Arbeitslos und abgezockt

13.06.2009 / Inland / Seite 5Inhalt

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    Banken kassieren, Bürger verlieren: Millionen Menschen sind in

    Deutschland überschuldet. Hauptgrund ist Arbeitslosigkeit.

    Wohlfahrtsverbände kritisieren Kreditinsitute

 

Von Frank Brunner

 

Hoffnungslos überschuldet: Über drei Millionen Mensche

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Hoffnungslos überschuldet: Über drei Millionen Menschen können sich in

der BRD den Gang zum Geldautomaten sparen

Foto: AP

 

Es war ein düsteres Resümee, das Carlo Wahrmann am Freitag in Berlin

zog. »Wir erreichen gerademal zehn Prozent der Menschen, die in der

Hauptstadt überschuldet sind«, so der Schuldnerberater. Wahrmann ist 56

Jahre alt; seit zwanzig Jahren berät er Menschen, die ihren finanziellen

Verpflichtungen gegenüber Banken, Vermietern oder Versandhäusern nicht

mehr nachkommen können. Zwischen 100 und 150 Berliner sind es jedes

Jahr, die an seinem Schreibtisch bei der Caritas im Bezirk Mitte sitzen.

»Er rechne demnächst mit einem zusätzlichen Ansturm von Hilfesuchenden«,

so Wahrmann.

 

Eine durchaus realistische Prognose. Ungefähr drei bis vier Millionen

Privathaushalte sind derzeit in Deutschland überschuldet -- das heißt,

die Kosten für Essen, Miete und Kreditraten sind höher als die

monatlichen Einnahmen. »Arbeitslosigkeit ist mit 29 Prozent die

häufigste Ursache für eine Überschuldung«, sagte Heidi Merk, die

Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes am Freitag in der

Bundespressekonferenz. Dort stellte sie gemeinsam mit dem Bundesverband

der Verbraucherzentralen, Arbeiterwohlfahrt, Rotem Kreuz, Diakonie und

Caritas den »Schuldenreport 2009« vor. Nach der Studie besteht ein

eindeutiger Zusammenhang zwischen Armut und Überschuldung.

Zweithäufigster Grund ist die Veränderung der Lebensumstände. Dazu

zählen unter anderem Trennung, Scheidung oder Tod des Partners. Kaum

überraschend ist es daher, daß neben Erwerbslosen vor allem

alleinerziehende Mütter in der Schuldenfalle sitzen, die bei etwa 60

Prozent der insgesamt Betroffenen aus rückständigen Krediten resultiert.

 

Scharfe Kritik übten die Wohlfahrtsverbände in diesem Zusammenhang an

den Banken. Denen warf Gerd Billen, Vorsitzender des Verbraucherzentrale

Bundesverbandes (VZBV)vor, trotz milliardenschwerer Unterstützung mit

Steuerngeldern ihre Kunden in wirtschaftlicher Not rücksichtslos zur

Kasse zu bitten. So hätten viele Geldhäuser die Leitzinssenkung der

Europäischen Zentralbank von vier auf 1,0 Prozent bislang nicht

weitergegeben, sondern die Zinsen bei Kontenüberziehung sogar noch

erhöht. 1,3 Milliarden Euro haben die Institute nach Schätzungen des

vzbv so verdient. Zudem böten Bankberater oft überteuerte Umschuldungen

an, die Verbraucher noch tiefer ins Schuldenkarussell trieben. Die

Geldhäuser müßten die finanzielle Situation der Menschen besser prüfen,

forderte Billen. Die Wohlfahrtsverbände erneuerten ihre Forderung nach

einem gesetzlich geregelten Recht auf ein Girokonto. Nach Angaben des

Finanzministeriums bewegt sich die Zahl derer, die vom bargeldlosen

Verkehr ausgeschlossen sind »mindestens im sechsstelligen Bereich«. Die

Folgen sind oft dramatisch. Denn ohne eigenes Konto ist eine Teilnahme

am gesellschaftlichen Leben kaum möglich. Für viele bleibt nur noch die

Privatinsolvenz. Allein im Jahr 2008 wählten etwa 97000 Menschen dieses

Entschuldungsverfahren in der Hoffnung, damit einen wirtschaftlichen

Neuanfang starten zu können. Das waren zwar 8000 weniger als 2007, doch

ein Grund zur Entwarnung ist das nicht. »Der leichte Rückgang ist keine

Trendwende, denn es muß befürchtet werden, daß sich viele Überschuldete

aus Kostengründen nicht an Rechtsanwälte wenden und auch bei den

Schuldnerberatungsstellen auf lange Wartelisten stoßen«, sagte Uwe

Schwarzer vom Vorstand der Diakonie. Und noch etwas anderes gibt Anlaß

zur Sorge: Die Auswirkungen der aktuellen Wirtschaftskrise wurden im

»Schuldenreport 2009« noch gar nicht berücksichtigt.