»Der öffentliche Verkehr muß ein Recht für alle sein«

27.08.2008 / Ausland / Seite 8 jw

 

Billiger als eine Monatskarte: Stockholmer Schwarzfahrer haben eine Versicherung, die Bußgelder bezahlt. Ein Gespräch mit Christian Tengblad

Interview: Wladek Flakin, Stockholm

Christian Tengblad ist Aktivist bei der »Planka« in Stockholm – einer Art Gewerkschaft oder Versicherung für Schwarzfahrer. Auf deutsch heißt »Planka« soviel wie »Schwarzfahren«

Der Vertrag für den Betrieb der Stockholmer U-Bahn wird jetzt neu ausgeschrieben – unter anderem bewirbt sich die Deutsche Bahn AG. Wem gehört die U-Bahn und wer betreibt sie zur Zeit?

Sie ist zwar im Besitz der Provinzregierung, aber alle Aufgaben werden an private Unternehmen vergeben. Die U-Bahn wird jetzt seit fast neun Jahren von Veolia betrieben, einem französischen Konzern. Die Stockholmer sind mit Veolia zwar unzufrieden, stellen aber nicht das System der Privatisierung öffentlicher Aufgaben in Frage. Die meisten denken, man habe bloß den falschen Betreiber ausgewählt.

In Stockholm kann man eine Versicherung kaufen für den Fall, daß man beim Schwarzfahren erwischt wird. Wie hat das Projekt angefangen?

Es war im Anschluß an den »heißen Sommer« im Jahr 2001. Damals gab es eine riesige Mobilisierung gegen den EU-Gipfel in Göteborg und auch viel Repression durch die Polizei. Danach haben viele Aktivisten darüber nachgedacht, wo sie ihre Energie künftig investieren wollen. Im Herbst jenes Jahres wurde in Stockholm der Preis für die Monatskarte von 450 auf 500 Kronen (48 auf 53 Euro) angehoben. Da das für viele Jugendliche damals schon zu teuer war, überlegten wir, was man dagegen tun kann. Das Schwarzfahren war ohnehin schon weit verbreitet.

 

Wir gründeten also »Planka« und organisierten Proteste: Massenschwarzfahren oder Demonstrationen in den U-Bahn-Zugängen. Wir richteten sogar ein Frühwarnsystem ein, mit dem wir per SMS vor Kontrollen in den Bahnhöfen warnten. Aber die Aktionen erreichten eigentlich nur politische Aktivisten. Was die Kampagne am Laufen hielt, war dann die »Ticketkasse«.

Wie funktioniert das?

Jedes Mitglied zahlt 100 Kronen (etwa zehn Euro) im Monat ein. Falls es beim Schwarzfahren erwischt wird, schickt es den Strafzettel (in Höhe von 1200 Kronen) an uns – wir bezahlen ihn dann. Wie bei einer normalen Versicherung gibt es auch bei uns eine Selbstbeteiligung, das sind jeweils 100 Kronen. Unter dem Strich ist das für den einzelnen weit günstiger als die 690 Kronen, die heute für eine Monatskarte in Stockholm fällig sind.

Wie viele Menschen beteiligen sich?

Die Zahlen gehen rauf und runter. Momentan zahlen etwa 500 Menschen ihre Beiträge, es waren aber schon fast 1000. Die Verwaltungsarbeit wird abwechselnd durch Freiwillige erledigt –nach sieben Jahren haben wir die Routine ziemlich gut drauf. Geld, das übrig bleibt, wird für politische Zwecke ausgegeben, z.B. für den Kauf von Monatskarten für sogenannte Illegale.

Aber gehen die Verkehrsbetriebe nicht offensiv gegen »Planka« vor?

»Planka« bewegt sich mit seinen Aktionen in einer juristischen Grauzone. Die Wächter mit den gelben Westen an den Eingangsschaltern können manchmal ziemlich aggressiv sein, aber dürfen niemanden festnehmen. Sie werden in der Regel ignoriert.

Finden viele Kontrollen in den U-Bahnen statt?

Die Betriebe setzen vor allem auf die »gelben Westen« an den Eingängen, um die Leute einzuschüchtern. Jeder muß an ihnen vorbeilaufen, aber wie gesagt, sie können nichts machen.

Welche anderen Bündnispartner hat »Planka«?

Wir machen in letzter Zeit professionellere Lobbyarbeit, z.B. haben wir einen Bericht über die Kosten und Auswirkungen einer neuen Stadtautobahn in Stockholm ausgearbeitet, zusammen mit Umweltverbänden.

Was sind Ihre Forderungen?

Wir wollen das Konzept der Finanzierung durch Fahrkarten in Frage stellen. Denn selten wird gefragt, wieviel dieses System kostet, mit seinen Fahrkarten, Eingangsschaltern und Überwachungspersonal.

 

Zum Beispiel kostet einer von diesen neuen Eingangsschaltern mit Glastüren 110000 Kronen. Diese neue Technik sollte Schwarzfahren eigentlich unmöglich machen, aber sie ist leicht zu umgehen. Jetzt müssen daher auch an diesen Türen Wächter eingesetzt werden.

 

Durch all das wird der öffentliche Verkehr immer teurer. Wir aber sagen: öffentlicher Verkehr muß ein Recht für alle sein. Man muß ja auch kein Ticket kaufen, um den Bürgersteig benutzen zu können.

planka.nu