Von Stefan
Brändle 3.12.12
Ganz frisch: Eine knusprige Baguette.
Knusprig, duftend und wenn möglich noch ofenwarm hat sie zu sein, wenn sie
die Franzosen in der Bäckerei holen. Die Rede ist natürlich von dem
französischen Grundnahrungsmittel, dem Baguette. Aber nicht alle können sich
heute den Preis von knapp einem Euro für das Weißbrot noch leisten. In der
Mittelmeerstadt Nîmes hat dies eine Boulangerie dazu bewogen, die famosen Stabbrote zum halben
Preis zu verkaufen, genauer gesagt für 40 Cent. Sie sind allerdings nicht
knusprig, duftend und ofenwarm, sondern von gestern: Die Baguettes
von Bäcker Sébastien Perez stammen, wie alle Produkte
in der Auslage, vom Vortag.
In Frankreich wäre ein solches Angebot früher undenkbar gewesen. Doch Perez
verhehlt sein Konzept nicht einmal: „Zum Brot vom Vortag“ steht in dicken
Lettern über dem Eingang seines Ladens. Und die Kundschaft schätzt das. Die
Bäckerei liegt am Boulevard Gambetta, in einem
Viertel, wo Rentner, Arme und Einwanderer leben – und wo die Arbeitslosigkeit
das städtische Mittel von 13 Prozent übersteigt.
Jeder Siebte lebt in Armut
Einem neuen Kunden erklärt die chinesischstämmige Verkäuferin, was er mit
dem Baguette, dem Pain au chocolat
oder dem Croissant tun soll: „Befeuchten sie das Brot leicht mit einem Spray,
stecken sie es zwei Minuten in den Ofen – und Sie werden keinen Unterschied zu
einem Frischprodukt bemerken.“
Bäcker Perez ist stolz auf die Warteschlange. „Eine Krise wie die aktuelle
gab es noch nie. Wir wollen allen Leuten die Möglichkeit geben, Brot zu
kaufen.“ Das klingt so einfach wie das Geschäftsmodell: Perez liefert anderen
Bäckereien im Raum Nîmes täglich Frischbrot und
Patisserien. Die unverkaufte Ware bringen seine Abnehmer zurück. Diese findet
sich dann am nächsten Tag im „Brot vom Vortag“ am Boulevard Gambetta.
Zwar macht Perez damit keinen Gewinn, wie er sagt, er reduziert aber die
Verluste, wenn er das Brot verkauft, anstatt es wegzuwerfen.
Laut dem Fernsehsender BFM verkaufen in Frankreich bereits einige weitere
Bäckereien Brot von gestern. Auch in anderen Sektoren finden sich heute
Billigläden, die zum Beispiel auch leicht beschädigte Früchte billig abgeben,
oder Restaurants, die „Krisenmenüs“ anbieten. In einem ärmeren Pariser Viertel
offeriert ein Schönheitssalon einen Grundservice für drei Euro – zehnmal
weniger als anderswo.
Dass diese Dienste gut ankommen, erstaunt nicht in einem Land, in dem 2010
gut 8,6 Millionen Menschen unter der offiziellen Armutsgrenze von 960 Euro im
Monat lebten – bei einer Bevölkerungszahl von 61 Millionen. Demnach lebte sogar
ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Frankreich in Armut.
Und heute? Neuere Zahlen gibt es nicht; allerdings sagte Premierminister
Jean-Marc Ayrault Mitte Dezember auf einer nationalen
Armutskonferenz, dass die Zahl der Mittellosen seit 2012 wegen der Krise
„zweifelsohne stark gestiegen“ sei. Er kündigte Gegenmaßnahmen im Umfang von
2,5 Milliarden Euro an. Die soziale Mindesthilfe RAS soll bis 2017 um zehn
Prozent steigen. Laut den Hilfswerken reicht das jedoch nicht aus, um auch nur
den Anstieg der Armut zu kompensieren.
http://www.fr-online.de/wirtschaft/armut-kein-geld-mehr-fuer-eine-baguette,1472780,21368384.html