Aids-Zahlen stabil
Institut sieht verändertes Risikoverhalten
Berlin. Die Zahl der Aids-Infektionen bleibt in Deutschland hoch: Bundesweit haben sich etwa 3000 Menschen in diesem Jahr mit dem Immunschwächevirus HIV angesteckt, schätzt das Berliner Robert Koch-Institut (RKI). Rund 67 000 HIV-Infizierte leben derzeit in Deutschland. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen ist seit drei Jahren in etwa stabil, teilte das RKI am Dienstag in Berlin mit.
Bei 1100 Infizierten brach dieses Jahr Aids aus. Etwa 550 Erkrankte starben. Bei den Zahlen handelt es sich um Schätzungen, die genauen Zahlen werden erst 2010 bekanntgegeben.
Syphilis macht empfänglich
"Das Infektionsgeschehen hat sich in den letzten Jahren stabilisiert", teilte Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) mit. Deutschland habe die niedrigste Neuinfektionsrate in Westeuropa. Prävention und Aufklärung zu fördern, sei richtig. "Aber wir müssen gemeinsam mit unseren Partnern weiterhin hart daran arbeiten, die Zahl der Neuinfektionen zu senken."
In den 1990er Jahren lag die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland um ein Drittel niedriger. Gründe für den Anstieg seitdem können nach RKI-Angaben ein verändertes Risikoverhalten, geänderte Therapiestandards sowie die Zunahme anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie der Syphilis sein. Seit 2004 scheine sich speziell die Syphilis auf einem neuen Niveau in Deutschland zu stabilisieren. Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Herpes und Gonorrhö könnten sowohl HIV-Infizierte ansteckender als auch Nichtinfizierte empfänglicher für das Aidsvirus machen.
Unter den HIV-Infizierten sind homosexuelle Männer weiterhin die größte Gruppe. Den RKI-Schätzungen zufolge leben bundesweit rund 41 400 homosexuelle Männer mit dem Virus. Allerdings infizieren sich weiterhin auch zahlreiche heterosexuelle Menschen. Rund 20 Prozent der Neuinfektionen in 2009 gehen auf heterosexuelle Kontakte zurück, schätzt das RKI. Deren Anteil an den Ursachen für HIV-Neuerkrankungen blieb im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich. Insgesamt gibt es rund 9200 HIV-Infizierte, die sich über heterosexuelle Kontakte angesteckt haben.
Hinzu kommen rund 8200 Menschen, die sich durch verschmutztes Drogenbesteck angesteckt haben. Weitere 7500 Infizierte stammen aus sogenannten Hochprävalenzregionen - also Ländern mit hoher Aidsrate. dpa
WELTWEITE LAGE
Die Programme zur HIV-Prävention zeigen Wirkung: die Zahl der Neuansteckungen ging in den vergangenen acht Jahren weltweit um 17 Prozent zurück. Das geht aus dem am Dienstag in Genf vorgelegten Bericht des UN-Programms zur Bekämpfung von Aids (UNAIDS) hervor. Zugleich stieg im vergangenen Jahr die Zahl der HIV-Infizierten auf insgesamt 33,4 Millionen. Das sind 20 Prozent mehr als im Jahr 2000. Allein im Jahr 2008 starben zwei Millionen Aids-Kranke an der Immunschwächekrankheit. Insgesamt waren es seit dem Ausbruch der Epidemie rund 25 Millionen Aids-Tote.
UNAIDS-Exekutivdirektor Michel Sidibé sagte: "Die gute Nachricht ist, dass der zu beobachtende Rückgang nachweislich, zumindest teilweise, auf Vorbeugung zurückgeht. Sein Stellvertreter Paul de Lay sagte, die Krankheit sei in eine "stabilere Phase" eingetreten.
Die Zahl der Aidstoten ist in den vergangenen fünf Jahren um mehr als zehn Prozent gesunken, unter anderem weil immer mehr Menschen die lebensverlängernde Aidsmedikamente bekommen. Damit seien seit 1996 schätzungsweise 2,9 Millionen Menschenleben gerettet worden. "Wir dürfen diesen Schwung nicht abflauen lassen", sagte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Margaret Chan, in Genf.
Afrika südlich der Sahara bleibt die am stärksten betroffene Region. Doch seit 2001 sank hier die Zahl der Neuansteckungen mit dem HI-Virus um etwa 15 Prozent. In Osteuropa und in Zentralasien mit 1,5 Millionen Infizierten schritt die Epidemie dagegen weiter voran. Dort werde das HI-Virus unter anderem von infizierten Drogenkranken an ihre Sexualpartner übertragen, heißt es in dem Bericht. afp fr
VON JAN DIRK HERBERMANN
GENF Im Kampf gegen die Aids-Seuche verzeichnen die Vereinten Nationen einen traurigen Rekord: Niemals zuvor lebten mehr Menschen mit der Krankheit als Ende 2008. Rund 33,4 Millionen Frauen, Männer und Kinder waren von dem Erreger befallen. Das geht aus dem neusten Aids-Bericht des Hilfsprogramms UNAIDS und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hervor, der gestern in Genf erschien.
Demnach wird Aids in den kommenden Jahren eine der häufigsten Todesursachen weltweit bleiben. Seit Ausbruch der Seuche zu Beginn der 80er Jahre starben 25 Millionen Menschen daran. Gleichzeitig verbreiteten die Experten aber auch gute Nachrichten: Dank verbesserter Vorbeugung ist im laufenden Jahrzehnt die Zahl der Neu-Infektionen mit dem Aidserreger HIV stark gesunken. Nach den Recherchen infizierten sich im Jahr 2008 etwa 2,7 Millionen Menschen neu mit dem Virus, im Jahr 2001 waren es noch 3,2 Millionen. Als Grund für diesen Rückgang von rund 17 Prozent nennen die UN-Organisationen eine intensivere Vorbeugung wie den Gebrauch von Kondomen. Auch erhalten mehr schwangere Frauen eine Behandlung, um die Übertragung des Aids-Erregers auf ihre ungeborenen Kinder zu verhindern.
Im Jahr 2008 profitierten 45 Prozent aller schwangeren HIV-positiven Frauen von einer Behandlung, 2007 waren es nur 35 Prozent. Die Zahl der Neu-Infektionen schrumpfte laut dem Bericht in fast allen Regionen. Im Afrika südlich der Sahara verzeichneten die Experten ein Minus bei den neuen Ansteckungen zwischen 2008 und 2001 um 15 Prozent. In diesem Gebiet leben mit mehr als 22 Millionen mit großem Abstand die meisten HIV-Infizierten.
Die UNO meldet auch Erfolge bei der Therapie. In den armen Ländern hatten 2008 vier Millionen Menschen Zugang zu lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten. 2007 waren es nur drei Millionen. Die antiretrovirale Therapie bremst dabei die Ausbreitung des Aids-Erregers im Körper. Die Experten schätzen, dass seit der Einführung der Therapie 1996 rund 2,9 Millionen Menschen vor einem vorzeitigen Aids-Tod bewahrt wurden. Die lebensverlängernden Behandlungen gelten auch als ein Grund für den historischen Höchststand an HIV-Infizierten: Die Krankheit ist längst kein schnelles Todesurteil mehr.
Allerdings erhalten weniger als die Hälfte der Bedürftigen diese Therapie. „Jetzt ist es an der Zeit unsere Anstrengungen zu verdoppeln“, forderte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Chan. UNAIDS und WHO mahnten Regierungen und private Spender, weiterhin Gelder für den Kampf gegen Aids zu geben. Im vergangenen Jahr standen fast 16 Milliarden US-Dollar bereit. Im nächsten werden 25 Milliarden US-Dollar nötig sein. Der Hauptgrund: die wachsende Bevölkerung in den armen Ländern.
- /JAN DIRK HERBERMANN
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.275
Datum: Mittwoch, den 25. November 2009
Seite: Nr.7
Infiziert und kriminalisiert
In Osteuropa nimmt die Zahl der HIV-Infizierten so rasch zu
wie sonst kaum auf der Welt
Von Nicola Siegmund-Schultze
Sie sind jung, sie sind drogenabhängig und viele von ihnen
waren im Gefängnis. So beschreibt Alexander Panteleev,
der in Sankt
Petersburg die Abteilung für HIV- und Tuberkulose-Infizierte
des Städtischen Klinikums leitet, den Großteil der Patienten, bei denen er
eine HIV-Infektion diagnostiziert.
Während in den Ländern Afrikas dem aktuellen Bericht von Unaids zu Folge die Rate der HIV-Neuinfektionen seit 2002
abnimmt, steigt sie
in Russland rasant an: Derzeit infizieren sich dort -
bezogen auf 100000 Einwohner - circa zehn Mal so viele Menschen jährlich mit
dem Aidsvirus wie in Deutschland. Und dies, obwohl die HIV-Epidemie
Osteuropa zehn Jahre später erreicht hat als die westlichen
Länder, nämlich erst Mitte der 90-er Jahre.
Derzeit, schätzt die International Aids Society, hat die
Entwicklung in Osteuropa ihre Spitze noch gar nicht erreicht. "Es hat
ökonomische und politische Gründe, warum in den Staaten der
Russischen Föderation, in der Ukraine und Moldawien die Zahl der
HIV-Neuinfektionen so dramatisch zunimmt", sagte Panteleev der Frankfurter Rundschau.
Statt weitere Kommentare abzugeben, lässt Panteleev Zahlen sprechen. Im Jahr 2008 waren 307 von 100000
Einwohnern in Russland mit dem Aids-Virus infiziert, in St. Petersburg sogar
763, berichtet der Infektiologe. Zehn Jahre zuvor (1998)
lebten in Russland nur sieben von 100000 mit dem Aids-Virus.
Bezogen auf die Einwohnerzahl waren zu diesem Zeitpunkt
(1998) in Deutschland circa fünf Mal so viele Menschen wie in Russland
HIV-infiziert. Zur Zeit leben in
Deutschland circa 66000 Personen mit dem Virus - das entspricht etwa 80 pro 100
000 Einwohnern jeglichen Alters.
Die Zahl der HIV-Neudiagnosen dürfte in diesem Jahr circa
3000 betragen, teilte das Robert-Koch-Institut in Berlin auf Anfrage mit:
keine erhebliche Veränderung zu den Vorjahren (2007: 2774
Neudiagnosen, 2008: 2806 Neudiagnosen).
Während in Deutschland zwischen sechzig und siebzig Prozent
der Neuansteckungen bei Männern auftreten, die sich über Sex mit anderen
Männern angesteckt haben, verteilen sich die Neuinfektionen
in Russland und der Ukraine auf beide Geschlechter etwa gleichmäßig. Und: 80
bis 90 Prozent der Neuinfizierten sind Drogenkonsumenten,
die sich entweder über das gemeinsame Nutzen von Spritzen oder beim
Geschlechtsverkehr untereinander infiziert haben.
In den Ländern südlich der Sahara, wo zwei Drittel der
weltweit 33 Millionen HIV-Infizierten leben, spielt Drogenkonsum eine geringe
Rolle für die HIV-Neuinfektionen. Dort übertragen Infizierte
das Virus meist über heterosexuelle Kontakte, oder Frauen infizieren ihre
Kinder bei der Geburt. Den Rückgang der Neudiagnosen in
Afrika führt Unaids auf Erfolge von
Präventionskampagnen zurück.
Von solchen Erfolgen kann offenbar in Osteuropa nicht die
Rede sein. Das Problem des zunehmenden Drogenkonsums vor allem in den
städtischen Metropolen Osteuropas und in den großen Öl- und
Gaszentren werde von den dortigen Regierungen weitgehend ignoriert,
HIV-Infizierte würden stigmatisiert, kritisiert HIV-Experte
Sven Lundgren aus Kopenhagen.
Obwohl sich Russland beim Gipfeltreffen der "Gruppe der
Acht" 2006 in Sankt Petersburg dazu verpflichtet hatte,
HIV-Präventionsprogramme
aufzubauen mit Schwerpunkt der Aufklärung auf den
Haupt-Risikogruppen, gibt es nach wie vor weder eine Heroinersatztherapie, noch
Unterstützung der Regierung für die Verteilung von sterilen
Spritzen an Drogenabhängige - obwohl dies nachweislich vor der Ausbreitung
des HI-Virus schützt. Noch ist die Aufklärung eher dürftig,
die Ausgrenzung groß.
Nun springt der Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis and Malaria wieder ein, obwohl er eigentlich
nur Länder mit geringem Einkommen
unterstützen wollte (Russland gilt als Land mit mittlerem
Einkommen). Kürzlich entschied man sich beim Global Fund, die Finanzierung von
Nadelaustauschprogrammen in Russland um zwei Jahre zu
verlängern.
Zugleich aber ist Drogenkonsum in Russland per Gesetz
verboten - einer der Gründe, warum die Hälfte der Patienten, bei denen eine
HIV-Infektion festgestellt wird, bereits im Gefängnis
gesessen hat. Moldawien und Russland gehören außerdem zu den zwölf Ländern
weltweit, die HIV-Infizierten die Einreise verbieten. In den
USA wird dieses seit 1987 geltende Einreiseverbot zum Jahreswechsel
aufgehoben.
In Osteuropa haben Schätzungen zu Folge nur zehn Prozent der
therapiebedürftigen HIV-Infizierten Zugang zu antiretroviralen
Medikamenten, auch HIV-Tests sind
Mangelware. Die Versorgung von Menschen, die mit dem
Aidsvirus leben, ist damit offenbar in Osteuropa teilweise schlechter als in
Afrika,
wo bis zu vierzig Prozent der behandlungsbedürftigen
HIV-Infizierten therapiert werden.
Sven Lundgren sieht unter anderem
die EU-Kommission in der Pflicht, sich gegen die Ausbreitung von HIV und
schlechte Versorgung von
Betroffenen im "Brennpunkt Osteuropa" zu
engagieren. Schließlich haben HIV-Infizierte auch ein erhöhtes Risiko, sich mit
Hepatitis-Viren
zu infizieren - und umgekehrt. Und das HI-Virus ebnet der
Tuberkulose (Tb) den Weg: Die Neuinfektionsrate ist in Russland steigend.
Zudem hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Anteil von
Patienten mit Tuberkelbazillen, welche gegen mehrere Antibiotika schon
resistent sind, verdoppelt. Gründe für die Entwicklung:
niedriger Lebensstandard der Betroffenen mit einem höheren Risiko für die
Entwicklung einer chronischen Tb, die zu seltene Anwendung
neuerer Antibiotika, Migration und häufige Gefängnisaufenthalte. Kurz vor dem
diesjährigen Welt-Aids-Tag nun hat die EU-Kommission ein
neues "Strategie-Papier" verabschiedet mit den Hauptzielen, die Zahl
der
HIV-Neuinfektionen in den Ländern der europäischen Union und
deren östlichen Nachbarn (Russische Föderation, Ukraine und Moldawien) zu
vermindern und die gesundheitliche Versorgung Betroffener zu
verbessern. Ob der politische Wille zu einer wirksameren Prävention bei den
östlichen Nachbarn gestärkt werden kann, bleibt fraglich.
Dabei breitet sich in Europa derzeit ein Virus aus, das
HIV-Infizierte stärker gefährden könnte als Menschen mit intaktem Immunsystem:
Das neue Influenza-Virus A/H1N1. Beim großen Teil der
Menschen, die schwer oder tödlich an der Schweinegrippe erkrankt sind, war das
Immunsystem durch chronische Erkrankungen geschwächt oder es
lagen Schwangerschaften vor.
Für die Länder der Europäischen Union sieht Lundgren die Stärkung von Aufklärungskampagnen zur Nutzung
von Kondomen und freiwilligen
Tests auf HIV in Gruppen mit erhöhten Ansteckungsrisiken.
In Europa weiß etwa jeder zweite HIV-Infizierte nichts von
seiner Infektion, in Deutschland werde bei jedem dritten Infizierten die
Diagnose zu spät für einen optimalen Therapiebeginn
gestellt, sagt auch Professor Jürgen Rockstroh (Bonn), Vorsitzender der
Deutschen
Aids-Gesellschaft. Die gezielten Angebote zum freiwilligen
Test auf HIV, möglichst anonym und kostenlos, verbunden mit einer
qualifizierten Beratung, müssten verbessert werden.
SCHUTZ UND AUFKLÄRUNG
Aufklärung, Schutz und Solidarität - das sind die Ziele des
Welt-Aids-Tages.
Weltweit machen Organisationen mit
Informationsveranstaltungen und Benefiz-Abenden auf die Krankheit aufmerksam.
In Deutschland rufen Vereine unter dem Motto "Gemeinsam gegen Aids"
zu mehr Engagement auf.
Der Aidserreger HIV zerstört das Immunsystem, so dass
Krankheitserreger nicht mehr abgewehrt werden können. Nach Angaben des Aidsprogramms
der Vereinten Nationen (Unaids) gibt es derzeit
weltweit etwa 33,4 Millionen Infizierte. In Deutschland liegt die Zahl der
Neuinfektionen bei etwa 3000.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief den Welt-Aids-Tag
1988 aus.
Internet: www.weltaidstag.de
www.bzga.de (Bundeszentrale für
gesundheitliche Aufklärung)
www.aids-stiftung.de (Deutsche
Aids-Stiftung)
www.aidshilfe.de
(Deutsche Aids-Hilfe)
FR 1.12.09