854 Millionen
Menschen hungern
Besonders in
Afrika und Südasien ist Mangelernährung weit verbreitet
/ Index
vorgestellt
Von Natalie Soondrum
Hunger hat
viele Namen, denn er beschleicht alle Menschen
mehrmals
täglich. Doch jeden siebten Menschen auf der Welt
verfolgt er
hartnäckig: Derzeit hungern 854 Millionen Menschen,
davon 206
Millionen in Afrika.
"Das
können wir auf keinen Fall hinnehmen", sagte Ingeborg
Schäuble,
Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe (WHH) am
Freitag in
Berlin. Die Hilfsorganisation hat deshalb voriges
Jahr gemeinsam
mit dem Internationalen Forschungsinstitut für
Agrar- und
Ernährungspolitik in Washington den Welthunger-Index
(WHI)
entwickelt. Er erfasst unterschiedliche Aspekte von Hunger
und
Unterernährung und macht das Problem so messbar.
Traurige
Rangliste
Laut WHI 2007
hat der Hunger in 36 Ländern alarmierende Ausmaße
angenommen. 25 von ihnen liegen in Afrika
südlich der Sahara,
neun in Asien
und je eins im Nahen Osten und Lateinamerika.
Spitzenreiter
der traurigen Rangliste sind Burundi und die
Demokratische
Republik Kongo, die immer noch an den Folgen
bewaffneter
Konflikte leiden.
Mit der
Unterzeichnung der UN-Millenniumserklärung im Jahr 2000
haben sich 189
Staaten verpflichtet, bis 2015 acht Ziele zu
erreichen. Sie
wollen unter anderem Hunger und Armut der
Bevölkerung
halbieren und die Kindersterblichkeit senken.
Um
Fortschritte zu prüfen, vergleicht der WHI 2007 die Trends in
91 Ländern:
Nur etwa ein Drittel ist auf Kurs, ein weiteres
Drittel hat
zwar Fortschritte gemacht, aber nicht schnell genug.
In einem
Drittel der Länder stagniert die Ernährungslage oder
sie hat sich
verschlechtert. Schlusslicht ist auch hier
Subsahara-Afrika: Zwar bekämpfen die meisten der 42 Länder
bereits den
Hunger, hält der jetzige Trend jedoch an, erreichen
nur sechs das
Millenniumsziel.
Dabei sind die
Ursachen für Hunger und Mangelernährung längst
bekannt:
bewaffnete Konflikte, Aids, Naturkatastrophen als Folge
des
Klimawandels und die Benachteiligung von Frauen. Kinder
unterernährter
Mütter kommen meist mit Untergewicht zur Welt,
mehr als die
Hälfte davon in Südasien.
40 Prozent
aller untergewichtigen Kinder unter fünf Jahren leben
allein im
Schwellenland Indien. Statistisch gesehen ist der
Kalorienbedarf
der indischen Bevölkerung weitgehend gedeckt,
Frauen haben
aber oft nichts davon. Das liegt daran, dass
mancherorts
männliche Familienmitglieder zuerst essen und Frauen
sich mit den
Resten begnügen müssen.
Ungebildete
Frauen wissen nichts über gesunde Ernährung. "In
Madagaskar
geben die armen Frauen ihren Kindern nur Reis zu
essen und kaum
Obst und Gemüse", sagte Ingeborg Schäuble. Die
Folge ist eine
vermeidbare Mangelernährung, die das ganze
weitere Leben
prägt. Erwachsene, die als Kinder unterernährt
waren, sind
körperlich und geistig weniger produktiv, haben eine
schlechtere
Ausbildung, verdienen weniger und sind häufiger
krank als gut
ernährte Menschen.
Chronischen
Hunger erkennt man häufig nicht sofort. Drei von
vier
Hungernden leben auf dem Land, der Großteil als
Kleinbauern
und
Selbstversorger. Weil sie kein Einkommen haben, können sie
sich Extras
wie Dünger oder Medikamente nicht leisten. Dazu
kommt in der
Regel eine schlechte Infrastruktur.
Die Bundesregierung
hat ein Budget von 8,25 Milliarden Euro für
Entwicklungshilfe. Davon gibt sie sieben Prozent für die
ländliche
Entwicklung aus, längst nicht genug mahnt die WHH. Die
Organisation
hat deshalb 2006 in Afrika, Asien und Lateinamerika
15 Dörfer zu
Millenniumsdörfern erklärt. Dort sinkt der Anteil
Unterernährter
und die Kindersterblichkeit. "Wir leiten die
Menschen dazu
an, sich selbst zu helfen, indem wir ihnen die
Mittel wie
Saatgut und Schulen in die Hand geben", sagte
Schäuble.
RSOONDRUM
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 238)
Datum: Samstag, den 13. Oktober 2007
Seite: 6