*Immer mehr Alkokids*
Drogenbeauftragte will Verkaufskontrolle stärken
*Von Michael Bergius *
*Berlin. *Die Fälle von Alkoholmissbrauch bei Kindern und Jugendlichen nehmen ständig zu.
Im Jahr 2008 mussten bundesweit 25700 Notfallpatienten im
Alter zwischen zehn und 20 Jahren stationär
behandelt werden, berichtete die neue Drogenbeauftragte der
Bundesregierung, Mechthild Dyckmans,
am Dienstag in Berlin. Dies sei
"ein trauriger Rekord" und eine Steigerung um elf
Prozent gegenüber dem
Vorjahr. Gegen ein derart "hemmungsloses
Rauschtrinken" müsse "mehr
getan" werden, verlangte die hessische
Bundestagsabgeordnete mit Blick
auf jüngste Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Seit den
ersten
Erhebungen zum Komasaufen bei Minderjährigen im Jahr 2000
hat die Zahl
der Alkoholvergiftungen um 170 Prozent zugenommen.
Als besonders besorgniserregend an den aktuellen Daten
empfindet
Dyckmans den rapiden Anstieg der
Volltrunkenheitsfälle bei Kindern
zwischen zehn und 15 Jahren. Hier habe es eine Zunahme um
sogar 19
Prozent (von 3800 auf 4500 Krankenhauseinweisungen) gegeben.
Mädchen
lägen mit 2400 Fällen bereits im zweiten Jahr in Folge
deutlich vor den
Jungen.
Dyckmans verlangte, die Einhaltung
des Jugendschutzgesetzes müsse
"konsequent" kontrolliert werden. Dies könne nur
gelingen, wenn für den
Alkoholverkauf eine Ausweiskontrolle "bis zu einem
geschätzten Alter von
25 Jahren selbstverständlich" werde. Sie wolle den
Einzelhandel dazu
bringen, dass diese an vielen Tankstellen bereits
"erfolgreich"
praktizierte Kontrolle ausgebaut werde. Auch die Prävention
an den
Schulen sowie im Familienumfeld müsse gefördert werden.
Die frühere Richterin Dyckmans war
Mitte November zur neuen
Drogenbeauftragten ernannt worden. In der Vergangenheit
hatte sich die
FDP wiederholt gegen einen zu restriktiven Kurs der Politik
in Sachen
Alkohol- und vor allem Tabak-Konsum ausgesprochen.
Amtsvorgängerin
Sabine Bätzing (SPD) war vom
früheren FDP-Suchtexperten Detlef Parr
vorgehalten worden, sie strebe eine
"Verbotsrepublik" an.
Kritik an politischen Versäumnissen übte gestern die
Deutsche
Kinderhilfe. Vor allem rügte der Verein "negative"
Auswirkungen des
Föderalismus: So hätten sich die Länder bislang weder auf
ein
bundesweites nächtliches Verkaufsverbot für Alkohol einigen
können noch
über den Einsatz jugendlicher Testkäufer, mit deren Hilfe
man
"skrupellose Geschäftemacher" überführen könnte.
FR 16.12.09
333800 wegen Alkohol in Klinik
VON EVA QUADBECK
Berlin Nach
der Diagnose "Herzinsuffizienz" ist übermäßiger
Alkoholkonsum
der häufigste Grund für eine Einlieferung ins
Krankenhaus.
Das Statistische Bundesamt meldet, dass die
Kliniken im
vergangenen Jahr 333800 Fälle von "psychischen
Problemen und
Verhaltensstörungen durch Alkohol" behandelten. Im
Schnitt
verbrächten die Patienten 8,1 Tage im Krankenhaus. Das
entspreche der
Durchschnittslänge eines Klinikaufenthalts in
Deutschland.
Die
volkswirtschaftlichen Kosten des übermäßigen Alkoholkonsums
belaufen sich
nach Angaben des Gesundheitsministeriums auf 24,4
Milliarden
Euro jährlich. Davon sind acht Milliarden Euro
direkte Kosten
für Therapien, ambulante und stationäre
Behandlungen.
Arbeitsunfähigkeit, Frühverrentung und höhere
Sterblichkeit
kosten weitere 16 Milliarden.
"In Deutschland haben wir einen
Pro-Kopf-Verbrauch von zehn
Liter reinem
Alkohol pro Jahr. Damit gehören wir leider zur
europäischen
Spitzengruppe", sagte die ehemalige
Drogenbeauftragte der Regierung, Sabine Bätzing,
unserer
Zeitung. Im
Kampf gegen übermäßigen Alkoholkonsum sieht sie die
Ärzte in einer
Schlüsselrolle. "Wenn Menschen von ihrem Arzt auf
zu hohen
Alkoholkonsum angesprochen werden, löst dies schon
Verhaltensänderungen aus." Wenn jemand mit gebrochenem
Arm und
einer
Alkoholfahne ins Krankenhaus eingeliefert werde, reiche es
nicht aus, den
Arm zu schienen. "Der Patient muss dann auch
Hilfe gegen
Alkoholismus angeboten bekommen."
Immer häufiger
werden auch Kinder und Jugendliche mit
Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Für 2008 melden
die
Statistiker 25700Fälle bei den Zehn- bis 20-Jährigen. Das
entspricht im
Vergleich zum Vorjahr einem Anstieg um elf
Prozent. Vor
allem Mädchen tranken mehr: Bei den bis zu
15-Jährigen
wurden mit 53Prozent mehr Mädchen als Jungen mit
Rausch in die
Klinik gebracht. Die neue Drogenbeauftragte
Mechthild Dyckmans forderte, beim Kauf von Alkohol bis zum
geschätzten Alter von 25 Jahren den Ausweis zu
kontrollieren.
Der Deutsche trinkt
zehn Liter reinen Alkohol im Jahr
- /EVA
QUADBECK
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.293
Datum: Mittwoch, den 16. Dezember 2009
Seite: Nr.1