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Zwölf Millionen leiden unter Armut
Nationale Armutskonferenz warnt vor einer Zunahme von Erkrankungen bei sozial Schwachen
Mehr als zwölf Millionen Menschen in der Bundesrepublik sind von Armut betroffen, haben also weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung. Auf europäischer Ebene wird ihr Anteil auf 68 Millionen beziffert. Tendenz steigend, sagt die Nationale Armutskonferenz.
VON WOLFGANG HEININGER
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Frankfurt a. M. · 28. Februar · In Deutschland lebt jedes achte Kind auf Sozialhilfeniveau, sagte Hans-Jürgen Markus, der Sprecher der Nationalen Armutskonferenz (NAK), am Montag in Hannover. 1965 sei es nur jedes 75. Kind gewesen. Das ärmste Fünftel der Bevölkerung sterbe im Schnitt sieben Jahre früher als Angehörige der wohlhabenderen Schichten. Das belege die Studie "Armut und Gesundheit", sagte der Mainzer Professor Gerhard Trabert. Die Sterblichkeit von Arbeitslosen liege um das 2,6fache höher als bei Erwerbstätigen. Die Suizidrate bei Menschen ohne Job und geregeltes Einkommen sei gar um das 20fache höher.
Trabert warnte vor einer Zunahme von Erkrankungen bei den sozial Schwachen. Die Gesundheitsreform mit ihren Einschränkungen bei den Kostenerstattungen und zusätzlichen Aufwendungen bei den Versicherten - Beispiel: Praxisgebühr - hätten dazu geführt, dass immer mehr Krankheiten verschleppt und damit irgendwann chronisch würden. Diese Entwicklung sei besonders bei Infekten der Atemwege zu beobachten. So nehme sowohl die Zahl der Lungenentzündungen als auch die Tuberkulose-Rate spürbar zu. Dies bedeute auch ein steigendes Risiko für die gesamte Bevölkerung. Der dabei entstehende volkswirtschaftliche Schaden sei möglicherweise erheblich höher als die Minderausgaben, die sich die Bundesregierung von ihren Einschnitten im Gesundheitswesen verspreche.
Laut der jetzt vorgestellten Expertise gibt es insbesondere bei Kindern eine dramatische Entwicklung. Demnach ist beispielsweise die Zahl der Impfungen von Kindern gegen Masern im Vergleich zu 2003 um 30 Prozent gesunken. Zwar sei deren Behandlung bis zum Alter von zwölf Jahren generell kostenlos. Die Eltern wüssten davon aber in vielen Fällen nichts. Nach Ansicht von Trabert besteht über die Kostensituation im medizinischen Bereich ein erhebliches Informationsdefizit: "Arme Familien gehen nicht zum Arzt, weil sie vermuten, zur Kasse gebeten zu werden."
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Trabert kritisiert ferner, viele Kommunen und die Sozialämter verweigerten Obdachlosen die Ausstellung von Krankenscheinen, obwohl sie dazu verpflichtet seien. Er verlangt eine verbesserte Information von Menschen an oder unter der Armutsgrenze, insbesondere an sozialen Brennpunkten, in Kindergärten, Schulen oder Arbeitsämtern. Die NAK fordert von der Bundesregierung, Sozialhilfe- oder ALG-II-Empfänger von Zuzahlungen für Medikamente oder Hilfsmittel zu befreien.
Neben den Mitgliedern der Armutskonferenz setzt sich auch der Bundesvorstand der AOK für diesen Schritt ein. In Niedersachsen verzichte die Ortskrankenkasse bei Obdachlosen bereits auf die Praxisgebühr.
Eine der größten Schwächen der NAK und ihres Aktionsplans ist nach Auffassung der stellvertretenden NAK-Sprecherin Erika Biehn, dass die Organisation bislang der Öffentlichkeit und selbst dem Fachpublikum kaum bekannt ist. Auch sei es in Deutschland bisher nur unzureichend gelungen, Bundesländer oder Kommunen für die Strategien der Armutsbekämpfung zu gewinnen. Sie hätten sich "faktisch geweigert" an den Plänen gegen soziale Ausgrenzung mitzuwirken.
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Dokument erstellt am 28.02.2005 um 17:28:05 Uhr
Erscheinungsdatum 01.03.2005
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