06.05.2008 / Inland / Seite 4

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  Überraschung: Mehr Drogentote

 

Berlin. Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist erstmals seit Jahren

wieder gestiegen. 1394 Menschen starben 2007 an den Folgen des Konsums

illegaler Suchtmittel, 98 mehr als 2006, wie die Drogenbeauftrage der

Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), am Montag in Berlin mitteilte.

Bätzing sprach von einer »überraschenden Wende«, eine klare Ursache für

die Entwicklung könne derzeit noch nicht genannt werden. Seit 2001 war

die Zahl der infolge von Drogenkonsum Verstorbenen kontinuierlich

zurückgegangen. (ddp/jW)

 

 

  Kampftrinken wird bei Jugendlichen immer populärer

 

 

    Drogenbeauftragte der Bundesregierung gibt Alkoholwerbung eine

    Mitschuld / Testkäufer-Idee noch nicht verworfen

 

 

        Von Michael Bergius

 

 

        Berlin. Die Getränke-Industrie tut nach Auffassung der

        Bundesregierung zu wenig, um Jugendliche vor Alkoholmissbrauch

        zu bewahren. Die freiwillige Selbstkontrolle der Branche sei

        unzureichend, kritisierte die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing

        (SPD) am Montag in Berlin.

 

 

        Zwar sei es gelungen, den Konsum sogenannter Alkopops drastisch

        zu reduzieren, heißt es im aktuellen Jahresbericht. Aber

        hemmungsloses Trinken bis hin zum "Koma-Saufen" sei weiterhin

        auf dem Vormarsch: Während Zwölf- bis Siebzehnjährige 2005 noch

        34 Gramm reinen Alkohol pro Woche zu sich genommen hätten, seien

        es im vergangenen Jahr schon 50 Gramm gewesen. Die Zahl der

        Krankenhauseinweisungen wegen akuter Alkoholvergiftungen nahm

        bei den Zehn- bis Zwanzigjährigen zwischen 2000 und 2006 von

        9500 auf 19 500 im Jahr zu.

 

 

        Eine Mitschuld an der Entwicklung gibt Bätzing Werbekampagnen,

        die sich "teilweise sehr offensiv" an Jugendliche richteten und

        die Risiken des Trinkens verharmlosten. Strengere gesetzliche

        Regelungen für die Alkoholwirtschaft sind zwar noch nicht

        geplant. Bätzing lobte aber wiederholt das Vorbild

        Großbritannien; dort werde seit Jahren Alkoholwerbung vor der

        Zulassung öffentlich kontrolliert, was den Konsum bei

        Jugendlichen spürbar habe sinken lassen.

 

 

        Ausdrücklich bedauerte Bätzing, dass unlängst ein Vorstoß des

        Familienministeriums gescheitert ist, Jugendliche als Testkäufer

        für Alkoholika einzusetzen. Damit sei eine Möglichkeit verpasst

        worden, die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes besser zu

        überwachen, sagte sie. In anderen Ländern, wo 15- oder

        16-Jährige unter Anleitung von Behörden Missbräuchen in

        Supermärkten oder Tankstellen-Shops nachspürten, seien "hohe

        Trefferquoten" erzielt worden. "Komplett abschreiben" möchte die

        Drogenbeauftragte das Thema Testkäufer gleichwohl noch nicht;

        die Idee sei vor Jahresfrist hierzulande "leider irreführend

        kommuniziert worden".

 

 

        Handlungsbedarf besteht laut Bericht weiterhin auch beim

        Nichtraucherschutz. Zwar sei es im vergangenen Jahr gelungen,

        "öffentliche Innenräume" wie Behörden, Bahnhöfe oder Schulen

        flächendeckend zu schützen. Die Situation in der Gastronomie sei

        aber nach wie vor unbefriedigend.

 

 

        Bätzing appellierte an die Bundesländer, aktuell noch bestehende

        Ausnahmeregelungen, besonders für Eckkneipen, zu streichen. Das

        Nebeneinander unterschiedlicher Bestimmungen schaffe

        Wettbewerbsverzerrungen und führe zu wirtschaftlichen Nachteilen

        für Kleingastronomen.

 

 

        Dass zuletzt mehreren Klagen gegen Nichtraucherschutzgesetze

        stattgegeben worden ist, beunruhigt die Regierungsbeauftragte

        nicht. Es habe sich in allen bisherigen Fällen um

        Eilentscheidungen gehandelt; in der Hauptsache sei noch kein

        Urteil ergangen. Im Übrigen, so betonte Bätzing, richteten sich

        die aktuellen Gerichtsverfahren "gegen die Ausnahmeregelungen,

        nicht gegen den Nichtraucherschutz".

 

 

        Während Bätzing auf die Zahl von jährlich 3300 Toten durch

        Passivrauchen sowie auf Umfragen verweist, wonach sieben von

        zehn Deutschen Rauchverbote in Gaststätten befürworteten, kommt

        von der FDP Kritik. Deutschland werde immer mehr zur

        "Verbotsrepublik", rügte der Sucht- und Drogen-Experte Detlef

        Parr. Die Politik dürfe "den Staat nicht zur Super-Nanny aller

        Menschen machen".

 

 

          RBERGIUS

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 105)

Datum: Dienstag, den 06. Mai 2008

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