Nr.10

 

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