Hartz
IV Wissenschaftler zeigen, was die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform
in der Geschichte der Bundesrepublik gebracht hat.
Schuften für wenig Geld
Bilanz der Mega-Reform fällt gemischt aus
Von Markus Sievers
Berlin. Hartz IV wurde am 1.
Januar vier – und sorgt für Aufregung fast wie am ersten Tag. Vielleicht wäre
etwas Gelassenheit angebracht. Als „bedeutende Zäsur“ in der Arbeitsmarkt- und
Sozialpolitik würdigt zwar das Institut für Arbeitmarktforschung (IAB) in der ersten
umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung die Reform. Aber der Neustart habe
„weder schlimmste Befürchtungen noch höchste Erwartungen erfüllt“, meint
IAB-Forscherin Susanne Koch. Sie spricht von einem „Schritt in die richtige
Richtung“. Gleichwohl mahnt sie Korrekturbedarf an, etwa bei der Betreuung der
Personen mit besonderen Problemen wie Alleinerziehenden, den unter 25-Jährigen
und den älteren Arbeitslosen.
Das ist eine ziemlich gemischte Bilanz für eine Reform, die
politisch gespaltet hat wie kaum eine vor ihr. Als mit dem Start Anfang 2005
die Arbeitslosenzahl auf über fünf Millionen hochschnellte und ein
Arbeitsminister namens Wolfgang Clement (damals noch SPD) die handwerklichen
Defizite nicht in den Griff bekam, ging eine Empörungswelle durch die Republik,
die ihre Spuren hinterließ in der politischen Landschaft. Nicht nur Clement
gehört nicht mehr der SPD an. Auch zahlreiche Kritiker von Hartz
IV verließen die Arbeiterpartei, die bei ihnen seitdem nur noch als frühere
oder sogenannte Arbeiterpartei läuft. Ohne Hartz IV als Geburtshelfer hätte die Linkspartei nie ihren
Aufstieg im Westen geschafft, sagen selbst treue Sozialdemokraten.
Das IAB, das Forschungsinstitut der Bundesagentur für
Arbeit, attestiert Hartz IV tendenziell eine
„positive Wirkung“. Die strukturelle Arbeitslosigkeit sei abgebaut. Mehr
Menschen seien in Beschäftigung gekommen, weil sie stärker als früher willens
seien, ihre Arbeitskraft anzubieten – und auch niedrigere Löhne akzeptierten.
„Die wollen einfach nicht arbeiten“ – diese These war schon immer falsch. Nun
lässt sich das Vorurteil noch einfacher widerlegen. Schon für 6,80 Euro die
Stunde oder einen Nettolohn von 1088 Euro im Monat sei der durchschnittliche
Arbeitslose bereit, eine Stelle anzunehmen, schreibt das IAB. Wieder zeigt
sich: Arbeit bringt nicht nur Geld, sondern ist für auch ein Wert an sich.
Kommentar Seite 17
RBUNZENTHAL
Gewinner und Verlierer
Ziele: Drei Ziele hatte die am
1. Januar 2005 gestartete Reform der Grundsicherung,
allgemein auch als Hartz IV bezeichnet:
1. Einen Abbau von Bürokratie durch Zusammenlegung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe zur „Betreuung aus einer Hand“.
2. Eine Verringerung der staatlichen Kosten für
Hilfebedürftige. 3. Die Senkung der Arbeitslosigkeit von Langzeit-Betroffenen
durch intensivere Betreuung.
Ergebnis: Das Ergebnis fällt zwiespältig aus, wie unter
anderen die Experten in Nürnberg zugeben. Tatsächlich ist die Zahl der Bezieher
dieser Leistung in den ersten beiden Jahren gestiegen, in den folgenden 24
Monaten ist sie hingegen geschrumpft.
Gründe für den anfänglichen Anstieg sind die damals noch
schwache Konjunktur und zudem die Aufdeckung versteckter Armut – viele
Anspruchsberechtigte hatten bislang den Gang zum Sozialamt gescheut und wurden
nun durch das dichtere Kontrollnetz zusätzlich als anspruchsberechtigt erfasst.
Das erklärt auch, weshalb die Kosten für Arbeitslosengeld II, Sozialgeld und
Eingliederungsmaßnahmen steigen, obwohl der durchschnittliche Hartz-IV-Bezieher weniger Geld bekommt als der frühere
Arbeitslosenhilfe-Empfänger. Doch gibt es hinter den Durchschnittswerten
Gewinner und Verlierer – etwa im Verhältnis ein Drittel zu zwei Dritteln. Zu
ersteren gehören vor allem Geringverdiener mit zahlreichen Kindern, zu
letzteren relativ gut verdienende Arbeitnehmer mit wenig zu versorgenden
Familienangehörigen.
Bewertung: Die Umstellung von einem am früheren Verdienst
orientierten Leistungsprinzip zu einem bedarfsorientierten Fürsorgeprinzip hat
zu vielen Ungerechtigkeiten geführt. Auch die Bürokratie hat nicht abgenommen.
Das Nebeneinander von drei verschiedenen Arbeitsverwaltungen erzeugt
Reibungsverluste. rb
RB
Jobs und Löhne
Ziel: Hartz-IV-Empfänger sollen
einen Job finden, damit sie nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen sind. In
Paragraf 1 des Sozialgesetzbuchs II wird dieses zentrale Ziel so formuliert:
„Die Leistungen der Grundsicherung sind darauf auszurichten, dass durch eine
Erwerbstätigkeit Hilfebedürftigkeit vermieden oder beseitigt (...) oder
verringert wird.“
Ergebnis: Ob Hartz IV die Jobkrise
entschärft hat, lässt sich noch nicht endgültig sagen, meinen die IAB-Forscher.
Aus ihrer Sicht verdichten sich immerhin die Anzeichen, dass dies gelungen ist.
„Mit der Reform ist der Druck gewachsen, eine Arbeit anzunehmen“, betonen die
Forscher. So berichteten Betriebe nach Einführung des Gesetzes, dass
arbeitslose Bewerber eher bereit sind, Zugeständnisse beim Lohn und der Art der
Arbeit zu machen. Zudem sei es einfacher, auch für „schwieriger besetzbare
Arbeitsplätze“ Leute zu finden. Ob Alg-II-Empfänger
von dieser Entwicklung profitiert haben, sei freilich offen, gestehen die
Forscher. Denn heute seien auch gut ausgebildete Menschen eher bereit, einfache
Jobs anzunehmen. Bei Alg-II-
Beziehern selbst konnten die Forscher übrigens keinen
spürbaren Anstieg der Kompromissbereitschaft feststellen. Dies mag daran
liegen, dass viele in früheren Jobs ohnehin extrem wenig verdient haben, heißt
es beim IAB.
Eins ist für die Forscher sonnenklar: „Der Vorrang jeglicher
Form von Erwerbsarbeit, den das SGB II postuliert, muss zu einer
(weiteren) Vergrößerung des Niedriglohnsektors führen.“
Im vorigen Jahr waren in Deutschland schon 23 Prozent der
Beschäftigten Geringverdiener, sie erhielten pro Stunde weniger als 9,07 Euro –
brutto.
Bewertung: Länder wie Dänemark zeigen, dass eine niedrige
Arbeitslosenrate auch ohne Ausbau des Niedriglohnsektors möglich ist. rt
RT
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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 24)
Datum: Donnerstag, den 29. Januar 2009
Seite: 18f.