»Die Verbotspolitik hat versagt« JW 26.3.08
Soll der Staat Junkies reines Heroin geben? Ein Gespräch mit
Dirk Schäffer von der Deutschen AIDS-Hilfe
Interview: Markus Bernhardt
[Sauber bleiben im Druckraum]
Sauber bleiben im Druckraum
Foto: Christian Ditsch/Version
Dirk Schäffer ist Referent »für Drogen und Menschen in Haft«
der DAH in Berlin
Zum 1.März hat die Bundesregierung die finanzielle Förderung
der Abgabe von Heroin an Schwerstabhängige eingestellt. In dem Modellprojekt,
an dem sieben Städte teilnahmen, wurden Süchtige, bei den alle anderen
Therapien fehlgeschlagen waren, mit synthetischem Heroin (Diamorphin) versorgt.
Die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) befürchtet, daß mit dem Streichen der Gelder die
Einstufung von Diamorphin als Medikament sowie eine Überführung von
Schwerstabhängigen in die Regelbehandlung in weite Ferne rücken.
Statt dessen verhindert die CDU/CSU-Bundestagsfraktion
gegenwärtig die Verabschiedung eines Gesetzentwurfes zur diamorphingestützten
Substitutionstherapie, obwohl sich die CDU-Oberbürgermeisterin von
Frankfurt/Main, Petra Roth, und die CDU-Sozialausschüsse dafür ausgesprochen
haben. (jW)
Die DAH befaßt sich auch mit der Prävention von
HIV-Infektionen und Hepatitis bei Drogenkonsumenten. Was sind dabei die
Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
In erster Linie richtet sich unsere Arbeit an Menschen, die
spritzbare Substanzen konsumieren. Also Opiate und Kokain. Mit dem verstärkten
Aufkommen von Hepatitis ist jedoch auch die sogenannte Partyszene verstärkt
Teil unserer Arbeit.
Aufgrund der leichten Übertragung von Hepatitis bei der
gemeinsamen Benutzung eines Sniefröhrchens, beispielsweise beim Konsum von
Amphetaminen oder Kokain, ist die Bandbreite der Substanzen und der
Zielgruppen, mit denen wir uns beschäftigen, also größer geworden.
Konsumenten von Heroin werden in der Öffentlichkeit kaum
mehr wahrgenommen. Wie stellt sich deren Situation aktuell dar?
In den letzten zehn Jahren hat sich in der staatlichen
Drogenpolitik einiges verändert. Seit Ende der 1990er Jahre wurde die Säule der
Überlebenshilfe neben den Säulen Therapie, Behandlung und Repression
aufgenommen. Das ist eine Reaktion auf die Erfolge von niedrigschwelligen
Angeboten. Die Legalisierung von Drogenkonsumräumen war ein weiterer wichtiger
Schritt hin zu einer praxisnahen Drogen- und AIDS-Arbeit. Heute gibt es in
Deutschland 26 solcher Einrichtungen. Das ist weltweit einmalig.
Trotzdem ist die Lebenssituation von Opiatekonsumenten alles
andere als rosig.
Natürlich. Auch heute sterben jährlich mehr als 1000 Menschen
an den Folgen des Konsums illegalisierter Substanzen. Daran, daß Drogen
gebrauchende Menschen gesundheitliche Schädigungen erfahren, sich in die
Illegalität begeben müssen und Schwarzmarktstoff konsumieren, haben wir bisher
nichts ändern können. Doch die globale Drogenverbotspolitik hat versagt.
Repression ist weder in der Lage mit den wachsenden Drogenproblemen fertig zu
werden, noch genügt sie ihrem eigenen Anspruch, die Zahl der Drogenkonsumenten
zu reduzieren. Wir treten ein für eine Legalisierung, die einhergeht mit einer
staatlichen Aufsicht, die dafür Sorge trägt, daß der Schwarzmarkt durch eine
kontrollierte Drogenabgabe ausgedünnt wird. Diesem Ziel sind wir bislang leider
nicht näher gekommen.
Warum fordern Sie die heroingestützte Behandlung von Fixern?
[Bild 1]
Ich kenne keine neue Behandlungsform, die so übereinstimmend
von allen Fachleuten aus der Medizin, der Sozialarbeit und Wissenschaft positiv
bewertet wurde wie die heroingestützte Behandlung. Sie hat eindrucksvoll
gezeigt, daß Menschen, die bisher mit Methadon wenig erfolgreich behandelt
wurden oder bisher keinen Zugang zum Hilfesystem hatten, in erheblichem Maße
gesundheitlich und sozial stabilisiert wurden.
Viele Menschen in diesen Modellprojekten kamen sogar in
Arbeit und Beschäftigung, knüpften soziale Kontakte. Es tritt also alles ein,
was man sich von einer erfolgreichen Behandlung verspricht. Warum sich die
CDU/CSU-Bundestagsfraktion gegen die bundesweite Umsetzung der heroingestützten
Behandlung als Regelversorgung stellt, ist vollkommen unverständlich und
widerspricht auch den Einschätzungen der CDU in vielen Bundesländern.
Also setzen viele Politiker weiterhin auf Strafverfolgung
und plumpe Stimmungsmache?
Tatsächlich ist in vielen Regionen ein Rollback in der
Drogenpolitik zu konstatieren. Nach dem Ausbau von niedrigschwelligen Angeboten
wird jetzt verstärkt auf Repression gesetzt. In Nordrhein-Westfalen wurde
beispielsweise angeordnet, die Eigenbedarfsgrenze bei Drogendelikten
herabzusetzen bzw. ganz zu streichen. Schulleitungen sollen bei Besitz, Handel
oder der sonstigen Weitergabe von Betäubungsmitteln gegen Schüler Strafanzeige
erstatten. Dies ist drogenpolitisch der falsche Weg. Es werden viele
Zehntausende Jugendliche und junge Erwachsene kriminalisiert werden.
Bezieht die DAH Drogenkonsumenten in ihre Arbeit ein?
Für uns ist es von großer Bedeutung, daß Drogengebraucher
ihre Bedürfnisse artikulieren und ihre eigenen Interessen vertreten. Die DAH
hat schon Ende der 1980er Jahre den Aufbau eines Netzwerkes unterstützt, in dem
Menschen zusammenarbeiten, die aktuell Drogen konsumieren, substituiert werden
oder ehemalige Drogenkonsumenten sind. Das bundesweite Netzwerk, das nunmehr
über 25 regionale Gruppen verfügt, trägt den Namen »JES«. Dies steht für
Junkies, Ehemalige und Substituierte. Unser Ziel ist es, dazu beizutragen, daß
Drogenkonsumenten das höchstmögliche Maß an Informationen haben, um für sich
entscheiden zu können, ob und was sie wie konsumieren wollen, welche Risiken
bestehen und welche Strategien der Risikominimierung es gibt.
Es gab beispielsweise 2002 eine durch das
Bundesgesundheitsministerium initiierte Studie zu den Effekten von ambulanter
Drogenselbsthilfe. Ein großer Teil der Studie befaßte sich mit dem bundesweiten
»JES«-Netzwerk – mit dem Ergebnis, daß eine grundsätzlich akzeptierende Haltung
dem Weg zur Drogenabstinenz überhaupt nicht im Wege stehen muß. Und daß es
viele Menschen bei JES gibt, die durch ihre Arbeit im Netzwerk eine Reduzierung
ihres Konsums vornehmen oder sogar clean werden. Trotzdem gibt es für die
akzeptierende Drogenselbsthilfe auch nach 20 Jahren erfolgreicher Arbeit des
JES-Netzwerkes noch immer keine Lobby. Und es mangelt nach wie vor sehr an
finanzieller Unterstützung.
Die DAH kümmert sich auch um Süchtige im Knast. Nach der
offiziellen Lesart von Politik, Polizei und Gefängnisverwaltung gibt es dort
keine Drogen.
Aktuelle Studien sagen aus, daß die Möglichkeit, sich im
Knast mit HIV zu infizieren 25mal höher ist als bei nicht Inhaftierten. Auch
das Risiko, sich im Gefängnis mit Hepatitis C anzustecken, ist 40mal höher als
bei in Freiheit lebenden Personen. Darauf muß dringend reagiert werden. Ein
erster, kleiner Schritt wäre, daß endlich seitens der Gefängnisleitungen
eingestanden wird: Im Knast gibt es sowohl Sexualität als auch den Gebrauch von
Drogen. Zum Thema Drogen: Von inhaftierten Menschen, die opiatabhängig sind,
werden derzeit nur etwa drei Prozent substituiert. Demgegenüber sind es ca. 35
Prozent bei nicht Inhaftierten. Dies ist nicht hinnehmbar.
jes.aidshilfe.de und aidshilfe.de