Gute Arbeit für alle
Kirchen und Gewerkschaften wollen als Anwälte von Armen und Ausgegrenzten
wieder enger zusammenarbeiten. In einem gemeinsamen Aufruf verlangen sie mehr
Gerechtigkeit
Angesichts der aktuellen breiten und kontroversen Debatte über die künftige
Entwicklung unserer Gesellschaft, halten wir eine kirchlich-gewerkschaftliche
Initiative zur sozialen Frage für dringend erforderlich. Zu ihren Themen
gehören insbesondere die Massenarbeitslosigkeit, die vielfach mangelhaften
Bildungschancen, die zunehmende Verarmung von Bevölkerungsgruppen, die
Perspektivlosigkeit junger und älterer Menschen sowie die verfestigte Spaltung
der Welt in arme und reiche Nationen.
Der Schutz der Menschenwürde wie auch die Verwirklichung von Gerechtigkeit
sind Aufgaben der Kirchen und der Gewerkschaften. Zwischen beiden hat es in
Krisensituationen und Krisenzeiten von der örtlichen bis zur Bundesebene immer
wieder Gemeinsamkeit und vielfältige Zusammenarbeit gegeben.
Wenn die Würde des Menschen konsequent geachtet wird, kann gutes Leben und
gerechte Gemeinschaft gelingen. Individualität und Respekt, Teilhabe und
Wohlergehen, Freiheit und Solidarität als die zentralen Bedingungen von
Menschenwürde machen es möglich.
Seine Würde muss kein Mensch erbitten. Sie ist das Geschenk des Lebens. Als
solches hat sie keinen Preis, aber den höchsten Wert – ein Leben lang. Sie
macht jede und jeden einzigartig und unverzichtbar.
Aber die Würde des Menschen ist ständig gefährdet. Deshalb müssen wir
gegenseitig für sie einstehen und sie gemeinsam schützen, damit alle Menschen
teilnehmen können an den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen
Möglichkeiten des Lebens. Die Verletzung der Würde auch nur eines Menschen kann
Auswirkungen für alle haben. Wer ein Unrecht zulässt, bahnt dem nächsten den
Weg.
Die Würde des Menschen verlangt nach sozialer Gerechtigkeit. In der
vorrangigen Option für die Benachteiligten als Leitmotiv gesellschaftlichen
Handelns erhält sie ihre klare Begründung, Rangfolge und Perspektive.
Denn nur bei umfassender Verteilungsgerechtigkeit kommt es zu gemeinsamer
Beteiligungsgerechtigkeit. Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit werden so in
einem lebensdienlichen Gleichgewicht gehalten: Alle sollen genug haben; niemand
darf nur zum Kostenfaktor oder gar für überflüssig erklärt werden.
Wir dürfen und können also auf keinen Menschen verzichten. Deshalb muss
vernünftig-nachhaltig gewirtschaftet und gerecht geteilt werden, indem die
gesellschaftlich erwirtschafteten Gewinne in Gemeinschaftsaufgaben wie lebensbegleitende Bildung, Arbeit für alle, öffentliche
Güter und sozialer Ausgleich fließen.
In einem der reichsten Länder der Welt leiden über fünf Millionen Menschen
unter dem Mangel an weitreichenden Initiativen zu
Gunsten der Arbeitslosen. Sie werden von einer sozial gerechten Teilhabe in der
Arbeitsgesellschaft ausgeschlossen – obwohl Geld, Konzeptionen und Erfahrungen
sowie viel Unternehmungsgeist für eine neue Arbeitsgesellschaft der vielen
Beschäftigungen vorhanden sind. Dieses große Reformprojekt „Erwerbsarbeit für
alle“ muss nun endlich begonnen werden. Es wird Menschen das bieten, was sie
wollen und brauchen – nicht irgendeine Arbeit, sondern gute Arbeit; also
sichere Arbeitsplätze, Einkommen für ein Leben ohne existenzielle Sorgen,
Schutz der Gesundheit, Mitbestimmung am Arbeitsplatz und im Unternehmen sowie
Arbeit mit Sinn, Entfaltungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen.
Und so sind auf dem Arbeitsmarkt nicht die Arbeitsuchenden das Problem,
sondern das Fehlen ausreichend finanzierter Arbeit. Schon seit Jahrzehnten wird
Arbeitslosigkeit bezahlt, statt mit diesem Geld und mit Mitteln aus einem
sozial gerechten Steuersystem die öffentliche Infrastruktur zukunftsfähig
auszubauen, allen Bürgern gleichen Zugang zu öffentlichen Gütern und Leistungen
zu ermöglichen, Initiativen für flankierende Arbeitsmärkte zu entwickeln und
Mut zu Experimenten zu zeigen. So könnte eine neue, menschengerechte Vielfalt
von Arbeitsplätzen für gesellschaftlich nötige und nützliche Aufgaben sowie von
neuen Arbeitsformen und Arbeitszeitsystemen geschaffen werden. Damit entstünden
neue steuer- und sozialbeitragspflichtige, existenzsichernde
Einkommen für alle. Dazu gehört auch die Festlegung von Mindestlöhnen für
Branchen, in denen es keine Tarifverträge gibt oder sie nicht greifen.
Es ist die verfassungsrechtliche Verpflichtung der Solidargemeinschaft
aller Bürgerinnen und Bürger, für jeden Menschen ein Leben in Würde zu
gewährleisten. Das gilt besonders für kranke und dauerhaft pflegebedürftige
Menschen. Ihnen darf es menschlich und materiell an nichts fehlen.
Diese Solidargemeinschaft gelingt, wenn alle Menschen in ihren
gesundheitlichen Risiken und mit ihrer finanziellen Kraft aus Einkommen und
Eigentum füreinander einstehen. Da darf sich niemand ausschließen können. Das
bedeutet u. a., dass auch aus den Einnahmen der privaten Krankenversicherungen
Geld in den Finanzausgleich zwischen den gesetzlichen Kassen fließen muss. Nur
so werden alle Bürgerinnen und Bürger in ein umfassendes System demokratischer
Solidarität einbezogen.
Es ist gesellschaftlicher Konsens, dass Bildung der Schlüsselfaktor für die
Zukunft ist. So müssen vor allem für benachteiligte Kinder vom Anfang ihres
Lebens an dauerhaft und verlässlich entsprechende Lebensbedingungen und
Bildungsangebote geschaffen werden. Denn auch sie sind bildungs- und
ausbildungsfähig – mehr als sie es zeigen können. Zu viele Familien können das
Recht ihrer Kinder auf Bildung nicht eigenständig verwirklichen. Das aber
bedeutet: Mehr statt weniger staatlichen Einsatz; mehr Lehrer statt größere
Klassen; mehr Förderung statt Selektion und Abschieben in Kurzausbildungsgänge;
mehr statt weniger finanzielle Mittel.
Um Gerechtigkeit in der Bildung zu verwirklichen, müssen wir die im
Schulsystem angelegten sozialen Barrieren mit Hilfe von längeren gemeinsamen
Lernzeiten in Gemeinschaftsschulen abbauen. Wir wollen nicht hinnehmen, dass
immer mehr Menschen von der Entwicklung ihrer Fähigkeiten ausgeschlossen
werden; alle jungen Menschen haben einen Anspruch auf einen zukunftsfähigen
Schul- und Ausbildungsabschluss. Beispielhaft sind regionale Netzwerke von
Kindergärten, Schulen, Betrieben, Verbänden und Einrichtungen der
Jugendförderung.
Anstelle des überkommenen klassengesellschaftlichen Bildungssystems, wollen
wir anspruchsvolle Breitenbildung, zu der alle Menschen Zugang haben und die
auf das ganze Leben angelegt ist. Nur so können alle Begabungen entdeckt werden
und sich optimal entwickeln. Weiterbildung darf dabei nicht auf Anpassung an
betriebliche Notwendigkeiten reduziert werden, sondern sie muss gewährleisten, dass
alle eine breite, auch politische Allgemeinbildung und die
Schlüsselqualifikationen erwerben. Lernen muss so die Entwicklung der
individuellen Begabungspotenziale und damit eine Orientierung und Teilhabe in
Betrieb, Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen.
Die wettbewerblich organisierte Weltwirtschaft
erfordert Regeln, die in erster Linie den schwachen Partnern gerecht werden.
Das gilt auch für Subventionen und Zölle im Agrar- und Dienstleistungsbereich.
Denn wenn eine funktionierende Marktwirtschaft auch nicht ohne Wettbewerb
auskommt, so darf doch die Welt nicht länger in Gewinner- und Verliererregionen
zerfallen. Als einer der führenden Partner im Welthandel ist Deutschland
deshalb mitverantwortlich für sozial- und umweltverträgliche Bedingungen überall
dort, wo wir Handel treiben und investieren.
Die Welthandelsorganisation (WTO) muss dafür sorgen, dass auch und gerade
für die weltweit agierenden Unternehmen die zentralen Normen des
Internationalen Arbeitsamtes (ILO) gelten. Damit würden Menschen wirkungsvoll
geschützt, die in Entwicklungsländern ausgebeutet werden.
Im Sinne einer Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit stellt sich in der
EU die Aufgabe, solche Institutionen und Netzwerke aufzubauen und zu erweitern,
die globale Regulierungen für Solidarität und Gerechtigkeit durchsetzen. So
würden Alternativen zur gegenwärtig vorherrschenden marktfundamentalistischen
Globalisierung sichtbar werden.
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© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 175)
Datum: Dienstag, den 31. Juli 2007
Seite: 23