Die Studie Arbeitsmarkt"reformen" bringen nichts

 

 

    Die Auftraggeber aus dem Wirtschaftsministerium hören das Ergebnis

    der Studie nicht gerne: Eine Liberalisierung des Gütermarkts bringt

    Wachstum, der Abbau von Arbeitnehmerrechten aber nicht.

 

 

        Die Auswirkungen umfangreicher Strukturreformen auf die

        Konjunktur wurden bislang kaum systematisch untersucht. Die

        Institute Prognos, BAK Basel Economics und IAW Tübingen gingen

        nun in einer umfangreichen Studie diesem Aspekt nach.

 

 

        Darüber hinaus wurde geprüft, ob geld- und fiskalpolitische

        Maßnahmen die Strukturreformen sinnvoll flankieren können. Das

        Ergebnis: Deregulierungen des Gütermarktes zeitigen nach einigen

        Jahren positive Ergebnisse in Form von Wachstum. Es konnte

        dagegen nicht festgestellt werden, dass Veränderungen am

        Arbeitsmarkt-Reglement etwas verbesserten.

 

 

        Die Studie wurde im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums

        erstellt. Dort scheint man mit dem Ergebnis nicht glücklich zu

        sein. Deshalb überließ man die Präsentation den Instituten. Hier

        eine Zusammenfassung.

 

 

        Mit dem Begriff "Reform" werden je nach Epoche verschiedene,

        mitunter gegensätzliche wirtschafts- und sozialpolitische

        Maßnahmen bezeichnet. Zielten letztere bis etwa Ende der 1970er

        Jahre eher darauf ab, die Stellung der abhängig Beschäftigten im

        ökonomischen Prozess zu stärken und Schlüsselbereiche der

        Wirtschaft unter politische Kontrolle zu stellen, so war die

        Reformpolitik der letzten Jahre fast ausschließlich darauf

        ausgerichtet, die Marktkräfte wieder in den Vordergrund zu

        stellen: die "verkrusteten" Güter- und vor allem Arbeitsmärkte

        sollen dereguliert und die Transfereinkommen in den sozialen

        Sicherungssystemen bzw. deren Anstieg gedämpft werden.

 

 

        Zentrale Arbeitshypothese unserer Untersuchung war, dass die

        Auswirkungen derartiger Strukturreformen im zeitlichen Verlauf

        die Form einer leicht gekippten J-Kurve aufweisen: Kurzfristig

        liegen Output und Beschäftigung unter dem Referenzpfad,

        langfristig darüber. Die dämpfenden Effekte können verschiedene

        Ursachen haben: Werden auf Gütermärkten Monopolstellungen

        aufgebrochen und Staatsbetriebe privatisiert, so ist dies in den

        bislang geschützten Bereichen oft mit der "Freisetzung" von

        Produktionsfaktoren, d.h. Arbeit und Kapital verbunden. Da reale

        Marktprozesse mit Friktionen behaftet sind und sich

        Qualifikationsprofile beispielsweise nicht über Nacht anpassen,

        finden die freigesetzten Faktoren nicht umgehend wieder

        Verwendung. Output und Beschäftigung gehen in der Folge

        kurzfristig zurück. Erst allmählich überwiegen die

        wachstumsfördernden Effekte in Form von höheren

        Produktivitätsfortschritten und/oder einem niedrigeren

        Preisniveau. Kurzfristig negative Auswirkungen können bei

        Reformen des Arbeitsmarktes und der sozialen Sicherungssysteme

        vor allem durch Nachfrageausfälle entstehen.

 

 

        Für die empirische Überprüfung der Arbeitshypothese wendeten wir

        drei Methoden mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten an. In

        deskriptiv ausgerichteten Länderstudien wurden die in fünf

        OECD-Ländern (Schweden, Dänemark, Niederlande, Großbritannien,

        USA) seit Anfang der 1980er Jahre durchgeführten

        Strukturreformen sowie die Makropolitik analysiert. Studien

        Dritter wurden hier ebenfalls ausgewertet. Der zweite Ansatz

        bestand in einer aufwendigen multivariaten Analyse, die mittels

        panel-ökonometrischer Verfahren auf der Datenbasis von zwanzig

        OECD-Ländern den Zusammenhang zwischen Regulierungsniveaus und

        der Wachstums- und Beschäftigungsperformance untersuchte.

        Schließlich wurde mittels gesamtwirtschaftlicher

        Modellsimulationen überprüft, inwieweit die Geld- und

        Fiskalpolitik eine reformbedingte konjunkturelle Abschwächung

        kompensieren können.

 

 

        Empirischer Nachweis für kurzfristig dämpfende Effekte: Den

        Ergebnissen der multivariaten Analysen zufolge können

        umfangreiche Strukturreformen das BIP-Wachstum kurzfristig bis

        zu einem Prozentpunkt pro Jahr dämpfen. Diese Quantifizierung

        steht jedoch unter methodisch bedingten Vorbehalten und sollte

        nur als ungefähre Richtgröße betrachtet werden. Zudem muss nicht

        jede Strukturreform zwingend zu einer kurzfristigen Abschwächung

        der ökonomischen Aktivität führen. Entgegen den theoretischen

        Erwartungen fällt den Analysen zufolge der dämpfende Effekt bei

        Reformen des Arbeitsmarktes höher aus als bei solchen des

        Gütermarktes. Mittelfristig -- d.h. ca. 5-6 Jahre nach Beginn

        der Reform -- stellen sich auf dem Gütermarkt positive

        Wachstumseffekte ein, hier konnte die Arbeitshypothese bestätigt

        werden. Vor diesem Hintergrund spricht zumindest unter rein

        ökonomischen Gesichtspunkten wenig gegen eine Fortsetzung der

        Gütermarktliberalisierung.

 

 

        Die multivariaten Analysen liefern hingegen keinen empirischen

        Beweis für mittelfristig positive Beschäftigungseffekte von

        Arbeitsmarktderegulierungen. Bei einem Teil der "verdächtigen"

        Faktoren wie etwa der Dauer und Höhe von Lohnersatzleistungen,

        dem Kündigungsschutz und dem Abgabenkeil konnten keine

        eindeutigen Effekte ermittelt werden, während eine Stärkung der

        koordinierten Lohnverhandlungen und ein höherer

        gewerkschaftlicher Organisationsgrad unseren Schätzungen zufolge

        sich sogar positiv (wenn auch teilweise nur schwach) auf die

        Beschäftigung auswirken. Dieses Teilergebnis unserer

        Untersuchung mag überraschen, es bestätigt jedoch die kritischen

        Einschätzungen anderer Autoren. Deren Untersuchungen zufolge

        weisen die oft als Kronzeugen für Arbeitsmarktreformen

        herangezogenen Mehr-Länder-Studien aus dem Umfeld der OECD oder

        des IMF bezüglich ihrer Schätzergebnisse erhebliche Schwächen

        auf. Den betreffenden Studien ist eine ausgeprägte Diskrepanz

        zwischen der Eindeutigkeit der Untersuchungsergebnisse und der

        Unbedingtheit der gezogenen politischen Schlussfolgerungen zu

        attestieren. Auf der Basis einer etwas breiteren theoretischen

        Perspektive ist der hier festgestellte kritische Befund wenig

        überraschend, da Regulierungen -- allgemeiner: Institutionen --

        es realen Marktakteuren überhaupt erst ermöglichen, über Märkte

        ihre Handlungen zu koordinieren und die Frage entsprechend eher

        lauten sollte, welche Art von Regulierungen unter welchen

        Gesichtspunkten vorteilhaft ist. Ein Marktmodell, das wichtige

        Eigenschaften der realen Welt wie z.B. begrenzte Rationalität,

        Transaktionskosten, Informationsasymmetrien oder Marktmacht qua

        Annahme ausblendet, ist hingegen nicht als (impliziter)

        Benchmark für Deregulierungsforderungen zu gebrauchen.

 

 

        Flankierung von J-Kurven-Effekten durch die Geld- und

        Fiskalpolitik: Nach Ansicht der Autoren der Studie können die

        kurzfristig dämpfenden Effekte von Strukturreformen ein Ausmaß

        erreichen, das einen besonderen Handlungsbedarf vonseiten der

        Geld- und Fiskalpolitik impliziert. Die weiterführende Frage

        lautet dann, ob makropolitische Maßnahmen geeignet sind,

        J-Kurven-Effekte zu kompensieren oder zumindest abzuschwächen.

        Die Simulationsrechnungen zeigen, dass solch eine Abschwächung

        mittels expansiver geld- und fiskalpolitischer Maßnahmen --

        wenngleich in begrenztem Ausmaß -- möglich ist. Zwar ergeben

        sich je nach Art der Maßnahmenspezifikation in Relation zum

        Referenzpfad mehr oder weniger stark ausgeprägte negative

        Gesamteffekte in den ersten Folgeperioden, da jedoch der

        Simulationspfad um denReferenzpfad im Weiteren oszilliert, ist

        das Vorzeichen und die Größe des Gesamteffektes der

        makropolitischen Maßnahme von der Wahl des Simulationszeitraumes

        abhängig.

 

 

        Richtiges Timing vorausgesetzt, wäre damit die Geldpolitik in

        der Lage, J-Kurven-Effekte abzumildern. Da die meisten

        Zentralbanken das gesamtwirtschaftliche Umfeld bei ihren

        zinspolitischen Entscheidungen berücksichtigen, erfolgt eine

        Flankierung von J-Kurven-Effekten in realen Volkswirtschaften

        quasi automatisch. Als Schlussfolgerung hinsichtlich der

        Geldpolitik resultiert die Anregung, die Möglichkeit von

        J-Kurven-Effekten für die Konjunkturprognosen der Zentralbanken

        zu berücksichtigen und diesem Aspekt von Strukturreformen auf

        Seiten der Banken weitere Forschungsaufmerksamkeit zu schenken.

 

 

        Eine expansivere Ausrichtung der Fiskalpolitik zwecks

        Abschwächung von J-Kurven-Effekten steht unter einem größeren

        Vorbehalt. Zwar spielen hier durch den parlamentarischen

        Entscheidungsprozess bedingte Wirkungsverzögerungen keine Rolle,

        da die Maßnahmen parallel zu den Strukturreformen verabschiedet

        werden können. Damit ist jedoch noch nicht garantiert, dass

        diese auch zum richtigen Zeitpunkt ihre Wirkung entfalten. Weit

        verbreitet ist die These, dass die privaten Akteure im Fall von

        expansiven Maßnahmen für die Zukunft eine höhere Steuerbelastung

        erwarten und dementsprechend ihre aktuellen Ausgaben entgegen

        den staatlichen Mehrausgaben reduzieren. Der fiskalische Effekt

        würde verpuffen. Studien Dritter bescheinigen diesen

        Nicht-Keynesianischen Erwartungseffekten jedoch wenig praktische

        Relevanz. Zudem immunisiert sich diese These aufgrund der kaum

        möglichen Beobachtung von Erwartungen gegen eine empirische

        Überprüfung; eine gewisse Beliebigkeit in ihrer Anwendung ist

        naheliegend. Auch die Befürchtung, dass die Politik nicht

        willens sei, im Anschluss an die expansiven Maßnahmen den

        Haushalt wieder zu konsolidieren, ist prinzipiell nicht zu

        halten. Wie die Länderstudien zeigen, gelang es vor allem den

        marktliberalen Musterländern Großbritannien und USA, mittels

        diskretionärer expansiver Fiskalmaßnahmen konjunkturelle

        Einbrüche abzumildern und in Boomphasen den Haushalt wieder zu

        konsolidieren. Unter Verweis auf diese erfolgreiche

        Fiskalpolitik spricht damit wenig gegen eine entsprechende

        Flankierung von Strukturreformen -- solange diese ausschließlich

        investiv ausgerichtet ist und unter dem Motto erfolgt: "Spare in

        der Zeit, dann hast Du in der Not."

 

 

        Eine ausführlichere Kurzfassung der

 

 

        Studie kann unter www.prognos.com

 

 

        bezogen werden.

 

 

          PDFGEINSMANN

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 279)

Datum: Freitag, den 30. November 2007

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