Schon kleine Mengen sind tödlich Richter des Bundesgerichtshofs wollen härtere Strafen für den Handel mit Designerdrogen
Von Ursula Knapp
KARLSRUHE. Der Handel mit Designerdrogen muss nach Überzeugung eines Strafsenats des Bundesgerichtshofs (BGH) wesentlich härter bestraft werden als bisher. Der Zweite Strafsenat unter der Vorsitzenden Ruth Rissing-van-Saan hat am Mittwoch entschieden, dass bereits der Verkauf ab einer Menge von fünf Gramm Methamphetamin mit Haftstrafen geahndet werden sollen, nicht erst wie bisher ab 30 Gramm.
Allerdings müssen die anderen vier Strafsenate des BGH den neuen Grenzwert mittragen, weil auch sie bisher von 30 Gramm ausgingen. Mit der endgültigen Entscheidung ist in einigen Wochen zu rechnen.
Noch im Jahr 2001 hatte der BGH Amphetamine als wesentlich gefährlicher beurteilt als die moderne Designerdroge „Crystal-Speed“. Entsprechend betrug der Grenzwert für Amphetamine 10 Gramm, der für Methamphetamine 30 Gramm. Eine falsche Einschätzung, wie der Experte des Bundeskriminalamts, Rainer Dahlenburg, am Mittwoch vor dem BGH in Karlsruhe ausführte. Demnach sind Designerdrogen aus Methamphetaminen etwa doppelt so gefährlich wie Amphetamine. Für einige Erstkonsumenten könne bereits eine Menge von 100 Milligramm tödlich sein. Eine Dosis von 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht habe bereits nachweislich zu Todesfällen geführt. Allerdings könne die Dosis bei Süchtigen gewaltig steigen.
Der Markt für Designerdrogen ist nach Angaben des BKA-Experten in den vergangenen Jahren gewachsen. Von 18 600 Drogen-Erstkonsumenten, die der Polizei 2007 auffielen, hatten 10 000 Chemiedrogen konsumiert, davon 570 das als besonders gefährlich geltende Crystal Speed, das auch unter den Bezeichnungen Ice oder Shabu auf dem illegalen Markt ist.
Nach Angaben des Toxikologen Gerold Kauert von der Universität Frankfurt erhöht sich die Wirkung in den Nervenzellen des Gehirns beim Rauchen deutlich gegenüber dem Schlucken des Aufputschmittels. Die meisten, die die Designerdroge Crystal Speed kauften, rauchten sie. Die Nebenwirkungen sind laut Kauert nicht nur für den Körper, sondern auch für die Psyche gefährlich.
Die jetzige Neubefassung des BGH mit den Designerdrogen geht auf das Landgericht Frankfurt zurück, das von dem bisher geltenden Grenzwert abwich und einen 43 Jahre alten Philippinen zu vier Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilte, weil er mit Crystal Speed gehandelt hatte. Insgesamt wurden bei ihm 22 Gramm sichergestellt. Nach den bisher geltenden Grenzwerten wäre der Angeklagte mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen. Das Frankfurter Gericht ging aber von einer höheren Gefährlichkeit der Designerdroge aus. Der zweite Strafsenat des BGH nahm den Fall zum Anlass, nun ebenfalls auf eine härtere Bestrafung der Designerdroge zu dringen. Seite 13
Az.: 2 StR 86/08

RVFUNK

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 183)
Datum: Donnerstag, den 07. August 2008
Seite: 4

Mit Crystal in die Demenz
Die neue Partydroge macht schnell abhängig, der quälende Entzug dauert Monate
Von Frauke Haß
Jugendliche nennen es Crystal oder Ice, doch die hübschen Namen kaschieren die immense Gefahr: Methamphetamin ist gemessen an der Zahl der Konsumenten weltweit Droge Nummer zwei hinter Cannabis, warnt Professor Edelhard Thoms, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Park-Krankenhaus Leipzig. In Deutschland sind es vor allem jugendliche Partygänger aus Sachsen, Thüringen und Bayern, die das in Untergrundlabors in Tschechien und Polen billig hergestellte Crystal schnupfen. Und ihre Zahl wächst.
„Crystal euphorisiert, mindert das Bedürfnis nach Schlaf und unterdrückt Hungergefühle“, erläutert Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kinder- und Jugendalters in Hamburg – „eine typische Partydroge eben“. Macht gute Stimmung, lässt einen aufdrehen und Nächte durchtanzen.
Der Preis, den die gute Stimmung fordert, ist hoch. „Methamphetamin macht massiv abhängig“, betont Thoms. Reichten dem Partygänger an einem Wochenende noch 0,2 Gramm, bräuchten die Suchtkranken, die er jedes Jahr zu Dutzenden behandelt, irgendwann Tagesdosen von zwei, drei oder gar vier Gramm – und legten dafür 70 Euro pro Gramm hin.
Welche Folgen der Gebrauch von Methamphetamin hat, darüber gibt es aus Deutschland kaum wissenschaftlich abgesicherte Erkenntnisse: „Der Forschungsstand ist desaströs“, betont Thomasius. Lediglich in den USA gebe es Studien, die von „schweren neuropsychologischen Defiziten, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen und demenzartigen Zustandsbildern bereits im Jugendalter“ berichteten. Crystal wirke im Nervensystem vermutlich deutlich schädlicher als Ecstasy.
„Der Entzug ist dramatisch, weil er viel länger dauert als bei Heroin“, sagt Thoms. Bis zu zwölf Wochen spürten die oft erst 14-jährigen Süchtigen die schwersten Folgen des Entzugs: „Sie können nicht schlafen, nicht denken, sind im Wechsel aggressiv und depressiv. Der Entzug findet überwiegend im Kopf statt, und das kann schlimmer sein, als die körperlichen Schmerzen bei einem Heroin-Entzug.“ Wer länger Methampehtamin-abhängig war, erreiche fast nie mehr sein ursprüngliches geistiges Leistungsvermögen. 20 Prozent der Dauerkonsumenten entwickelten eine Psychose, die bei vielen bleibe.
Crystal-User kämen aus allen Schichten, betont Thoms. Sie hätten alle keine gut ausgebildete emotionale Bindung an die Eltern, keine Strategie, Stress zu bekämpfen und oft Gewalt erlebt.
In einer ersten deutschen Studie mit 66 Jugendlichen wollen Thomasius und Thoms von Herbst an herausfinden, welche Folgen Crystal auf das Gehirn hat, wenn es bereits im Jugendlichen-Alter chronisch eingenommen wird. Die bisherigen Erkenntnisse aus den USA bezögen sich sämtlich auf erwachsene Konsumenten. Zu erwarten sei, „dass die Konsequenzen des frühen Konsums gravierender sind als bei einem Erwachsenen“, sagt Thomasius.

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 183)
Datum: Donnerstag, den 07. August 2008
Seite: 4

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