Jobcenter
Den Argen laufen die Arbeitsvermittler davon
Nachrichten,
08.07.2009, Stefan Schulte, Tobias Bolsmann waz
Essen. Den Jobcentern laufen befristete Mitarbeiter davon,
weil die Koalition eine Neuorganisation der Argen verweigert. Vor allem die
Ungewissheit, wie es nach 2010 weitergeht, treibt die Arbeitsvermittler weg -
fatal für die Arbeitslosen, die ständig neue Gesichter vor sich sitzen haben.
Es gibt nicht viele Berufe in diesen Zeiten, denen die Beschäftigten
ausgehen. OP-Schwestern sind knapp, auch Kältemechaniker werden gesucht. Auf
Platz fünf jener Berufe, in denen es zurzeit mehr offene Stellen als
Arbeitslose gibt, liegt der: Arbeitsvermittler. Auf 163 Stellen in NRW kamen im
Juni nur 104 Arbeitslose – beste Chancen also für jeden, der sich für den Leute-in-Jobs-bringen-Job bewirbt. Zum einen stockt die
Bundesagentur ihre Stellen auf. Zum anderen laufen gleichzeitig den Jobcentern
die Mitarbeiter davon.
Unter den Angestellten in den Arbeitsgemeinschaften aus
Bundesagentur und Kommunen grassieren Zukunftsängste. Etwa jeder Fünfte
der rund 60 000 Mitarbeiter hat nur einen befristeten Arbeitsvertrag bis Ende
2010 – und keine Ahnung, wie es danach weitergeht.
Das Bundesverfassungsgericht hat diese Mischverwaltung für
grundgesetzwidrig erklärt und der Politik eine Neuregelung aufgetragen. Doch
das hat die Koalition verpatzt. Ein von Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) und
NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) erzielter Kompromiss ist an der Unionsfraktion
gescheitert.
Ungewissheit riesig
Die Ungewissheit ist in allen Jobcentern, in denen man
nachfragt, riesengroß. „Das beschäftigt viele”, heißt es unisono in Essen,
Bochum, Duisburg. Von einer regelrechten Flucht will man hier aber nichts
wissen. Stichproben der Nürnberger Zentrale hatten ergeben, dass die Jobcenter
bis zu 30 Prozent ihrer Mitarbeiter pro Jahr verlieren. Wer die Chance hat, in
seine alte Behörde zurückzukehren oder anderswo eine unbefristete Stelle zu
erhalten, der geht.
Zwar werden sie ersetzt, doch wenn es eine Behörde gibt, die
keine hohe Fluktuation verträgt, dann sind es die Jobcenter. Sie kümmern sich
um Langzeitarbeitslose, darunter viele schwere Fälle. „Die Leute müssen ihre
gesamten Besitzstände offenlegen. Es wäre nicht gut,
wenn sie alle paar Wochen einen anderen Ansprechpartner bekämen”, sagt eine
Sprecherin der Bochumer Arge. Ihre Behörde gehe sehr offen mit dem Thema um.
„Egal, wie es weitergeht, werden wir auch künftig jeden Mitarbeiter brauchen.”
In der Tat: Natürlich muss es auch nach 2010 Hartz-IV-Behörden geben. Doch wer sie wie organisiert,
hängt von der nächsten Bundesregierung ab. Während die SPD die Arbeitsteilung
beibehalten will, gibt es in der Union große Sympathien dafür, die Hartz-IV-Behörden ganz in die Hände der Kommunen zu geben.
Unattraktive Entlohnung für Seiteneinsteiger
Das wäre für befristete BA-Angestellte keine beruhigende
Perspektive. „Die Arge-Mitarbeiter verfolgen den Wahlkampf sehr genau”, sagt
eine BA-Sprecherin. Das gelte auch für die Beamten: „Man weiß schon gerne, wer
sein Dienstherr ist.” Deshalb würden viele ins Mutterhaus zurückkehren.
Hier und da knistert es auch zwischen Angestellten und
Beamten. Das Einstiegsgehalt für Angestellte liegt in der Regel bei rund 2300
Euro Brutto. Das ist für Seiteneinsteiger mit Hochschulabschluss nicht sehr
viel. Wie ein ehemaliger Mitarbeiter eines Jobcenters im Revier berichtet,
hätten Seiteneinsteiger kaum Aufstiegschancen. Wenn dann auf der anderen
Schreibtischseite ein Beamter sitze, der das doppelte Gehalt beziehe, steigere
das die Motivation nicht eben.