Die
Ein-Euro-Jobvernichter
Erste Umfrage bei
Betroffenen: Sie arbeiten gern, aber sie verdrängen angestellte Kollegen
Von Markus Sievers
Berlin. Fast
jeder zweite Ein-Euro-Jobber verdrängt nach eigener
Aussage mit
seiner Tätigkeit entgegen der gesetzlichen
Vorschrift
reguläre Arbeitsplätze. Bei einer Befragung im
Auftrag der
Bundesagentur für Arbeit (BA) gaben 45 Prozent an,
die gleiche
Arbeit zu verrichten wie festangestellte Kollegen.
Jeder Vierte
sagte, für den Ein-Euro-Job sei eine abgeschlossene
Ausbildung
erforderlich .
Dies sind noch
unveröffentlichte Ergebnisse aus der ersten
repräsentativen Untersuchung, bei der die Betroffenen zu Wort
kommen und
nicht andere über sie reden und urteilen. Sie liegen
der FR in Form
einer Auswertung durch den Deutschen
Gewerkschaftsbund (DGB) vor. Laut DGB beruhen alle bisherigen
Studien auf
Angaben der Unternehmen oder allgemeinen Statistiken.
Das erste
umfassende Selbstbildnis der Ein-Euro-Jobber liefert
einen
aufschlussreichen Einblick in einen schon quantitativ
bedeutenden
Teil des deutschen Arbeitsmarktes. Demnach bringen
mehr als zwei
Drittel eine Berufsausbildung oder sogar einen
Hochschulabschluss mit. Trotz der hohen Qualifikation und der
geringen
Bezahlung bewerten die Betroffenen ihre Tätigkeit
erstaunlich
positiv: Vier von fünf empfinden ihren Ein-Euro-Job
als
Gelegenheit, etwas Sinnvolles zu tun und unter Menschen zu
kommen. Die
Leute wollen also arbeiten, auch unter schlechten
Bedingungen.
Für die Hartz-IV-Empfänger ist selbst die minimale
Entlohnung eine
finanzielle Entlastung.
Aus Sicht der
Arbeitsmarktpolitik entscheidend ist eine andere
Erkenntnis aus
der Studie, für die das BA-eigene
Forschungsinstitut IAB 1232 Personen nach ihrer Erfahrung mit
diesen
Tätigkeiten gefragt hat. Nicht erfüllt hat sich die
Hoffnung,
Ein-Euro-Jobs könnten Türen zum regulären Arbeitsmarkt
öffnen. Ihre
beruflichen Perspektiven bewerten die Befragten
ausgesprochen
negativ. 61 Prozent glauben nicht, dass die
Arbeitsagenturen
ihnen helfen könnten, einen Arbeitsplatz zu
finden. Nur jedem Achten wurde überhaupt eine normale
Vollzeitstelle
angeboten. Zwei Drittel erklären, dass sich ihre
Beschäftigungschancen durch die mit Steuergeldern finanzierten
Beschäftigungsprogramme nicht verbessert haben.
Dieser Befund
deckt sich mit Aussagen des Bundesrechnungshofs
(BRH). Der
schreibt in einem im November 2008 fertiggestellten
Prüfbericht,
aus dem der DGB zitiert: "Die Arbeitsgelegenheiten
blieben aus
Sicht des BRH für drei von vier Hilfebedürftigen
weitgehend
wirkungslos. Messbare Integrationsfortschritte waren
nicht
erkennbar." Besonders moniert der Rechnungshof, dass die
Tätigkeiten
nicht wie gesetzlich vorgeschrieben zusätzlich
geschaffen
würden, sondern reguläre Arbeitsplätze verdrängten.
"Zwei
Drittel der geprüften Maßnahen erfüllten nicht die
gesetzlichen
Fördervoraussetzungen", konstatiert der
Bundesrechnungshof.
Beispielsweise
ersetzen Ein-Euro-Jobber in der Pflege
ausgebildete
Kräfte, statt den Patienten zusätzlich als Betreuer
zur Verfügung
zu stehen. In gemeinnützigen Unternehmen machen
sie privaten
Handwerksbetrieben Konkurrenz. Massenweise treten
sie an die
Stelle von voll bezahlten Hausmeistern oder
Bauarbeitern,
wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks
(ZDH) beklagt.
"Ein-Euro-Jobs taugen nachweislich kaum als Brücke in dauerhaft
Beschäftigung", sagte ZDH- Generalsekretär Hanns-Eberhard
Schleyer der
FR. Stattdessen führe die Wettbewerbsverzerrung
"reguläre
Arbeitnehmer in die Arbeitslosigkeit", kritisiert
Schleyer.
"Daher appelliere ich eindringlich an Städte und
Gemeinden,
keine Ein-Euro-Jobber für handwerkliche Tätigkeiten
einzusetzen."
Der DGB
fordert, den flächendeckenden Einsatz zu beenden und das
Instrument nur
in Einzelfällen einzusetzen, etwa um schwer
vermittelbare
Menschen an Arbeit heranzuführen. Außerdem müsse
die Teilnahme
freiwillig sein.
Kommentar
Seite 13
RSIEVERS
© Copyright
Frankfurter Rundschau
Ausgabe:
Stadtausgabe (Nr. 123)
Datum: Freitag,
den 29. Mai 2009
Seite: 17
Kommentare
Ruhig gestellt mit
einem Euro
Von Markus Sievers
Nun kommen
auch vom Arbeitsmarkt Zeichen der Hoffnung. Trotz
Krise ist die
Arbeitslosenzahl im Mai erstaunlich stark
gesunken, der
Kurzarbeit sei Dank. Damit spricht alles dafür,
dass die
Vier-Millionen-Marke dieses Jahr entgegen den
Befürchtungen
nicht überschritten wird. Das ist eine gute
Nachricht für
alle, die einen regulären Arbeitsplatz haben oder
sich Hoffnung
darauf machen.
Für eine große
Gruppe spielt das Auf und Ab der Konjunktur schon
lange keine
Rolle mehr. Massenweise sitzen sie fest in
Ein-Euro-Jobs
ohne Aussicht auf eine reguläre Beschäftigung. Das
war vor der
Krise so, und das wird in der Krise mit Sicherheit
nicht besser.
Eine
Dreiviertelmillion Hartz-IV-Empfänger treten Jahr für
Jahr
Ein-Euro-Jobs
an. Schon dieser massenweise Einsatz zeigt, dass
diese
Beschäftigungsprogramme ihren eigentlichen Zweck
verfehlen. Sie
sollten eine Brücke bauen in den Arbeitsmarkt für
Menschen, die
eine Auszeit hinter sich haben oder andere
Hemmnisse für
eine Vermittlung mitbringen. Tatsächlich aber geht
es weniger um
die Lösung individueller Probleme, sondern um die
massenweise
Ruhigstellung von Menschen ohne Chance auf mehr.
Mit den Hartz-Reformen wollte die Politik dies beenden. Sie
wollte
Arbeitslose aktivieren, sie ermuntern zum
(Wieder)-Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Ein-Euro-Jobs
erreichen das
Gegenteil. In seltener Eintracht weisen darauf
Gewerkschaften
und Wirtschaft hin. Auch der Bundesrechnungshof
lässt nicht
nach in seiner Kritik. Die nächste Regierung sollte
sich rasch
daran machen, die Ein-Euro-Jobs so zu stutzen, dass
sie ihren
Zweck erfüllen.
SIEVERS
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Frankfurter Rundschau
Ausgabe:
Stadtausgabe (Nr. 123)
Datum: Freitag, den
29. Mai 2009
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http://www.dgb.de/themen/themen_a_z/abisz_doks/a/arbeitsmarkt_aktuell_04_09.pdf