„Wir sollten uns überflüssig machen“
21.10.2013 | 19:22 Uhr
Croissants vom Vortag: Brot für einen Kunden der Essener Tafel Brot.Foto: Tim
Schulz
Duisburg. Einst sind die Tafeln angetreten, um überflüssige Lebensmittel vor
dem Müll zu retten und sie den Menschen zukommen zu lassen, die wenig bis
nichts haben. Mittlerweile jedoch gibt es immer mehr Behörden, die diese milden
Gaben in ihre Berechnungen einbeziehen wollen. Die Tafeln jedoch wehren sich.
Manchmal verliert Günter Spikofski den Glauben an
seine Kollegen. „Da kam eine Sozialarbeiterin mit einer jungen Frau und sagt:
Die hat einen Anspruch auf Lebensmittel...“ Sozialarbeiter Spikofski,
Geschäftsführer der Duisburger Tafel, kehrte kurz den Juristen hervor: Anspruch
auf Brot, Gemüse, Joghurt von der Tafel hat niemand. Hier wird geholfen. Nicht
wegen der Ansprüche, sondern, um Not zu lindern.
Aus Wunsch wird Wirklichkeit
Die Immobilie ist die einzige Altersvorsorge, die man sofort nutzen kann.
Angesichts der historisch niedrigen Zinsen könnten sich heute mehr Mieter als
gedacht alleine schon für ihre monatlichen Mietzahlungen bereits ein schönes
Stück Eigenheim leisten
„Eigentlich müssten wir auch etwas für die Armutsflüchtlinge aus Bulgarien und
Rumänien tun“, sagt Spikofski. So, wie die Tafel
damals angefangen hat, als Suppenküche für wohnungslose Jugendliche. Doch nach
fast 20 Jahren wird die Tafel als selbstverständlich wahrgenommen. „Ich hatte
schon Sachbearbeiter am Telefon, die wollten wissen, für wie viel Euro Herr
Müller denn bei uns Lebensmittel bekommt.“
Die Not der öffentlichen Kassen macht erfinderisch: Wenn Menschen regelmäßig
Essen von der Tafel bekommen, könnte man doch den Hartz-IV-Satz
kürzen. Genau da beginnt für den Soziologen Professor Fabian Kessl die Gefahr der Hilfen von Tafeln, Suppenküchen und
Kleiderkammern: Der Staat klopft den Helfern anerkennend auf die Schulter – und
dreht sich weg, Bundesministerin Kristina Schröder sprach zum 20-jährigen
Geburtstag freudig das Grußwort, schließlich ist sie Schirmherrin.
Die Tafeln bedienen ihr Klientel: Familien, Senioren, Jugendliche. Doch sie
öffnen dem Staat auch die Chance zum Rückzug: Bürgerschaftliches Engagement
schützt Menschen vorm Verhungern, ist doch okay. Privat vor Staat auch im
Keller des Staatsgebäudes. Zwischen den Grundmauern.
„Eigentlich ist es unsere Aufgabe, uns selbst überflüssig zu machen“, sagt Spikofski. „Aber dem, der heute Hunger hat, kann ich nicht
sagen: In fünf Jahren ist dein Problem gelöst.“ Lebensmittel anbieten, ins
Leitbild schreiben, was Anspruch ist: „Die Verhinderung und Bekämpfung von
Armut ist vorrangig eine Aufgabe des Staates und seiner Organe. Die Arbeit der
Tafeln entbindet den Staat nicht von seiner Daseinsfürsorgepflicht“, so
beschreibt die Duisburger Tafel das gelebte Dilemma.
450 Kilometer für gespendete Wurst
Der Spagat geht weiter: An vielen Orten ist die Caritas Träger der Tafel, der
Diözesanverband Limburg und die Caritas Köln sind jedoch Mitglieder im
„Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“. Sie fürchten ein Hilfssystem, das
sich zu fest etabliert. Dafür gibt es viele Indizien: Jeden Donnerstag bekommt
die Tafel Essen Besuch aus Naumburg/Saale. 450 Kilometer entfernt. Es geht um
die Wurst, die hier in Massen gespendet wird und dort fehlt. Kein Einzelfall in
der bundesweiten Tafellogistik. Die Tafel Duisburg hat drei Angestellte, im
Bundesverband der Tafeln sitzen sieben hauptamtliche Kräfte. Arbeiten die mit
allem Ehrgeiz daran, schnell arbeitslos zu werden?
Corporate Identity: Die Tafeln haben mittlerweile
sogar so etwas wie Berufskleidung. Foto: Tanja Pickartz
Zahlen zu diesen oft zumeist von Ehrenamtlichen getragenen Einrichtungen gibt
es wenige. Wissenschaftler der Universität Duisburg-Essen sowie der Technischen
Universität Dortmund wollen das ändern. Erste Daten? Zwar sieht es so aus, als
ob es einen Zusammenhang zwischen dem Anteil der Hartz-IV-Bezieher
und der Zahl der Hilfsangebote ist, aber belastbar sei diese Einschätzung
nicht. Wie genau die Hilfslandschaft aussieht, soll eine Untersuchung von
Städten aller Größenordnung in fünf Bundesländern zeigen. Vermutlich lässt sich
der Wissensdurst schneller stillen als das Hungergefühl der Menschen, die auf
die Tafeln angewiesen sind.
Jemand, der sich mit der Materie besonders ausführlich auseinandergesetzt hat,
ist, Professor Fabian Kessl, Direktor des Instituts
für Soziale Arbeit und Sozialpolitik an der Fakultät für
Bildungswissenschaften, Universität Duisburg-Essen.
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„Ein zivilisatorischer Rückschritt“
22.10.2013 | 00:22 Uhr
1 Prof. Fabian Kessl, was ist Mitleidsökonomie?
Damit versuchen wir ein Phänomen auf den Begriff zu bringen, das sich in den
letzten beiden Jahrzehnten in Deutschland, aber auch international, etabliert
hat: Ein System der existenzsichernden Hilfen, zum
Beispiel Kleiderkammern, Suppenküchen und die „Tafeln“: man muss sich vor Augen
führen, dass es allein etwa 900 beim Bundesverband registrierte Tafeln gibt,
deren Angebot nach Aussage des Bundesverbandes täglich von 1,5 Millionen
Menschen genutzt wird. Mit dem Effekt, dass es mittlerweile für manche Tafeln
schwierig wird, genügend Lebensmittel bereitzustellen.
2 Wo ist das Problem? Da werden Lebensmittel verwendet, die sonst weggeworfen
würden.
Das Problem ist, dass sich mit dem Aufbau dieser neuen Mitleidsökonomie etwas
im Sozialsystem verändert, vor allem für die Betroffenen. Sie verfügen nicht
mehr über einen Rechtsanspruch: Bei Angeboten wie den Tafeln oder einer
Suppenküche sind sie nur noch der dankbare Empfänger einer Gabe – sie sind vom
Mitleid anderer abhängig. Daher sprechen wir von Mitleidsökonomie. Deswegen ist
der Gang zur Tafel für viele mit Schamgefühlen verbunden. Ich halte diese
Entwicklung für einen zivilisatorischen Rückschritt.
3 Das heißt: Tafeln, Kleiderkammern und Suppenküchen verändern die soziale
Landschaft?
Wir untersuchen derzeit Angebote in 30 repräsentativ ausgewählten Städten aller
Größen. In Großstädten gibt es teilweise über 100 solcher Angebote. Da ist ein
ganzes System der Existenzsicherung auf Basis von Spenden entstanden, wie wir
es uns vor 20 Jahren noch nicht hätten vorstellen können. Die Menschen, die
sich in den Kleiderkammern, in Suppenküchen oder Tafeln engagieren, sind hoch
motiviert. Sie tun in ihren Augen nur Gutes und sehen ihre Arbeit auch als
Kritik an unserer Überflussgesellschaft. Es geht uns nicht darum, das schlecht
zu reden. Aber das ehrenamtliche Engagement ist nur die eine Seite. Denn die
Nutzer der Tafeln berichten anderes: Sie fühlen sich unangemessen kontrolliert,
abhängig und eben beschämt. Das übersehen die Ehrenamtlichen oft. Daher braucht
es den kritischen Blick, auch auf die Motivation der Spender. Denn die sparen
oft nicht nur die Entsorgungskosten, sie erhalten oft auch eine Spendenquittung
und ein positives Image. Hier wird mit Armut, zumindest indirekt, auch Geld
verdient.
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