Krise macht psychisch
krank
18.03.2009 / Inland / Seite 5Inhalt
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Studien belegen Zunahme seelischer Störungen infolge von Hartz-Gesetzen und Rezession
Psychische Erkrankungen nehmen in Wirtschaftskrisen zu. Sie
verursachen
derzeit in der gesamten Europäischen Union jährliche Kosten
von 136
Milliarden Euro, wie der EU-Gesundheitsexperte Michael Hübel am Dienstag
am Rande der internationalen Konferenz »Psychische
Gesundheit am
Arbeitsplatz« in Berlin mitteilte. Die Zahl beruhe auf
Berechnungen der
London School of Economics.
Weitere Fachleute betonten, als Folge der
aktuellen Rezession sei eine Zunahme der psychischen Leiden
zu erwarten.
Hübel erklärte, der Zusammenhang
zwischen dem Vorhandensein einer Krise
und mehr psychischen Erkrankungen sei statistisch
nachweisbar.
Laut Matt Muijen vom Regionalbüro
Europa der Weltgesundheitsorganisation
WHO belegen zahlreiche Studien, daß
sich das Befinden in Zeiten der
Rezession verschlechtere. Muijen
äußerte die Befürchtung, daß viele
Staaten nun am Gesundheitssystem sparen werden.
Wie der kürzlich veröffentlichte »Gesundheitsreport 2009«
der Barmer
Ersatzkasse belegt, scheinen psychische Erkrankungen in der
Arbeitswelt
nicht nur wegen der Krise, sondern auch infolge der »Agenda
2010« und
der Hartz-Gesetze stark
zuzunehmen. Laut Bericht hat sich in den letzten
fünf Jahren der Krankenstand in der Diagnosegruppe
»Psychische und
Verhaltensstörungen« mehr als verdoppelt. Nach den
Muskel-Skelett-Erkrankungen sind diese damit bereits auf
Rang zwei der
wichtigsten Krankheiten gerückt. Zudem dominieren den
Angaben zufolge
Langzeitfälle, bei denen die Krankschreibung mehr als sechs
Wochen dauert.
Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erklärte zur
Eröffnung
der Konferenz, Arbeitgeber seien gut beraten, sich stärker
in der
betrieblichen Gesundheitsförderung zu engagieren. Dabei
helfe die
Steuerfreiheit von Maßnahmen, die pro Person und Jahr bis zu
500 Euro
kosten. Schmidt wies darauf hin, daß
die Teilhabe am Arbeitsleben ein
»integrativer und stabilisierender Faktor für psychisch
kranke Menschen«
sei.
Einer aktuellen Studie zufolge versuchen zwei Drittel der psychisch
Erkrankten langfristig nicht mehr, am Arbeitsmarkt Fuß zu
fassen, sagte
der Vorsitzende des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit,
Wolfgang
Gaebel. Von den Menschen mit
schweren Depressionen oder Schizophrenie
sei nur jeder Zehnte im ersten Arbeitsmarkt beschäftigt.
Als Grund für die nachlassenden Bemühungen, trotz einer
psychischen
Erkrankung wieder einen Job zu bekommen, nannte Gaebel u.a. schlechte
Erfahrungen in der Vergangenheit: »Rund ein Drittel hat
bereits eine
Stigmatisierung erfahren.«
Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist ein Netzwerk von
Ärzteorganisationen, Fachgesellschaften und
Selbsthilfeverbänden
(AP)
*
www.mental-wellbeing.net <http://www.mental-wellbeing.net>
* www.seelischegesundheit.net <http://www.seelischegesundheit.net>