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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 7)
Datum: Dienstag, den 09. Januar 2007
Seite: 5
Stadt der Zelte
Frankreichs Regierungspartei entdeckt im Wahlkampf die Obdachlosen, aber die misstrauen den Versprechen der Politiker
Von Hans-Helmut Kohl (Paris)
„Wir bleiben, bis wir alle eine menschenwürdige Wohnung erhalten“: Die Obdachlosen, die seit drei Wochen die roten Iglu-Zelte entlang dem Kanal St. Martin im 10. Pariser Arrondissement bevölkern, blieben am Dienstag misstrauisch gegenüber den Versprechungen der französischen Regierung. Daran änderte auch das Einlenken von Augustin Legrand nichts, des Gründers der „Kinder von Don Quichotte“, dessen Vereinigung mit dieser spektakulären Aktion in wenigen Tagen mehr erreichte als zahllose Initiativen in den vergangenen Jahrzehnten.
Denn Legrand, ein 31 Jahre alter Schauspieler, der im Herbst mit ein paar Freunden begann, inmitten der „Sans abris“ (Wohnungslosen) zu leben und deren Zeugenaussagen über das Dasein auf den Straßen von Paris im Internet zu veröffentlichen, hatte es am Montagabend sehr eilig: Er musste zum Flugzeug, um bei Dreharbeiten in Südafrika einzutreffen. Also kündigte er ein Ende der Zeltcamps in den Städten des Landes an, denn Sozialminister Jean-Louis Borloo hatte kurz zuvor ein ambitioniertes Programm präsentiert, mit dem noch in diesem Jahr mehr als 27 000 zusätzliche Beherbergungsplätze geschaffen werden sollen.
Zusammen mit einem „einklagbaren Recht auf Wohnraum“, das in dieser Woche zunächst vom Kabinett und bis Ende Februar auch vom Parlament beschlossen werden soll, sah sich Legrand am Ziel seiner Aktion, die sich über die Jahreswende quer durch Frankreich ausgebreitet hatte. Die Welle der Solidarität, die den „Kinder von Don Quichotte“ zugute kam, rückte das Problem der Obdachlosigkeit in den Metropolen ins öffentliche Bewusstsein. In den großen Städten des Landes wuchsen die Zeltsiedlungen auf den zentralen Plätzen, und aus allen Parteien kamen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungszusagen.
Auch „Bien logés“ hausten am Kanal
Dabei hatte Legrand nichts anderes gemacht als ein Jahr zuvor die Hilfsorganisation „Médecins du Monde“ (MDM), die im Winter 2005 erstmals mitten in der Hauptstadt Zelte für die Obdachlosen aufstellte, um auf die elenden Lebensbedingungen der „Sans abris“ aufmerksam zu machen. Aber die „Don Quichottes“ um Legrand und seinen Bruder Jean-Baptiste gingen geschickter und vor allem medienwirksamer zu Werke. Sie wählten mit dem Canal St. Martin ein Quartier, das zu den bevorzugten Aufsteigervierteln von Paris zählt – inmitten von angesagten Restaurants, Boutiquen und Bistros. Und sie appellierten an die „Bien logés“, die „gut Wohnenden“, sich mit den Obdachlosen zu solidarisieren und ebenfalls eine Nacht im Zelt zu verbringen.
Zugleich veröffentlichten sie eine „Charta von St. Martin“, in der durchgängig geöffnete Herbergsplätze ebenso gefordert wurden wie ein intensives Programm zur Wiedereingliederung der „Sans abris“. Die Resonanz verblüffte selbst die Initiatoren: Zwischen 3000 und 5000 Menschen aus der Nachbarschaft bevölkerten rund um die Uhr die Quais am Kanal, und nahezu 16 000 Unterschriften für die Charta kamen binnen weniger Tage zusammen.
Die Weihnachtstage, die anlaufende Präsidentschaftswahlkampagne und die geschickte Medienarbeit der „Don Quichottes“ zeigten schnell Wirkung. Der Staatschef selbst reagierte in seiner Neujahrsansprache und gab den Ton vor, als er zur Überraschung seines eigenen politischen Lagers das „Recht auf Wohnraum“ auf die Tagesordnung seiner Regierung setzte – gerade so, als würde Jacques Chirac selbst noch einmal für den Élysée-Palast kandidieren.
Denn schon einmal, 1995, entdeckte Chirac unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl die „soziale Frage“ und „überholte“ damit sowohl alle innerparteilichen Mitbewerber als auch die politische Konkurrenz. Nun, zwölf Jahre später und am Ende seines zweiten Mandates als Staatschef, geriert er sich erneut als das „soziale Gewissen“ Frankreichs, was nicht nur in den Reihen der Opposition bittere Kommentare auslöst.
Zahlreiche Organisationen, die seit Jahren auf die wachsende Wohnungsnot im Land und das Abrutschen ganzer Bevölkerungsschichten aufmerksam machen, waren indes bei ihren Vorstößen in den Ministerien immer wieder auf taube Ohren gestoßen und geben sich nun entsprechend skeptisch hinsichtlich der angekündigten Verbesserungen. So ist völlig offen, wie das „Recht auf Wohnraum“ juristisch umgesetzt werden soll.
Erfolg der „Don Quichottes“
Und dennoch: Allein die Tatsache, dass bis in die Spitzen des Staates hinein die Obdachlosigkeit inzwischen nicht mehr als unabänderlich angesehen wird, ist für die Hilfsorganisationen ein großer Fortschritt. „Emmaüs“, die in den fünfziger Jahren von dem Armenpriester Abbé Pierre gegründete Vereinigung, begrüßt deshalb auch die Aktion der „Don Quichottes“, die „wie ein Elektroschock“ gewirkt habe. „Sie hätten dies ohne unsere langfristige Arbeit nicht erreicht“, heißt es auch beim „Secours catholique“, der sich ebenfalls um die Ausgeschlossenen und Wohnsitzlosen kümmert.
Augustin Legrand und seine „Don Quichottes“ werden womöglich in einigen Jahren eine ähnliche Bedeutung wie „Emmaüs“ erlangen. Schon jetzt erinnert der Schauspieler die Pariser Bürgermeisterin Mylène Stambouli, die für die Unterbringung der „Sans abris“ zuständig ist, an Abbé Pierre. Damals wie heute, so sagt sie, „war ein Aufstand der Anständigen notwendig“. Es sei denn, Legrand würde die bittere Erfahrung des Namenspatrons machen, der bekanntlich gegen Windmühlen in die Schlacht zog.
KOHL
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 8)
Datum: Mittwoch, den 10. Januar 2007
Seite: 3