„Billigimporte sind das Problem“

Alinx Jean-Baptiste von der Kindernothilfe über die Hintergründe der Hungeraufstände

Hat sich die Lage in Port-au-Prince beruhigt?

Die Geschäfte haben wieder geöffnet. Wir haben drei Stunden täglich Strom. Die Barrikaden sind abgebaut.

Wo kamen die Demonstranten her?

Sie kamen aus den Armenvierteln um Port-au-Prince, von dort, wo es kein fließendes Wasser gibt, keinen Stromanschluss, keine Müllabfuhr. Wo die die Leute höchstens einen Dollar pro Tag haben.

Was hat ausgerechnet jetzt die Krise ausgelöst?

Haiti führt sehr viele Nahrungsmittel aus den USA und der Dominkanischen Republik ein. Die Bauern hier konnten nicht mithalten mit den niedrigen Preisen der Billigeinfuhren. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben korrupte Regierungen den Markt einfach für derlei Importe geöffnet, ohne einzugreifen. Reis kam zum ersten Mal vor 20 Jahren aus den USA. Er war billiger als der Reis, der von hiesigen Bauern angebaut wurde. Der einheimische Reis wurde also nicht mehr gekauft, der Anbau lohnte sich nicht. Bei Hühnern ist das gleiche passiert. Und nun ist man auf Importe angewiesen, so dass ein international ansteigender Preis sich sofort in Haiti auswirkt.

Gibt es denn überhaupt noch Bauern in Haiti?

Ja, etwa 60 Prozent der acht Millionen Haitianer leben auf dem Land. Sie versuchen, auf kleinsten Flächen soviel anzubauen, dass sie zumindest ihre Familien ernähren können. Was übrig bleibt, wird dann auf den lokalen Märkten angeboten.

Warum bieten die Kleinbauern ihre Produkte nicht in der Hauptstadt Port-au-Prince an?

Hierzu fehlt einfach die Infrastruktur. Es gibt keine vernünftigen Straßen, die Waren können nicht transportiert werden. Mangos verfaulen beispielsweise, weil sie, wenn sie reif sind, nicht zum Konsumenten gelangen.

Auch die Bodenerosion ist ein Problem. Woher kommt sie?

Wenn sie sehen, wie in Haiti die meisten der Armen mit Holzkohle ihre kleinen Feuerstellen anheizen, dann verstehen sie, warum nur noch zwei bis drei Prozent der gesamten Landesfläche mit Bäumen bewachsen sind. Der Rest ist karges, karstiges Land – für die Holzkohle werden ständig weiter Bäume gefällt. Auf diesem Boden kann nichts mehr angebaut werden. Um ihren Hunger zu betäuben, essen Leute oft so eine Art Lehmkuchen. Sie bestehen hauptsächlich aus Erde, die aus einem Zentralplateau Haitis kommt. Diese Lehmküchlein kosten pro Stück nur etwa einen Cent. Man kann sie überall auf den Märkten kaufen.

Herrscht in Port-au-Prince derzeit eine Ruhe vor dem Sturm?

Die Unruhen könnten wieder aufflackern, wenn die Preise weiter steigen und die Regierung keine Anstrengungen macht, um die Landwirtschaft neu zu beleben. Dann könnte sich der Zorn der Menschen erneut durch Demonstrationen und Verwüstungen Luft verschaffen.

Interview: Ingrid Müller-Münch

 

RHEININGER

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 90)

Datum: Donnerstag, den 17. April 2008

Seite: 9

 

Preissenkung kommt nicht an

Reis wird in Haiti weiterhin teuer verkauft

Port-au-Prince. In Haiti halten die Auseinandersetzungen wegen der hohen Lebensmittelpreise an. Händler und Kunden gerieten am Dienstag aneinander, weil Reis trotz des Eingreifens der Regierung nicht billiger geworden ist. Die Läden verkauften das Grundnahrungsmittel noch zu den hohen Preisen, die in der vergangenen Woche auf dem Weltmarkt gezahlt werden mussten. Die Regierung hatte am Wochenende mit den Importeuren eine deutliche Senkung der Kosten vereinbart.

Vor zahlreichen Geschäften gab es heftige Auseinandersetzungen. Eine Mehrheit der neun Millionen Haitianer muss mit weniger als zwei Dollar (1,26 Euro) pro Tag auskommen. Nach tagelangen Unruhen war Ministerpräsident Jacques Edouard Alexis am Samstag vom Parlament entlassen worden. Abgeordnete warnten vor einem Aufflammen der Gewalt, sollte die Regierung die Preissenkung nicht durchsetzen. „Dann müssen wir uns auf weitere Vorfälle zwischen Käufern und Verkäufern einstellen“, sagte der Parlamentarier Jean Beauvoir Dorson. Die Händler machten geltend, dass sie ihre Vorräte zu höheren Preisen eingekauft hätten.

Proteste gegen den drastischen Anstieg der Nahrungsmittelpreise gab es auch in afrikanischen Ländern, in Bangladesch, Indonesien und auf den Philippinen. Die Weltbank warnte davor, dass die Krise Millionen Menschen in Armut und Hunger stürze. Die rapide Teuerung geht vor allem auf höhere Energiepreise, eine stärkere Nachfrage nach Lebensmitteln in Asien und den durch Subventionen geförderten Biosprit-Boom zurück, der landwirtschaftliche Anbauflächen verbraucht. rtr

 

RHEININGER

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 90)

Datum: Donnerstag, den 17. April 2008

Seite: 9

 

17.04.2008 / Titel / Seite 1

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Hungersnot mit Ansage

Von Klaus Fischer und Robert Best

 

Teil des Problems? Nahrungsmittel zur Hungerbekämpfung – wie hier Reis auf den Philippinen – sollen auf regionalen Märkten gekauft werden, fordert CARE Deutschland

Foto: AP

Die globale Nahrungsmittelkrise ist offenbar schlimmer als befürchtet. Allein im laufenden Jahr benötige das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen zusätzlich 1,4 Milliarden US-Dollar. In Somalia, dem Sudan, der Demokratischen Republik Kongo, Afghanistan, Simbabwe, auf den Philippinen und in Haiti sei die Bevölkerung besonders stark vom Hunger betroffen, betonte WFP-Regionalkoordinator Gemmo Lodesani am Mittwoch in der französischen Zeitung Le Parisien. Er erwartet weitere Hungerrevolten infolge der weltweit steigenden Lebensmittelpreise.

 

Der Vorsitzende von CARE Deutschland-Luxemburg, Heribert Scharrenbroich, beklagte »das Fehlen einer konsequenten Strategie bei der Hungerbekämpfung und eine verantwortungslose Handelspolitik« als Ursache der nun plötzlich von IWF und Weltbank entdeckten Hungerkatastrophe. Diese reichten »von den Handelshemmnissen für die Länder der Dritten Welt über Exportsubventionen für die Agrarprodukte der Industrieländer bis hin zur Vernichtung von Nahrungsmitteln durch Biogasproduktion im großen Stil, so der CARE-Regionalchef anläßlich einer am Mittwoch in Bonn begonnenen Konferenz der UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO).

 

Scharrenbroich verwies zudem auf fragwürdige Praktiken bei der »Hilfe« gegen Hunger. Auch das WFP sei ein Mitverursacher der Krise, weil – nicht zuletzt in Afrika – viele bäuerliche Existenzen durch Anlieferung von Getreide aus den USA zerstört worden seien. »Wenn jetzt das WFP viele Menschen vor dem Hungertod retten soll, muß man genau hinsehen, welche Art von Hilfe gerade die USA dem WFP anbieten. Sachhilfe in Form von Getreide darf nur noch dann akzeptiert werden, wenn dieses in den betroffenen Regionen nicht gekauft werden kann«, forderte Scharrenbroich.

 

Ähnlich äußerte sich Johann Bergmann vom globalen bäuerlichen Netzwerk La Via Campesina gegenüber jW. »Durch internationale Verträge werden Länder des Südens gezwungen, cash crops, also schnell verkäufliche und profitable Nutzpflanzen, für den Export anzubauen In der Konsequenz würden Kleinbauern von ihrem Land vertrieben, Regenwald werde abgeholzt. Hinzu käme, daß »durch Exportsubventionen für Fleisch und Milchpulver aus der EU« diese Produkte in Afrika »weit unter den dortigen Herstellungskosten verkauft« werden. »Die Folge: Bäuerliche Existenzen werden zerstört, Menschen verlassen ihr Land in Richtung der Slums von Großstädten oder versuchen unter lebensbedrohlichen Bedingungen, die EU-Grenzen zu überwinden

 

La Via Campesina hat den 17. April zum »Tag des Widerstands und der Aktion gegen alle Formen von Unterdrückung der ländlichen Bevölkerung« erklärt. Mit zahlreichen Aktionen weltweit wollen die Mitglieder des Netzwerkes für »Ernährungssouveränität« werben.

 

17.04.2008 / Ausland / Seite 7

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Tödliches Versagen

Hungerkrise in Haiti: Der Grund sind die neoliberalen Entwicklungsstrategien von Weltbank und USA

Von Alexander King

Sechs Tote und der Sturz der Regierung – das ist die vorläufige Bilanz der Hungerrevolte in Haiti. Die Regierung von Premierminister Jacques-Edouard Alexis wurde am vergangenen Samstag vom Senat – in Abwesenheit der Senatoren der Regierungspartei Lespwa – abberufen. Selbst Präsident René Préval, der erst vor zwei Jahren mit überragender Mehrheit gewählt worden war, wankt. Sein politisches Schicksal hängt jetzt ironischerweise auch von den Zuwendungen jener Institutionen ab, die für die Krise in Haiti mitverantwortlich sind.

 

Denn Haiti ist ein klassisches Opfer westlicher »Politikberatung«. Es waren Weltbank und die US-amerikanische Entwicklungshilfeagentur USAID, die dem Karibikstaat in den 80er Jahren eine streng neoliberale Handels- und Wirtschaftspolitik aufgezwungen haben. Sie nutzten dazu die Umbruchsituation nach dem Sturz der Diktatorenfamilie Duvalier 1986. Noch im selben Jahr trat ein neues Handelsrecht in Kraft, das die Importsteuern auf Nahrungsmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs drastisch senkte. Nach Ansicht der Weltbank wurde den Haitianerinnen und Haitianern so ein besserer Zugang zu günstigeren Nahrungsmitteln ermöglicht: Die Nahrungsmittelimporte sollten ansteigen, das Angebot vergrößert werden. Zugleich war klar, daß die massenhafte Einfuhr von preiswerten Waren, etwa Reis und Geflügel aus den USA, lokale Produzenten verdrängen würde.

Verlängerte Werkbank

So war auch die massive Landflucht, die nach 1986 tatsächlich einsetzte, Teil des »Entwicklungsplans« der Weltbank: Die ehemaligen Landarbeiter sollten Arbeit in den neuen Fertigungshallen der Montageindustrie finden, die zeitgleich stark gefördert wurde. Diese Strategie war mit den Auslagerungsplänen der US-Konzerne abgestimmt. Mit der »Caribbean Basin Initiative«, der »Initiative für das Karibikbecken«, die den bevorzugten Zugang für Produkte der dortigen Fertigungsindustrie auf den US-Markt regelt, hatte die US-Regierung schon ab 1983 die Rahmenbedingungen geschaffen: Die Karibik wurde zur verlängerten Werkbank der US-Industrie.

 

Die Folgen in Haiti waren verheerend: Die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf ging um über ein Drittel zurück. Besonders betroffen waren die Grundnahrungsmittel Reis, Hirse und Bohnen, die traditionell auf den lokalen Märkten gehandelt worden waren und die nun durch die konkurrenzlos preiswerten Importe verdrängt wurden. Viele bäuerliche Familien wurden auf die reine Subsistenzwirtschaft zurückgeworfen oder gezwungen, in die Städte zu ziehen, wo der Straßenhandel mit den Importwaren zumindest einigen von ihnen ein geringes Einkommen ermöglichte.

 

Die Hoffnung, daß die Montageindustrie die freiwerdende Arbeitskraft absorbieren würde, erfüllte sich nicht. Nach einem kaum merklichen Aufschwung Mitte der 80er Jahre mit damals rund 50000 mehr Beschäftigten, arbeiten heute nur noch zwischen 10000 und 20000 Menschen in den Montagehallen. Während diese Industrie in den 80er Jahren unter anderem noch die Fertigung von Spielwaren und Elektronikgeräten einschloß, sind heute fast ausschließlich Textilunternehmen anzutreffen. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in Port-au-Prince oder im neuen Industriepark Maribahoux an der Grenze zur Dominikanischen Republik fertigen einfache Kleidung für Markenfirmen wie Levi's oder Hanes Brand. Hinzu kommt, daß die Einrichtung von Industriezonen und die Urbanisierung in der Umgebung solcher Gebiete wertvolle landwirtschaftliche Nutzfläche vernichtet. In Maribahoux etwa wurden ab 2002 für den Industriepark eines dominikanischen Textilkonzerns Hunderte Bauernfamilien von ihrem Land gedrängt – zu geringen Entschädigungssummen. Von den 10000 versprochenen Arbeitsplätzen sind bis heute aber nur 2000 entstanden. Die Arbeitsbedingungen in den Industrieparks werden von den Gewerkschaften als menschenunwürdig beschrieben, die Entlohnung übersteigt den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit zwei US-Doller pro Tag nur unwesentlich. Von diesem Lohn die steigenden Lebenshaltungskosten zu bestreiten, ist unmöglich.

Eigenproduktion notwendig

Denn auch dieser Teil der Weltbankstrategie ist nicht aufgegangen: Durch die Importflut von Grundnahrungsmitteln aus den USA sind diese auf lange Sicht nicht preiswerter geworden. Die Marktbereinigung zuungunsten der lokalen Produzenten und zugunsten der Importeure hatte letztlich den massiven Preisanstieg der importierten Waren zur Folge. Schon ab Ende der 80er Jahre setzte die – kurzfristig nach der Zollsenkung in eine Deflation umgeschlagene – Inflation wieder ein und stieg bis auf fast 40 Prozent in 2004. Seither ist zwar die allgemeine Inflationsrate auf 14,4 Prozent (2007) zurückgegangen, die Preise für Grundnahrungsmittel wie Reis explodierten jedoch geradezu. Sie haben sich innerhalb des vergangenen Jahres teilweise verdoppelt. Dem Preisanstieg dieser Waren auf dem Weltmarkt – durch die wachsende Nachfrage in Ostasien, die Konkurrenz mit Pflanzen für »Biosprit« und Börsenspekulationen angeheizt – war Haiti wie auch andere Länder, die sich dem neoliberalen Handelsdiktat gebeugt hatten, hilflos ausgesetzt.

 

Jetzt ist kurzfristige Abhilfe in Sicht. Mit Unterstützung der Weltbank und der haitianischen Importeure soll der Preis für Reis um ein Sechstel gesenkt werden. Umfangreiche Nahrungsmittelhilfen aus Venezuela und Brasilien sind angekündigt. Dies wird die schlimmste Not kurzfristig lindern. Auf Dauer könnten aber auch diese Maßnahmen in die falsche Richtung wirken. Präsident Préval selbst verwies auf die Notwendigkeit, mittelfristig die lokale Produktion zu stärken, um sich gegen die Unwägbarkeiten des Weltmarktes zu schützen. Zentrales Projekt muß nun die angekündigte Agrarreform sein, um eine größere Eigenständigkeit in der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zu erreichen.

 

Dagegen ist Widerstand zu erwarten. Die mächtigen Händlerfamilien Haitis, oftmals deutschen und libanesischen Ursprungs, waren die Nutznießer der neoliberalen Wirtschaftsstrategien. Ihr Reichtum und ihre politische und wirtschaftliche Macht basieren auf den Beteiligungen an den Betreiberkonsortien der Industrieparks und ihren Monopolen beim Import. Sie üben zugleich großen Einfluß auf die Politik des Landes aus. Die Krise der Mitte-links-Regierung von Préval und Alexis, deren demokratische Wahl vor zwei Jahren sie nicht verhindern konnten, kommt ihnen deswegen recht.

 

Und die seit 2004 stationierte UN-Besatzungstruppe MINUSTAH? Sie ist bereits die zweite UN-Mission in Haiti seit 1994 und ein weiterer milliardenteurer Beleg dafür, daß sich die durch neoliberale Wirtschafts- und Entwicklungsstrategien vertieften strukturellen Verwerfungen nicht durch eine internationale Militärpolitik in den Griff bekommen lassen. Im Gegenteil ist die MINUSTAH ein Hauptadressat des Protestes und reagiert darauf mit äußerster Härte. Auf einer Geberkonferenz Ende April soll nun die zivile Aufbauhilfe aufgestockt werden. Damit sie wirksam werden kann, ist ein radikales Umdenken nötig, im Land und international.

Alexander King ist promovierter Diplomgeograph. Er hat im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit zwischen 1996 und 2004 längere Zeit in Haiti verbracht.

 

 

Hunger-Krise führt zu Aufständen in 33 Ländern

      VON MATTHIAS BEERMANN

        Düsseldorf/Washington Die weltweit explodierenden Preise für

        Nahrungsmittel schüren die Furcht vor politischen und sozialen

        Unruhen. In 33 Ländern rund um den Globus sind nach Angaben der

        Weltbank in den vergangenen Monaten bereits Hungerproteste

        ausgebrochen.

        Die deutsche Entwicklungshilfeministerin Heidemarie

        Wieczorek-Zeul machte bei der Weltbank-Frühjahrstagung in

        Washington gestern vor allem die forcierte Herstellung von

        Biotreibstoff für den Preisanstieg verantwortlich und forderte

        eine Umkehr.

        Weltbankpräsident Robert Zoellick beklagte, "während sich manche

        Sorgen machen, wie sie ihren Benzintank füllen, kämpfen viele

        andere darum, wie sie ihren Magen füllen können". Die tagelangen

        Massenproteste in Haiti führten am Wochenende zum Sturz der

        Regierung. Bei den Ausschreitungen starb ein Uno-Polizist.

        STIMMEDESWESTENS SEITE A 2

          - /MATTHIAS BEERMANN

 

Quelle:

Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Publikation: Rheinische Post Düsseldorf

Ausgabe: Nr.87

Datum: Montag, den 14. April 2008

Seite: Nr.1

 

 

Die globale Hunger-Krise

    Katastrophale Folgen der steigenden Lebensmittelpreise befürchtet

    der IWF -- sogar die Demokratie ist demnach in Gefahr

        Von Markus Sievers

        In Deutschland zehren explodierende Lebensmittelpreise die

        Lohnsteigerungen auf, weltweit treiben sie Millionen Menschen in

        den Hunger und schüren soziale und politische Spannungen.

        Beim Frühjahrsgipfel von Internationalem Währungsfonds (IWF) und

        Weltbank rückte der Preis der Nahrung gleichberechtigt mit der

        Finanzmarktkrise zum beherrschenden Thema auf. IWF-Chef

        Dominique Strauss-Kahn warnte vor den verheerenden Folgen.

        "Hunderttausende Menschen werden hungern müssen, Kinder werden

        an Mangelernährung leiden", sagte Strauss-Kahn. "Es ist nicht

        nur eine humanitäre und wirtschaftliche Frage, sondern eine, die

        die Demokratie betrifft."

        Haitis Regierung gestürzt

        Dass dies kein düsteres Szenario für eine ferne Zukunft ist,

        zeigen die Unruhen in Asien, Nordafrika und der Karibik. In

        Haiti stürzte die Regierung von Ministerpräsident Jacques

        Edouard Alexis, nachdem bei Hungerprotesten innerhalb einer

        Woche fünf Menschen getötet worden waren. Bei den Zusammenstößen

        kam in der Hauptstadt Port-au-Prince auch ein nigerianischer

        UN-Soldat ums Leben. In dem ärmsten Land Lateinamerikas müssen

        die Menschen für viele Lebensmittel mehr als doppelt so viel

        zahlen wie vor einem Jahr. Auch aus anderen Regionen kommen

        Berichte über Ausschreitungen. In Bangladesch lieferten sich

        Arbeiter Straßenschlachten mit der Polizei. Mindestens 50

        Menschen wurden dabei verletzt.

        Die rasante Teuerung von Lebensmitteln macht laut einer

        aktuellen Weltbankstudie die Hoffnung zunichte, die Menschheit

        könne im 21. Jahrhundert im Kampf gegen die Armut endlich

        vorankommen. Weltweit sind die Preise für das Essen der

        Untersuchung zufolge binnen drei Jahren um 83 Prozent in die

        Höhe geschnellt. Für Weizen, in vielen Staaten ein

        Grundnahrungsmittel, müssten die Menschen sogar 181 Prozent mehr

        bezahlen. Viele können das nicht.

        Als Gründe nennen Experten höhere Energiepreise sowie die starke

        Nachfrage nach Fleisch und anderen Wohlstandsprodukten in Indien

        und China. Zudem schrumpft die globale Anbaufläche durch

        Umwelteinflüsse und den Boom von Biosprit.

        Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD)

        forderte in Washington, den Einsatz von Biokraftstoffen und die

        staatlichen Subventionen zu überdenken.

        Die Bundesbürger müssen sich laut Bundesvereinigung der

        Deutschen Ernährungsindustrie auf einen weiteren Anstieg der

        Verbraucherpreise um drei bis vier Prozent in diesem Jahr

        einstellen. Wirtschaftsexperten warnten vor den konjunkturellen

        Folgen. Die Hoffnung auf eine Belebung des privaten Konsums

        könnte sich damit erneut zerschlagen, sagte der Vorsitzende der

        Wirtschaftsweisen, Bert Rürup. Seiten 4 und 11

 

 

          RSIEVERS

 

 

 

© Copyright Frankfurter Rundschau

Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 87)

Datum: Montag, den 14. April 2008

Seite: 1

 

 

12.04.2008 / Titel / Seite 1

 

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  Hunger im Überfluß

 

Von Klaus Fischer

 

Port-au-Prince am Dienstag: Bei Protesten gegen gestiegene Leben

 

Port-au-Prince am Dienstag: Bei Protesten gegen gestiegene

Lebenshaltungskosten kamen diese Woche in Haiti mehrere Menschen ums Leben

 

Foto: AFP

 

Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) befürchtet

weitere Preissteigerungen für Nahrungsmittel. Diese Entwicklung bedrohe

weltweit Millionen der ärmsten Menschen, warnte die UN-Gliederung in

ihrem am Freitag in Rom veröffentlichten Quartalsbericht. In vielen

Entwicklungsländern seien die Preise für Brot, Reis, Milch und andere

Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen,

heißt es in dem Papier.

 

Die Preisexplosion hat nichts mit einer Knappheit an Getreide zu tun. Im

Jahr 2007 war die weltweite Getreideproduktion um fast fünf Prozent

ausgeweitet worden. In diesem Jahr erwartet die FAO eine weitere

Steigerung und rechnet mit einer Rekordernte von 2,16 Milliarden Tonnen.

Dies könnte, so hoffen die Experten der UN-Organisation, die angespannte

Lage etwas verbessern. Diese scheint in zahlreichen Ländern inzwischen

bedrohlich.

 

Im armen Karibikstaat Haiti waren in der zurückliegenden Woche mehrere

Personen bei Hungerprotesten getötet worden. In Ägypten, Burkina Faso,

Kamerun, Indonesien, Côte d'Ivoire, Mauretanien, Moçambique und Senegal

begehren die Hungernden auf. In großen asiatischen Staaten wie Indien,

Pakistan, Indonesien oder auf den Philippinen versuchen die Regierungen,

mit Hilfe staatlicher Subventionen das Schlimmste abzuwenden.

FAO-Generaldirektor Jacques Diouf fürchtet, daß bald weitere Krisenherde

hinzukommen.

 

Inzwischen hat das Thema auch die Regierungssitze der reichen westlichen

Industriestaaten erreicht. Der Klimawandel, die Produktion von Biosprit,

veränderte Ernährungsgewohnheiten in den Schwellenländern und gestiegene

Ölpreise trieben derzeit die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, warnte

die deutsche Enwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Vor

ihrer Abreise zur Frühjahrstagung von IWF und Weltbank forderte die

SPD-Politikerin am Freitag bezahlbare Lebensmittel für alle.

 

Großbritanniens Premierminister Gordon Brown will offenbar auf dem

G-8-Gipfel im Juli auf Hokkaido das Thema Biokraftstoffe auf die Agenda

setzen. Die Staatschefs der sieben wichtigsten westlichen

Wirtschaftsnationen und Rußlands sollten über die Auswirkungen des

Biospritbooms auf die weltweiten Lebensmittelpreise sprechen, hatte der

Londoner Guardian am Donnerstag aus einem Brief Browns an seinen

japanischen Kollegen Yasuo Fukuda zitiert. »Es herrscht zunehmend

Konsens darüber, daß wir die Auswirkungen der verschiedenen Arten und

Herstellungsweisen von Biokraftstoffen auf die Lebensmittelpreise

untersuchen müssen«, soll Brown geschrieben haben.

 

Nach Ansicht vieler Experten sind es nicht Biospritanbau und gestiegene

Ener­giekosten allein, die Nahrungsmittel derart verteuern. Vor allem

haben internationale Investoren nach dem Quasi-Zusammenbruch der

US-Finanzmärkte einen beträchtlichen Teil ihrer Gelder in die Rohstoff-

und Nahrungsgüterbranche lanciert. Die dadurch angeheizte Spekulation

dürfte wesentlich zur Teuerung beigetragen haben. So verdoppelten sich

nach Angaben der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) die Preise für Weizen und

Soja zwischen Frühjahr 2007 und Mitte Februar 2008. Mais sei seit

letztem Herbst um 66 Prozent, Reis in den vergangenen zehn Monaten um

etwa 75 Prozent teurer geworden. Der von der FAO berechnete

Food-Price-Index ist innerhalb nur eines Jahres (März zu März) um 57

Prozent gestiegen. Damit seien die Nahrungsmittel für erhebliche Teile

der Weltbevölkerung zu teuer geworden, ihre Kaufkraft genüge nicht mehr,

sich ausreichend zu ernähren, so die NZZ.

 

Weltbank beunruhigt

 

 

    Weltweiter Anstieg der Armut befürchtet

 

 

        Der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und

        Großbritanniens Premierminister Gordon Brown haben zum Kampf

        gegen die weltweit explodierenden Preise für Nahrungsmittel und

        Rohstoffe aufgerufen. In armen Ländern hätten die hohen Preise

        dramatische Folgen, dem müssten die reichen Staaten

        gegensteuern, hieß es am Donnerstag in Washington und London.

 

 

        Eine international koordinierte Reaktion sei nötig, erklärte

        Brown in einem Schreiben an den derzeitigen Chef der

        G8-Staatengruppe, Japans Premierminister Yasuo Fukuda. Brown

        schlug vor, die sieben führenden Industrienationen und Russland

        (G8) sollten den IWF und die UN zur Entwicklung einer Strategie

        auffordern.

 

 

        Der IWF und die Weltbank zeigten sich alarmiert. "Es gibt das

        Risiko einer dauerhaft hohen Inflation", sagte IWF-Direktor

        Dominique Strauss-Kahn am Donnerstag in Washington. Er sprach

        sich dafür aus, armen Staaten finanziell zur Seite zu stehen.

        Die Produktivität der Landwirtschaft müsse erhöht werden, um die

        Situation zu ändern. Die Anbauflächen in armen Ländern müssten

        ausgeweitet werden. Strauss- Kahn sagte, seit Ende 2006 seien

        die Preise für Nahrungsmittel weltweit um 48 Prozent gestiegen.

 

 

        Nach Einschätzung der Weltbank werden die Nahrungsmittelpreise

        noch bis ins nächste Jahr hinein hoch bleiben. Erst dann würden

        sie allmählich sinken, jedoch aller Voraussicht nach bis zum

        Jahr 2015 deutlich über dem Niveau von 2004 bleiben.

 

 

        Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) warnte

        vor den drastischen Folgen, die schon eine geringe Teuerung

        habe: "Wenn die Nahrungsmittelpreise um ein Prozent steigen,

        gefährdet das die Ernährung von zusätzlichen 16 Millionen

        Menschen." dpa/epd/rtr

 

 

          AGENTUR

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 85)

Datum: Freitag, den 11. April 2008

Seite: 6

 

 

  Hungernde plündern Supermärkte

 

 

    Haitis Präsident will Zölle senken, damit Reis und Bohnen wieder

    billiger werden

 

 

        Von Klaus Ehringfeld

 

 

        In Haiti halten die Unruhen an: Die Polizei versuchte am

        Donnerstag vergeblich, die Lage in der Hauptstadt Port-au-Prince

        unter Kontrolle zu bringen. Tausende von Demonstranten

        plünderten weiter und gingen auch gegen Radiosender vor. Vor

        allem in der Nacht zum Donnerstag waren überall Schüsse zu

        hören. Nach Radioberichten forderte der Senat Premierminister

        Jacques-Édouard Alexis zum Rücktritt auf. Auch die Demonstranten

        hatten zur Demission des Premiers aufgerufen. Das Land brauche

        Lösungen für die dringendsten Probleme, die Alexis nicht

        erreicht habe, hieß es.

 

 

        Seit Tagen erfüllt ein rhythmischer Ruf die Straßen in Haiti:

        "Bat teneb" (Haut den Topf). Die Menschen machen lautstark ihrem

        Ärger über steigende Lebensmittelpreise Luft.

 

 

        In den vergangenen Tagen haben wütende Menschen Barrieren gebaut

        Banken und Supermärkte geplündert und versucht, den

        Präsidentenpalast in der Hauptstadt Port-au-Prince zu stürmen.

        Polizei und Einheiten der UN-Blauhelmtruppe Minustah

        verhinderten das durch den Einsatz von Gummigeschossen und

        Tränengas. Bei den Protesten kamen bisher fünf Menschen ums Leben.

 

 

        "Die Menschen sind mit ihrer Geduld am Ende und das ständige

        Warten auf eine Verbesserung der Lage leid", sagt Michael Kühn,

        Leiter der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti.

 

 

        Der Karibikstaat ist das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.

        80 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als zwei Dollar am

        Tag. Ein Sack mit rund 60 Kilogramm Reis kostet mittlerweile 70

        Dollar. Die Preise für Mais, Bohnen und Öl haben sich innerhalb

        weniger Monate verdoppelt. Die Angst vor dem Verhungern treibt

        viele auf die Straße.

 

 

        Banden heizen Proteste an

 

 

        Inzwischen werden die Proteste von Banden angeheizt, die dem

        früheren Präsidenten Bertrand Aristide nahestehen, und die den

        Aufruhr zum Sturz von Präsident René Préval nutzen wollen.

        Préval will der Misere entgegenwirken, indem er die Einfuhrzölle

        auf Milch und Reis vorübergehend abschafft und die

        Beamtengehälter um zehn Prozent kürzt. Das Geld soll den Armen

        zugute kommen.

 

 

        Haiti ist massiv auf den Import von Nahrungsmitteln angewiesen

        und deshalb von deren Verteuerung auf den Weltmärkten besonders

        betroffen. Dazu kommen selbst verursachte Probleme. "Die Krise

        zeigt, wie notwendig es ist, die eigene landwirtschaftliche

        Produktion zu entwickeln", betont Welthungerhilfe-Experte Kühn.

        Die landwirtschaftlich genutzte Fläche ist klein, immer wieder

        wird Ackerland weggeschwemmt. "Die Unruhen haben das Potenzial,

        sich zu einer größeren Krise zu entwickeln und erinnern fatal an

        den Januar 2004", sagt Kühn. Damals musste Präsident Aristide

        das Land verlassen.

 

 

          EHRINGFELD

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 85)

Datum: Freitag, den 11. April 2008

Seite: 6