Sozialkosten steigen drastisch - 22. November 2009 - 19:36
Uhr wz
von Alexander Schulte
Die Stadt muss bei der Grundsicherung für Senioren und Hartz-IV-Bezieher 2010 deutlich draufsatteln.
Im Mai eröffnete die Lebensmittelausgabe der
Diakonie in Flingern. Bedürftige können dort günstig
einkaufen. Der Andrang war von Anfang an stark – und ist es bis heute.
(Archiv-Foto: Stefan Arend)
Düsseldorf. Einige bedrohlich klingende
Zahlen stellte Sozialdezernent Burkhard Hintzsche jetzt im Rathaus vor: Danach
muss die Stadt 2010 deutlich mehr Geld für die Grundsicherung im Alter sowie
für Unterkunft und Heizung von HartzIV-Empfängern
ausgeben. Waren 2006 gut 7000 alte Menschen wegen zu geringer Renten auf
städtische Zahlungen angewiesen, liegt die Zahl 2009 schon bei über 8300,
nächstes Jahr rechnet die Stadt mit 8600 Bedürftigen.
„Ich bin sicher, dass die Schere zwischen Arm und Reich in
den letzten Jahren aufgegangen ist.“
ThorstenNolting, Diakonie
Das Amt für soziale Sicherung und
Integration hat für 2010 Ausgaben von insgesamt 401,8 Millionen Euro etatisiert. Das sind etwa 22 Millionen Euro mehr als im
Etatansatz geplant. Den Ausgaben stehen Erträge von 87,6 Mio. Euro gegenüber.
Im Schnitt benötigen die Bezieher in Düsseldorf 488 Euro
Grundsicherung monatlich, innerhalb Deutschlands zahlt nur München mehr
(517Euro) – Folge des relativ hohen Preis- und Mietniveaus. „Kosten und
Empfängerkreis werden wohl weiter wachsen“, glaubt Hintzsche und nennt als
Gründe: „Demografischer Wandel, sinkendes Rentenniveau durch den wachsenden
Niedriglohnbereich und größere Lücken in den Erwerbsbiografien durch Arbeitslosigkeit.“
Signifikant zunehmen wird auch die Zahl der Düsseldorfer,
die von HartzIV leben. In den aktuell fast 33000
Bedarfsgemeinschaften leben 60330 Personen, für 2010 erwartet das Amt für
soziale Sicherung aufgrund wachsender Arbeitslosigkeit einen Anstieg auf rund
68000 Personen. Zudem will der Bund seinen Anteil an den Kosten für Unterkunft
und Heizung von derzeit 25,4 auf 23Prozent reduzieren. Die Stadt rechnet mit
einem Anstieg ihrer Ausgaben für Bezieher des ArbeitslosengeldesII
auf 185Millionen Euro (2009: 162,3 Mio. Euro).
Bedeuten diese Zahlen, dass es in Düsseldorf eine wachsende
Armut gibt? Diakonie-Pfarrer Thorsten Nolting ist
sicher: „Ja. Die Statistik lügt da nicht.“ Sie korrespondiere mit einer
steigenden Nachfrage caritativer Angebote der
Diakonie: „Wir haben angefangen mit einer Essens-Tafel an der Bergerkirche, die
stieß schnell mit 250 bis 300 Gästen an ihre Kapazitätsgrenze. Also haben wir
weitere Tafeln in Garath und Flingern
eingerichtet – auch die sind voll.“
Die Diakonie koppele
Essensgutscheine und ähnliches an eine Sozialberatung für die Betroffenen. Nolting: „Und gerade da erkennen wir, dass der Bedarf
wirklich vorhanden ist, dass mehr Menschen in eine heikle Lage geraten.“ Das
hat auch Seniorenbeirat Horst Grass festgestellt. Er sucht Paten, die für arme
Senioren die GEZ-Gebühren übernehmen. 53 Spender hat
er schon vermittelt (siehe Text unten).
Roland Buschhausen, der Leiter des Sozialamtes, ist sich
weniger sicher: „Es ist schwierig, Armut genau zu messen“, sagt er. Wachsende
Ausgaben im Sozialetat der Stadt bedeuteten nicht zwingend wachsende Armut der
Bürger: „Die Grundsicherung etwa wurde eingeführt als Instrument zur Vermeidung
von Armut im Alter. Heute wird sie oft als Indikator für bestehende Armut
genutzt“, erläutert Buschhausen.
CDU und FDP wehren sich gegen einen Armutsbericht
Wenn mehr Menschen bei den diversen Tafeln speisten oder in
den mittlerweile sechs „Fairhäusern“ der Renatec
vergünstigt einkauften, bestätige das auch einen alten ökonomischen Lehrsatz:
„Jedes Angebot schafft sich seine Nachfrage.“ Heißt: Es ist nicht gesagt, dass
die Nutzer dieser Angebote immer bedürftiger werden.
Klarheit könnte ein Armutsbericht schaffen, wie es ihn
zuletzt 1999 in Düsseldorf gab und wie ihn SPD und Grüne seit Jahren fordern.
Doch CDU und FDP lehnten ihn 2008 erneut ab. „Leider“, meint Thorsten Nolting: „Ich will den nicht für irgendeine Neiddebatte.
Aber wir brauchen ein Gesamtbild für die Stadt. Und da bin ich sicher, dass die
Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren aufgegangen ist.“
Allerdings arbeiten verschiedene Ämter der Stadt an einer
„Integrierten Sozialberichterstattung“: „Anfang 2010 erscheint der nächste
Bericht“, sagt Roland Buschhausen, „er beleuchtet unter anderem die Wohn-,
Einkommens- und Familiensituation in den Stadtteilen. Da kann man sehen, wie es
den Leuten in Düsseldorf geht.“