Aids
- Menschen wieder sorgloser
Seit 2001 steigt die Zahl der
HIV-Neuinfektionen. Ärzte fordern, die Risikogruppen besser zu informieren.
Besondere Sorge bereitet ihnen eine wachsende Zahl von Betroffenen, die vom
Sexualpartner offenbar wissentlich infiziert werden.
VON STEFANIE WINKELNKEMPER
Berlin Ulf Dittmer kann in seinem Essener Labor nachweisen, von wem ein
HIV-Patient infiziert worden ist. Seine erschreckende Feststellung: „Mehr Menschen
übertragen das Virus auf andere, obwohl sie von ihrer Infektion wissen und
bereits therapiert werden“, sagt der Professor für Virologie. Mutwillen will er
den Betroffenen nicht vorwerfen, aber in jedem Fall Sorglosigkeit. Diese nimmt
in Deutschland seit Jahren wieder zu, insbesondere unter homosexuellen Männern.
Ärzte, die täglich mit den Patienten arbeiten, fordern mehr Aufklärung.
Weltweit beraten sich in dieser Woche 20000 Experten bei der 17.
Internationalen Aids-Konferenz in Mexiko-City über neue Strategien. Es ist das
größte Treffen zu globalen Gesundheitsproblemen. Bereits im Vorfeld hatten die
USA bekannt gegeben, dass sich 2006 deutlich mehr Amerikaner infiziert hätten
als bisher angenommen. Eine neue Statistik belegt 40 Prozent mehr Fälle. Die
Behörden sind erschüttert.
Auch in anderen Teilen der Welt breitet sich die Epidemie aus. 95 Prozent der
Betroffenen leben in Entwicklungsländern. Im Mittelpunkt der Beratungen stehen
deshalb Strategien für diese Länder. Doch auch deutsche Experten erklären, das
Problem noch lange nicht im Griff zu haben. Im Gegenteil. 2007 diagnostizierten
Ärzte in Deutschland 2752 neue Fälle - vier Prozent mehr als im Vorjahr.
Gegenüber anderen Gruppen stieg die Zahl der betroffenen homosexuellen Männer sogar
um zwölf Prozent. Dittmer und seine Kollegen hören in der Ambulanz immer
häufiger den Einwand von Patienten: „Das ist doch nicht so schlimm, dagegen
gibt es doch Medikamente.“ Dieser Eindruck habe sich irrtümlich verbreitet.
Dabei schränke eine HIV-Infektion das Leben dramatisch ein, selbst wenn sie
nicht mehr zwangsläufig ein Todesurteil bedeutet.
1981, als die Krankheit Aids erkannt wurde, war das noch so. 16 Jahre später
gab es den ersten Therapie-Wirkstoff. „Patienten mussten zehn bis 15 Tabletten
am Tag und zu bestimmten Uhrzeiten nehmen“, erzählt Dittmer. Die neuen
Kombi-Präparate machten vieles einfacher, doch die Nebenwirkungen seien noch
immer beträchtlich. Unter anderem verteilt sich das Körperfett anders, so dass
Erkrankte im Gesicht abmagern und sich das Fett stattdessen am Gesäß oder den
Oberschenkel ablagert.
Hans-Wilhelm Klötgen, behandelnder Arzt in der Essener HIV-Ambulanz, fällt
außerdem auf, dass mehr junge Männer kommen. Er vermutet: „Sie haben die
Aufklärungswellen nicht mehr so mitbekommen.“ Schulen müssten wieder mehr
Aufklärungsarbeit leisten. In der Gesamtbevölkerung scheint sich dagegen das
Bewusstsein für die Gefahren von Aids erhöht zu haben. Das zeigen Befragungen
der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Außerdem kauften die
Deutschen 2007 so viele Kondome wie nie zuvor: 209 Millionen.
Auch Dittmer wird aktiv, indem er diejenigen konkret anspricht, die die
Krankheit verbreiten. Er identifiziert sie, indem er zwei Enzyme des HI-Virus
bei seinen Patienten untersucht. Deren Sequenzen muss er kennen, um die beste
Therapie auszuloten. Gleichzeitig stellt er fest, ob Resistenzen vorhanden
sind. Sie würden darauf hindeuten, dass der Krankheitsüberträger bereits
therapiert wird. Er kann über die Sequenz ermittelt werden. Dittmer spricht
diejenigen an, mit „deutlichen Worten“, wie er sagt. Rund zehn bis 15 Prozent
aller Neuinfizierten in den Großstädten kämen bereits mit einem Virus, das
gegen mindestens eine Wirkstoffklasse Resistenzen aufweist.
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/STEFANIE WINKELNKEMPER
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.181
Datum: Dienstag, den 05. August 2008
Seite: Nr.7
Mit Geld und Kondomen gegen HIV
Ban Ki-Moon eröffnet die 17.
Weltaids-Konferenz in Mexiko / Vorbeugung im Mittelpunkt
Von Klaus Ehringfeld
Mexiko-Stadt. Mit dem dringenden Appell
an die Industriestaaten, dauerhaft mehr Geld für den Kampf gegen die Aids-Pandemie
bereitzustellen, ist in der Nacht zum Montag in Mexiko die 17.
Weltaids-Konferenz offiziell eröffnet worden. „Fast 30 Jahre nach Auftreten der
Krankheit sehen wir uns noch immer fehlenden Mitteln gegenüber“, kritisierte
UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon. Das von den Vereinten Nationen vorgegebene
Ziel, bis 2010 für alle den Zugang zu Prävention, Behandlung und Betreuung
sicher zu stellen, ist kaum zu erreichen. Bis heute erhält weltweit bisher nur
jeder dritte Patient die notwendigen Medikamente. „Da immer mehr Menschen
länger leben und behandelt werden, müssen die Etats deutlich größer werden“,
forderte der UN-Generalsekretär.
Der Direktor von UN-Aids, Peter Piot,
dämpfte zugleich die Hoffnung auf ein rasches Ende der Aids-Pandemie. Dieses
sei überhaupt nicht in Sicht. „Vergessen wir nicht, dass uns die Krankheit
immer überraschen kann“, warnte Piot, Chef des Aidsprogramms der Vereinten
Nationen. Er rief daher dazu auf, die Anstrengungen für die Entwicklung eines
Impfstoffs zu erhöhen. Mexikos Gesundheitsminister José Ángel Córdova
Villalobos, kritisierte die Pharmakonzerne für ihre Preispolitik und forderte
„gerechte und bezahlbare Preise“ für die benötigten antiretroviralen
Medikamente. Weltweit werden laut UN-Aids jährlich rund zehn Milliarden Dollar für
die Versorgung der Patienten aufgewendet, allein in Lateinamerika sind es 2,7
Milliarden. Um alle therapiebedürftigen HIV-Positiven angemessen zu versorgen,
seien allerdings weltweit bis 2015 sogar 54 Milliarden notwendig. Nach dem
jüngsten Bericht von UN-Aids sind 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus
infiziert, zwei Drittel von ihnen leben in Afrika.
Vor diesem komplizierten Panorama
diskutieren bis Freitag rund 25 000 Forscher, Mediziner, Politiker und
Vertreter von Nichtregierungsorganisationen über die Chancen, der weiteren
Ausbreitung der Seuche Einhalt zu gebieten. Eine besonders aktive Rolle sollen
dieses Mal die Aids-Aktivisten und Betroffenen-Verbände erhalten, die am Rande
und auf der Konferenz mit zahlreichen eigenen Veranstaltungen vertreten sind.
Experten gehen davon aus, dass es auf
der Tagung einen Paradigmenwechsel geben wird. Bisher haben vor allem
unabhängige Persönlichkeiten und Nichtregierungsorganisationen mit aller Macht
auf den kostenlosen Zugang zu Medikamenten für die Menschen in armen und
einkommensschwachen Ländern gedrungen. Angesichts der massiven Finanzlücken
aber für die Behandlung von Aids-Kranken und HIV-Infizierten
sei wahrscheinlich, dass in Mexiko die Verbesserung der Prävention besonders
betont wird.
Dafür sei das Land ein geeigneter Ort.
Denn hier, wie auch in anderen Teilen des katholischen Teils Amerikas, sperrt
sich die Kirche oft noch gegen den Gebrauch von Kondomen. Dass auf der
Konferenz mehr Augenmerk auf den Schutz vor einer Ansteckung mit dem Virus
gelegt werden wird, hängt auch damit zusammen, dass die jahrelangen
Anstrengungen nach der Suche um ein Gegenmittel gescheitert sind. Mediziner und
Biologen gehen davon aus, dass ein Impfstoff nicht innerhalb der kommenden 20
Schutz vor einer HIV- Infektion schaffen kann.
Da die Konferenz erstmals in
Lateinamerika stattfindet, wird weiterhin auch den Faktoren Machismus
(Männlichkeitskult) und Homophobie als fördernd für die Ausbreitung von
HIV/Aids größere Aufmerksamkeit geschenkt.
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© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 181)
Datum: Dienstag, den 05. August 2008
Seite: 9