Hartz IV nur gegen Arbeit
Minister Glos will Erwerbslose zu
Gegenleistung für Grundsicherung
verpflichten / SPD lehnt Vorschlag strikt ab
Bundeswirtschaftsminister Michael Glos
will Hartz-IV-Empfänger zur
Arbeit verpflichten. Sein Ministerium entwickelt derzeit ein
passendes
Kombilohn-Modell.
Berlin . "Es geht darum, die Leute zu aktivieren",
sagte
Wirtschaftsminister Michael Glos
(CSU) in einem vorab veröffentlichten
Spiegel-Interview. Seine Hoffnung sei, dass niedrig bezahlte
Tätigkeiten
dadurch attraktiver würden. "Die Leute werden sich
sagen: Wenn ich auch
für das Arbeitslosengeld II etwas tun muss, dann kann ich
auch gleich
einen Job annehmen, selbst wenn der nur ein bisschen besser
bezahlt
ist." Ein entsprechendes Kombilohn-Modell will das
Wirtschaftsministerium demnächst vorstellen.
Ziel des Modells ist, dass jeder künftig eine
"Gegenleistung" (Glos) für
die Grundsicherung erbringt, die mit den Zuschüssen für
Wohnen und
Heizen bei etwa 630 Euro liegt. Heute gebe der Staat den
Langzeitarbeitslosen ein "Garantie-Einkommen",
ohne etwas zu verlangen.
"Damit setzen wir die falschen Anreize",
kritisierte der
Wirtschaftsminister.
Organisiert werden müsste das Programm auf kommunaler Ebene.
Glos berief
sich auf Studien, wonach mittelfristig 300 000 öffentliche
Jobs
reichten, um das Modell zu realisieren. Er äußerte sich
"zuversichtlich", dass dann gleichzeitig mehr
reguläre Beschäftigung im
Niedriglohnsektor geschaffen werde, "gerade jetzt im
Aufschwung".
Schließlich gelte es, den ersten und nicht den dritten
Arbeitsmarkt
auszubauen.
Grüne: So dumm wie zynisch
Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ludwig
Stiegler wies den
Vorstoß scharf zurück. "Die Konservativen wollen die
Menschen
drangsalieren", sagte Stiegler. Die Sozialdemokraten
dagegen wollten
"ihnen Chancen geben, die sie gern ergreifen".
Angebote an Jobsuchende
müssten "von der Aufgabe wie von der Entlohnung her
Arbeit und
menschliche Würde zusammenbringen", sagte Stiegler.
Die Grünen lehnten Glos' Modell
als "so dumm wie zynisch" ab.
Grünen-Chef Reinhard Bütikofer sagte: "Es zeigt sich,
dass bei der
großen Koalition noch nicht einmal der Anspruch übrig
geblieben ist."
Fordern und Fördern in eine vernünftige Balance zu bringen,
habe die
Regierung stets als ihr Ziel verkündet. "Die neue
Parole heißt
anscheinend: schikanieren und ausbeuten lassen",
kritisierte Bütikofer.
Der Geschäftsführer des Wohlfahrtsverbands
"Volkssolidarität", Bernd
Niederland, nannte den Vorstoß von Glos
realitätsfern. Der Minister
unterstelle, die fünf Millionen Hartz-IV-Empfänger
wollten nicht
arbeiten. "Vor der Pflicht zur Arbeit müsste ein Recht
auf Arbeit in das
Grundgesetz aufgenommen werden", forderte Niederland.
Beifall für Glos kam dagegen von
den Liberalen. Der "Grundgedanke",
sagte FDP-Vize Rainer Brüderle,
sei "alt und richtig: Wer gesund und
leistungsfähig ist, muss auch etwas für die Allgemeinheit
tun." Jetzt
müssten der Ankündigung "Taten folgen", verlangte Brüderle. Er regte ein
"Gipfeltreffen" mit den kommunalen
Spitzenverbänden an, um die
notwendigen Arbeitsplätze zu schaffen. Die dürften freilich
den
Mittelstand nicht bedrängen. ap/dpa/rtr
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© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 48)
Datum: Montag, den 26. Februar 2007
Seite: 4
Minister Glos
Klasse Idee
Unser Wirtschaftsminister, er heißt Glos
und gehört der CSU an, macht
einen schlechten Eindruck. In Umfragen kennt ihn kaum einer,
und wer ihn
kennt, findet ihn nicht besonders dolle. Das ist 'ne miese
Kombination
und allenthalben wird gerätselt, ist der Glos
nun schwach, weil er
schweigt, oder schweigt er, weil er schwach ist.
Jetzt hat er geredet, und das Ergebnis ist, na ja, ein
bisschen
zweifelhaft. Alle Hartz
IV-Empfänger sollen arbeiten, hat der
Wirtschaftsminister gesagt. Das ist eine Forderung, die wir
vorbehaltlos
unterstützen. Arbeit für alle, oder: das Ende der
Arbeitslosigkeit! Da
sind wir dabei.
Aber Glos sprach von
Arbeitspflicht. Das ist nun kein ganz frischer
Gedanke, er wurde so ungefähr anderthalb Stunden nach
Entdeckung der
Arbeitslosigkeit erfunden. Und er taugt nicht richtig viel.
Warum,
fragen Sie? Herr Glos, jetzt noch
mal ganz langsam: Die allermeisten
Arbeitslosen sind arbeitslos, weil es keine Arbeitsplätze
gibt.
Verstanden? Keine Jobs da. Nix. Sonst könnte man sie
vermitteln und wer
dann nicht schafft, dem wird die Stütze gestrichen -- steht
so im Gesetz.
Schon lange, Herr Glos.
Was also haben wir über die Arbeitslosigkeit gelernt?
Nichts. Und über
den Wirtschaftsminister? Es ist klug, wenn er schweigt,
klüger
jedenfalls, als wenn er redet. Arnd Festerling
MFESTERLING
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 48)
Datum: Montag, den 26. Februar 2007
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