Hartz IV light
Union und FDP präsentieren erste Entscheidung bei den zähen
Koalitionsverhandlungen
Von Karl Doemens
BERLIN. Draußen auf der Straße trotzt die
Gewerkschaftsjugend den winterlichen Temperaturen. "Wir sind hier, wir
sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!", skandiert das wackere
Grüppchen. Doch drinnen in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung will
sich die soziale Kälte nicht ausbreiten. Stolz verkünden die Generalsekretäre
von CDU, CSU und FDP die ersten Beschlüsse der Koalitionsrunde. Wehtun werden
sie niemandem.
Eine "wichtige Weichenstellung" habe die
27-köpfige Koalitionsrunde getroffen, hebt CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla
bei der Pressekonferenz an, die ebenso abrupt beginnt, wie sie wieder endet.
Man werde eine zentrale Ursache von Altersarmut bekämpfen, pflichtet
FDP-Kollege Dirk Niebel bei. Nichts weniger als den "Einstieg in ein
Wachstumsbeschleunigungskonzept" habe man erreicht, pumpt sich CSU-Mann
Alexander Dobrindt auf.
Doch keine bahnbrechende Steuerreform, kein revolutionäres
Bürgergeld, keine Strukturreform des Gesundheitswesens haben die schwarz-gelben
Unterhändler beschlossen. Tatsächlich wollen sie die Auflagen für den Bezug von
Hartz IV etwas lockern: Langzeitarbeitslose sollen künftig mehr Geld
hinzuverdienen und fürs Alter zurücklegen können, ohne dass der Staat dies
verrechnet.
"Und wann gibt es mehr Netto vom Brutto?",
sticheln die wartenden Journalisten in Anspielung auf die vollmundigen
Wahlversprechen. "Sie werden sehen: das wird was", antwortet CSU-Chef
Horst Seehofer: "Alles mit Ruhe!" Wenig später verlässt FDP-Chef
Guido Westerwelle den Saal. "Wir lösen das ein, was wir vor der Wahl
versprochen haben", sagt er. Präziser möchte er nicht werden.
Dabei kommen die Verhandlungen seit Tagen im zentralen Feld
von Haushalt und Steuern nicht voran. Gestern Abend wollte die
Facharbeitsgruppe erneut nach Möglichkeiten suchen, trotz leerer Kassen ein
Signal der Entlastung an die Bürger zu senden. Richtig ernst dürfte es bei der
Klausurtagung der Koalitionsrunde am Wochenende werden. Doch eine endgültige
Einigung scheint angesichts der Fülle ungeklärter Fragen auch dann eher
unwahrscheinlich: Die Unterhändler haben weitere Termine bis zum kommenden
Freitag geblockt.
Kleiner gemeinsamer Nenner
So demonstrieren Union und FDP am Mittwoch Einigkeit bei
einem ziemlich kleinen gemeinsamen Nenner: Wie in ihren Wahlprogrammen
versprochen, soll das Schonvermögen für Hartz-IV-Bezieher von 250 Euro auf 750
Euro pro Lebensjahr erhöht werden. Das kostet laut Pofalla etwa 300 Millionen
Euro. Zudem soll selbst genutztes Wohneigentum unbegrenzt dem Zugriff des
Arbeitsamtes entzogen werden.
Auch sollen Langzeitarbeitslose mehr hinzuverdienen dürfen.
Auf Zahlen mag sich aber niemand festlegen. "Das wird der zuständige
Minister mit den Fraktionen machen", sagt CSU-Chef Seehofer. Und dann fügt
er vielsagend schmunzelnd hinzu: "Wenn man weiß, wie politische
Verhandlungen laufen, ist das Ergebnis sehr beachtlich." Seite 13
Leitartikel
Ein bisschen Sozialkosmetik
Jetzt ist es
offiziell, und es gibt nichts zu leugnen: Für einen Teil der Hartz-IV-Empfänger
ist es eine gute Nachricht. Wer fürs Alter gespart hat und dann arbeitslos
wurde, darf in Zukunft viel mehr behalten als bisher. Ausgerechnet Union und
FDP wollen also nun die "Gerechtigkeitslücke" schließen, die sie
bereits im Wahlkampf entdeckten. Den Arbeitslosen, die in Zukunft mehr behalten
dürfen vom Ersparten, ist das von Herzen zu gönnen, genau wie denjenigen, deren
Häuschen künftig verschont bleibt. Aber man tritt ihnen auch nicht zu nahe,
wenn man hinzufügt: Das schwarz-gelbe Gerechtigkeitsempfinden hat seine ideologischen
Grenzen - wie gerade dieses an sich erfreuliche Ergebnis der
Koalitionsverhandlungen beweist. Der Weg von der Gerechtigkeitslücke zur
Gerechtigkeitslüge ist nicht allzu weit.
Es hatte schon im Wahlkampf Erstaunen ausgelöst, dass die
FDP etwas für Hartz-IV-Empfänger tun wollte. Dieses Erstaunen gehörte
allerdings zum letztlich erfolgreichen Kalkül der Liberalen: Von der sozialen
Kälte, die man ihnen unterstelle, könne keine Rede sein, das blieb hängen. Nur
wer etwas genauer hinschaute, erkannte, dass die Erhöhung des Schonvermögens
kein Widerspruch zur Klientelpolitik der Freidemokraten ist, sondern deren
konsequente Fortsetzung: Zusätzlich begünstigt wird, wer vor der
Arbeitslosigkeit ein nennenswertes Vermögen bilden konnte. Wer das nicht getan
hat, ist nach dieser Logik selbst schuld. Ob er oder sie es nicht konnte - weil
das Einkommen nicht reichte, weil Kinder unterstützt werden mussten oder warum
auch immer -, das spielt im schwarz-gelben Weltbild keine Rolle.
Noch einmal: Es ist schön, wenn die liberale Ideologie auch
mal etwas für Hartz-IV-Empfänger abwirft. Aber es wäre dumm, von diesem Coup
auf den Charakter unserer künftigen Regierung zu schließen. Die wichtigste
Konfliktlinie der schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen verläuft zwischen FDP
und Unions-Wirtschaftsflügel einerseits und der Merkel-CDU andererseits.
Gerungen wird insgesamt nicht um mehr Gerechtigkeit im sozialstaatlichen Sinne.
Gerungen wird darum, ob der Status quo eher eingefroren oder im Sinne
neoliberaler Konzepte verändert wird.
Es hat sich bei denjenigen, denen das Beschneiden der
Sozialsysteme und die Umverteilung nach oben in den vergangenen Jahren schon zu
weit gingen, eine defensive Haltung festgesetzt: Merkel wird den
Kündigungsschutz schon verteidigen; Merkel wird die Krankenversicherung schon
bewahren vor weiteren einseitigen Belastungen der Versicherten; Merkel wird die
Mindestlöhne, die sie mit der SPD beschloss, nicht wieder kippen. Kurz: Die
Union, so die Hoffnung bis weit hinein in die Gewerkschaften, wird den Sozialstaat
im Großen und Ganzen schützen. Die Kanzlerin wird schon wissen, dass
Volkspartei nicht bleiben oder wieder werden kann, wer der Klientelpartei einer
saturierten Minderheit folgt - so stark diese Minderheit auch geworden sein
mag.
In der Tat: das kleinere Übel. Und das soll alles sein,
womit sich die bescheiden müssen, die noch vor kurzem für flächendeckende
Mindestlöhne, für Bürgerversicherung und gegen die ärmliche Ausstattung von
Hartz IV insgesamt auf die Straße gingen? Selbst wer Merkel in der Sache folgt,
kann das nicht wollen. Es täte dem Streit über ein soziales Wirtschaften gar
nicht gut, wenn er sich nur noch zwischen Stillstand und Rückschritt bewegte.
Deshalb braucht Deutschland gerade jetzt eine Opposition,
die zu mehr in der Lage ist als Selbstfindung oder Bündnisdebatten für 2013 ff.
Eine Opposition, die laut und deutlich sagt, dass es jenseits des Spektrums
zwischen Neoliberalismus und Nichtstun echte, realistische Alternativen gibt -
und mögliche Mehrheiten.
Es stimmt: Angela Merkel macht es einer solchen Opposition
nicht leicht. Sie spricht (solange sie im Allgemeinen bleibt) die Sprache des
Sozialstaats, tätschelt die Gewerkschaften und wirft sich den schlimmsten
Zumutungen in den Weg. Das "bisschen" Zusatzbelastung bei der Krankenversicherung
werden die Leute schon schlucken, denn bei der Steuer wird's ja vielleicht ein
bisschen besser und selbst bei Hartz IV haben sie jetzt etwas getan. Aber
umgekehrt gilt: Eine Opposition, die es den Schwarz-Gelben und ihrer Kanzlerin
so leicht machen würde, weil sie zu lange mit sich selbst beschäftigt ist,
würde sich versündigen. Und zwar an der Demokratie. Weil die Menschen nur
wirklich wählen können, wenn es echte Alternativen gibt.
Fr 15.10.09