Am Gängelband des Amts
14.03.2009 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt
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Zuwenig Lohn, um die Kinder davon zu ernähren: Der Staat stockt den
Betrag zum Hartz-IV-Satz auf. Doch der Preis ist hoch:
bedingungslose Unterordnung unter die Bürokratie
Von Gitta Düperthal
Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre die Welt der Martina Teller*
in Ordnung. Die Wohnung ist liebevoll eingerichtet, Fotos von den
zehnjährigen Zwillingen hängen an der Wand. Doch sie ist das, was man
eine »Aufstockerin« nennt, gegängelt vom Amt und permanent am Rechnen.
Als ob die 47jährige Alleinerziehende mit drei Kindern sonst nichts zu
tun hätte: 20 Stunden wöchentlich arbeitet sie beim Flughafen in
Frankfurt am Main in der Personenkontrolle, flexibel natürlich, auch an
Wochenenden und Feiertagen. Zwischen 1000 bis 1200 Euro hat die
vierköpfige Familie mit Aufstockung monatlich zur Verfügung. Hat sie
feiertags Überstunden gemacht oder Urlaubsgeld bekommen, braucht sie
sich gar nicht erst zu freuen -- alles, was sie zusätzlich erhält, ist
beim Amt nachzuweisen und zu verrechnen. So ist es, seit Hartz IV im
Januar 2005 eingeführt wurde. Einen vom Jobcenter angeordneten
Zwangsumzug hat sie hinter sich bringen müssen. 110 Quadratmeter seien
zu groß, wurde befunden. Jetzt wohnt sie mit ihrem 18jährigen Sohn
Stefan und den Zwillingen auf 77 Quadratmetern im abgelegenen Stadtteil
Sindlingen -- immerhin wird die Miete wieder übernommen. Zunächst wirkt
sie trotz allem nicht deprimiert, nur wenn sie über die
Ungerechtigkeiten im Amt erzählt, klingt unterdrückte Wut durch.
Abzug vom Lehrgeld
»Meine Kinder haben kaum Ansprüche«, zielstrebig seien sie. »Von Stefans
Fleiß könnten sich einige eine Scheibe abschneiden«, sagt Martina
Teller. Seine Lehre im Pharma-Unternehmen zieht er motiviert durch:
Morgens steht er um halb Fünf auf, und hat täglich drei Stunden
Fahrtzeit. Doch von seiner Ausbildungsvergütung, rund 590 Euro netto,
darf er kaum etwas behalten. Stefans Monatsverdienst wird mit dem
Aufstockungsbetrag verrechnet. Ihm bleiben nur 209 Euro monatlich --
davon sind 100 Euro Fahrgeld. Dabei hat Stefan alles richtig gemacht: Im
Januar 2011 soll er nach dreieinhalb Lehrjahren übernommen werden --
falls die Krise ihn nicht einholt. Wen wundert es, daß Martina Teller
die kalte Wut packt, wenn sie in den Nachrichten Storys über strikte
Gütertrennung des TV-Stars Verona Pooth und ihres Gatten Franjo hört.
Bei den Superreichen alles kein Problem: Schulden des wegen Bestechung,
Vorteilsgewährung, Insolvenzverschleppung und Untreue rechtskräftig
vorbestraften Unternehmers dürfen auf das Vermögen seiner
millionenschweren Ehefrau nicht angerechnet werden.
Seit dem Zwangsumzug sitzt Martina Keller abends oft allein zu Hause.
Ihre Mutter ist verstorben, der Vater im Pflegeheim. Mal eben mit einer
Freundin von nebenan ein Video bei Chips und einem Glas Wein schauen,
ist nicht mehr drin. Ihre Bekannten wohnen jetzt mehr als 30 Kilometer
entfernt: »War das schön in der alten Wohnung. Waren die Kinder im Bett,
saßen wir gemütlich zusammen.« Hier kennt sie niemanden. Noch etwas
mußte sie bitter erfahren: Als Aufstockerin sollte man keinesfalls
sparen. 25 Euro monatlich hatte sie sich abgeknapst, um etwas für ihre
Kinder zurückzulegen. So war auf dem Konto ihres Sohns nach Jahren ein
Betrag von 4000 Mark zusammen gekommen. Pustekuchen, nur 2500 Mark sind
erlaubt -- das Konto hatte sie aufgelöst. Die zu erwartenden Zinsen von
der Bank waren futsch. »Hartz IV ist erbarmungslos: Kein Führerschein
oder gebrauchtes Auto für meinen Sohn!«. Als sie das erzählt, stehen ihr
Tränen in den Augen. Besser hätte sie heimlich unter dem Kissen sparen
sollen, belehrt der zuständige Sachbearbeiter.
Ständiges Bittstellen
Das ständige Bittstellen geht Martina Teller auf die Nerven: Muß sie
ihren Zwillingen die Klassenfahrt finanzieren, teilt das Schulamt mit:
»Die Kassen sind klamm.« Also schickte sie Formulare ans Jobcenter.
Zunächst erfolgreich -- allerdings wurde das Geld zwischenzeitlich
wieder verrechnet! Mitunter muß sie sich Geld pumpen, weil die
Überweisung vom Amt zu spät kommt -- oder man hat sich vertan und
zuwenig ausgezahlt. In ihrer Freizeit erledigt sie zahllose
Behördenbesuche, füllt Formulare aus, wälzt Aktenordner. Darin sind
Kindergeldformulare für das Jugendamt, Papiere fürs Aufstocken beim
Jobcenter abgeheftet -- »auch für den Vater im Pflegeheim gibt es ein
Amt«, stöhnt sie. Behördenmarathon: Würde das Frankfurter
Arbeitslosenzentrum nicht helfen, Abrechnungen zu überprüfen, wäre sie
längst heillos in Bürokratie ertrunken.
* Alle Namen redaktionell verändert