DGB NRW kritisiert „Rechenspielchen“ bei Hartz IV

Politik, 14.01.2011, DerWesten

Fünf Euro pro Monat sollen Hartz-IV-Empfänger mehr bekommen. Zu wenig, wie Sozialverbände und Gewerkschafter fordern. Foto: Axel Schmidt/dapd

Düsseldorf. Neuer Streit um Hartz-IV-Sätze: Nach Berechnung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands müssten Hartz-IV-Empfänger 35 Euro mehr bekommen. Kritik an der Berechnung der Sätze kommt auch vom DGB in NRW.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) NRW hat die Berechnung der neuen Hartz-IV-Sätze durch das Bundesarbeitsministerium verurteilt. „Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen versucht anscheinend auf dem Rücken der Hartz IV-Empfänger Haushaltslöcher zu stopfen“, erklärte NRWs DGB-Chef Andreas Meyer-Lauber gegenüber DerWesten. Der DGB NRW schloss sich damit wenige Tage vor den weiteren Verhandlungen im Vermittlungsausschuss der Kritik von Opposition und Sozialverbänden an.

Nach jüngsten Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands müssten die Hartz-IV-Sätze statt um fünf sogar um 35 Euro auf 394 Euro steigen. Nach Meinung des Sozialverbandes hat das Arbeitsministerium bei der Berechnung getrickst, in dem es für die Berechnung die einkommenschwächsten 15 Prozent der Haushalte herangezogen hat. Bislang dienten jedoch die einkommenschwächsten 20 Prozent als Grundlage für die Ermittlung des Regelsatzes.

Einigung im Vermittlungsausschuss wird schwieriger

Die Gruppe der 15 Prozent hat logischerweise ein niedrigeres Einkommen als die unteren 20 Prozent der Haushalte, so der Wohlfahrtsverband. Grundlage der Berechnungen des Wohlfahrtsverbandes war neues Datenmaterial, das das Bundesarbeitsministerium der Opposition im Zuge der Vermittlungsgespräche über die Hartz-IV-Reform zur Verfügung gestellt hat.

„Die Hartz IV-Sätze dürfen nicht durch Rechenspielchen bestimmt werden, sondern müssen das Existenzminimum so gewährleisten, dass Teilhabe an gesellschaftlichem Leben, an Bildung, Politik und Kultur, möglich ist“, kritisierte Meyer-Lauber.

Die vorgelegten Daten zeigten, dass ein verfassungskonformer Kompromiss im Vermittlungsausschuss „immer schwieriger zu erreichen sein wird“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. „Die Gefahr wieder in Karlsruhe zu landen, wächst zusehends.“

Nächste Woche werden Verhandlungen fortgesetzt

Auch NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) erklärte gegenüber DerWesten: “Der Gesetzentwurf der Bundesregierung genügt nicht den Anforderungen des Bundesverfassungsgerichts an eine transparente und sachgerechte Berechnung der Regelsätze.“

Die Verhandlungen des Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat werden am 19. Januar fortgesetzt. (jgr/afp)

http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/DGB-NRW-kritisiert-Rechenspielchen-bei-Hartz-IV-id4167500.html

 

 

Streit um Hartz IV-Berechnung
35 Euro mehr statt fünf

Es könnte deutlich mehr sein, was die knapp fünf Millionen Hartz-IV-Empfänger auf ihrem Konto am Monatsersten sehen können. Denn um auf fünf Euro höhere Sätze zu kommen, hat die Bundesregierung die Berechnung der Arbeitslosenhilfe verändert.

Mehr Geld für Hartz-IV-Empfänger (Symbolbild)
Foto: dpa

Berlin/Frankfurt –  

Die Vorwürfe hatte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) immer zurückgewiesen: Bei der Berechnung der Hartz-IV-Sätze sei nicht getrickst worden. Doch die verärgerten Wohlfahrtsverbände können jetzt auf Datenmaterial aus dem Hause von der Leyen verweisen. Die Opposition hatte sich Unterlagen besorgt. Laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ lässt sich mit diesen Daten belegen: Die Regierung hat die Berechnungsmethode geändert. Das könnte den Streit zwischen Regierung und Opposition bei den laufenden Vermittlungsgesprächen verschärfen.

Die staatlichen Leistungen für die etwa 4,8 Millionen erwachsenen Hartz-IV-Empfänger würden anderenfalls deutlich höher ausfallen. Hintergrund: Statt zwanzig Prozent der ärmsten Haushalte ohne Hartz-IV-Aufstocker wurden nur 15 Prozent der einkommensschwächsten Haushalte zur Ausgangsbasis der Berechnung. Dabei wurden noch die Hartz-IV-Empfänger und Arbeitslose herausgerechnet.

Daraus ergebe sich nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands statt der geplanten Erhöhung von 359 auf monatlich 364 Euro ein Hartz-IV-Satz von 394 Euro - also 35 Euro statt fünf Euro mehr. Die Opposition fühlt sich durch das Ergebnis in ihrer Kritik bestätigt: „Wir vermuten, dass bei der Neuberechnung der Regelsätze sehr stark nach der Haushaltslage entschieden wurde“, sagte die SPD-Verhandlungsführerin und SPD-Vize Manuela Schwesig der „SZ“.

Die SPD-geführten Länder forderten eine Neuberechnung für die untersten 20 Prozent. Außerdem sollten zusätzlich vorher die „Aufstocker“ herausgenommen werden, also Hartz-Empfänger, die staatliche Grundsicherung erhalten und einen Mini-, Teilzeit- oder Vollzeitjob haben. Anhand dieser Rohdaten errechnete der Paritätische Wohlfahrtsverband einen Hartz-IV-Satz von 394 Euro. Im Bundesarbeitsministerium hieß es dem Bericht zufolge dagegen, die bisherigen Berechnungen seien „unbestechlich“.

„Die neuen Zahlen bestätigen unseren Vorwurf, dass Ministerin von der Leyen nach Kassenlage operiert hat“, sagte der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn. Neben der Reduzierung auf 15 Prozent der Haushalte seien die Hartz-IV-Aufstocker aus der Berechnung nicht herausgenommen worden. Zusätzlich würden weniger Posten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe berücksichtigt als zuvor. „Wir haben Bedenken, ob diese Berechnung noch verfassungskonform ist“, sagte Kuhn.
Die Bundesregierung komme nicht umhin, den Regelsatz auf mindestens 400 Euro festzusetzen, um das Existenzminimum zu sichern, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. Der Bundesverband der Diakonie wird noch deutlicher. Nach den Berechnungen der Diakonie müsste der Regelsatz bei 434 Euro liegen, teilte der evangelische Verband mit.
Die Hartz-IV-Reform war vor Weihnachten am Widerstand der SPD-geführten Länder vorläufig gescheitert und an den Vermittlungsausschuss verwiesen worden. Der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat will am kommenden Mittwoch erneut verhandeln. (kho/afp/epd)

14.1.11

http://www.fr-online.de/wirtschaft/arbeit---soziales/35-euro-mehr-statt-fuenf/-/1473632/5414798/-/index.html