Berliner
Chaoszentralen
Arbeitslosenzentrum mit Zwischenbilanz der Beratungsaktion »Irren ist amtlich«: Jobcenter nach vier Jahren Hartz IV noch immer hoffnungslos überlaufen und überfordert
10.06.2009 / Inland / Seite 5Inhalt jw
Von Jana Frielinghaus
Seit dem 26. Mai ist in Berlin ein Bus unterwegs. Er hält
jeden Tag vor einem der zwölf Jobcenter der Hauptstadt, darin sitzen
Sozialarbeiter und beraten die Leute kostenlos zu Fragen rund um das Arbeitslosengeld
II. Am Dienstag präsentierte das Berliner Arbeitslosenzentrum evangelischer
Kirchenkreise (BALZ) eine erste Zwischenbilanz dieser Aktion unter dem Motto
»Irren ist amtlich – Beratung kann helfen«. Es ist bereits das dritte Mal, daß das Zentrum in Kooperation mit den Berliner
Wohlfahrtsverbänden eine solche »Jobcenter-Tour« veranstaltet.
An den bisher sieben Beratungstagen haben am Bus 310 Gespräche zu konkreten
Problemen stattgefunden, berichtete BALZ-Vorstand
Frank Steger. Dabei suchten besonders häufig Menschen Rat, die vor der Frage
stehen, ob sie sich ihre Wohnung künftig noch werden leisten können. Denn immer
mehr bekommen sogenannte
Kostensenkungsaufforderungen. Die Kosten für ihre Wohnung liegen über den
Richtwerten, bis zu denen die Jobcenter diese übernehmen. Sie stehen vor der
Wahl, ihre Räume entweder teilweise unterzuvermieten oder sich eine billigere
Bleibe zu suchen – was angesichts allgemein steigender Mieten ein schwieriges
Unterfangen ist. Viele Betroffene, so die Beobachtung von Steger, entscheiden
deshalb dafür, den Teil der Kosten, die das Amt nicht übernimmt, selbst zu
tragen, also von ihren monatlich maximal 351 Euro ALG II abzuzwacken.
Ein weiterer Problemkreis, mit dem die Berater mehrfach konfrontiert waren: Die
Einkommensanrechnung bei Selbständigen. Häufig können Freiberufler und
Kleinunternehmer von ihren Einkünften nicht leben – ein Trend, der sich im Zuge
der Wirtschaftskrise verstärken dürfte. Sie müssen also »aufstocken«. Doch
diese »ergänzende Hilfe zum Lebensunterhalt« wird offenbar gern
heruntergerechnet. Der Grund: Naturgemäß schwanken die Einkünfte von
Freiberuflern stark. Da bietet es sich an, die höheren Beträge zugrundezulegen – und rosige Prognosen für deren weitere
Entwicklung abzugeben. Sowohl bei Selbständigen als auch bei anderen
Antragstellern enthalten die Hartz-IV-Bescheide keine
nachvollziehbaren Hinweise darauf, wie und in welcher Höhe Partner- und
sonstige Einkommen angerechnet wurden. In der Beratung stelle sich oft heraus, daß der Bescheid fehlerhaft ist, so Steger.
Die Bus-Mitarbeiter haben darüber hinaus feststellen müssen, daß die Sachbearbeiter in den Jobcentern gerade jungen
Familien gegenüber häufig »nicht ihrer Beratungspflicht nachkommen«. Frauen
etwa, die das Amt darüber informieren, daß sie ein
Kind erwarten oder bekommen haben, werde im Regelfall nicht mitgeteilt, daß sie Anspruch auf eine einmalige Leistung, die sogenannte Erstausstattung, haben, berichtete Steger
gegenüber jW. Erkundigten sich ALG-II-Bezieher
auf dem Amt nach dieser Leistung, würden sie nicht selten mit den Worten
»gibt’s nicht« einfach abgewimmelt. Ähnliche Probleme gebe es bei anderen
Einmalleistungen wie der Kostenerstattung für mehrtägige Klassenfahrten. Steger
führt den häufig rauhen Umgangston in den Centern vor
allem auf die durch miese Personalausstattung bedingte starke Belastung der
Mitarbeiter zurück. Der Pesonalmangel sorgt zugleich
für weiterhin enorme Wartezeiten für die Betroffenen, die sich vielfach als
lästige Bittsteller behandelt fühlen. Stundenlanges Schlangestehen sei etwa im
Jobcenter Neukölln üblich, so Steger. Das Bus-Team ist noch bis zum 3. Juli an
allen Tagen außer dem Mittwoch von 8 bis 13 Uhr im Einsatz.
Bustour-Termine und weitere Informationen: www.beratung-kann-helfen.de