NRZ Montag, 20.10.2003
"Bloß ein Vorwand für Kündigungen"
SOZIALHILFE / Erwins Vorstoß erntet vor allem heftige Kritik:
Wo sind die
Perspektiven?
Als er zum Wochenende der "Welt am Sonntag" prophezeite, sein
Vorschlag, Sozialhilfebezieher mittels Straßenreinigung
zu beschäftigen,
werde eine heftige Diskussion auslösen, hatte OB Erwin Recht.
Gestern
überschlugen sich die Kommentare zu seinem Interview, zu
dem sich
Erwin übrigens nicht von der NRZ befragen ließ.
Als "hochgradig unqualifiziert" wertete Iris Bellstedt, Chefin
des
Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Düsseldorf,
zugleich
auch Sprecherin der "Liga" der Verbände: "Das ist purer
Stimmfang."
Erwin will jeden fünften der 32 000 Sozialhilfeempfänger
mit
"gemeinnütziger und zusätzlicher Arbeit" (GZA) beschäftigen.
Mit Straßen
fegen, Grünpflege oder Altpapier sammeln. 1,50 Euro soll´s
zur
Sozialhilfe dazu geben. Bis jetzt sind das 80 Cent.
Nach Auskunft des Sozialamtsleiters Roland Buschhausen dürfen
die
zurzeit 500 sogenannten GZA-Beschäftigten maximal 25 Stunden
pro
Monat arbeiten. 240 Stellen bietet die Stadt (Rasen mähen,
Hausmeisterhilfen), 260 offerieren die Sozialverbände.
Buschhausen, der wie sein Chef glaubt, "den ein oder anderen
dadurch
in einen Job bringen zu können", nimmt gerade Verhandlungen
um
neue Stellen auf. Mit der Awista, deren Grünmobil auf dieser
Schiene
fährt, mit dem Jugendamt: "In vier bis sechs Wochen wollen
wir neue
Stellen locker machen." Beispiele: In der Laubzeit gebe es genug
zu tun,
und manche Mutter könne auch Scherben aus dem Sandkasten
sammeln oder im Kindergarten helfen. Wolfgang Janetzki, CDU-Chef
des Sozialausschusses, lobt Erwins Idee: "Das bringt doch auch
gesellschaftliche Anerkennung."
Was fehlt, ist Motivation
Grundsätzlich hält SPD-Geschäftsführerin
und Vize-Vorsitzende im
Fachausschuss, Annette Steller, den Vorstoß für "nicht
falsch. Aber das
muss gekoppelt sein mit Perspektiven." Zudem hält sie den
"Betreuungsaufwand für größer als den Arbeitseffekt."
Marion Enke
(Grüne) sieht das als "Griff in die Mottenkiste". Ohne Option
auf
Festanstellung sei das sinnlos. Holger Kirchhöfer von der
Armenküche
meint: "Das ist bisher bei der Stadt schlecht organisiert. Das
sind keine
neuen Ideen und so motiviert man auch nicht zur Arbeit."
PDS-Ratsherr Frank Laubenburg meint, das sei nur Alibi dafür,
städtische Stellen abzubauen. Dahin zielt auch Verdi-Sekretär
Jürgen
Mertin: Es komme Erwin nur darauf an, städtische Arbeiter
vor die Tür zu
setzen und durch Sozialhilfebezieher zu ersetzen: "Der OB wird
mehr
und mehr zum sozialpolitischen Risiko." Er habe nämlich
für die
Verwaltung den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen
einseitig
beendet. (aly)
20.10.2003
Copyright: Neue Ruhr/Rhein Zeitung NRZ
NRZ Montag, 20.10.2003
Politischer Straßenfeger
Sein Slogan: "Düsseldorf hat Visionen." - Ein Schlaglicht
aus der Rede
von OB Erwin bei seiner jüngsten Kandidaten-Kür.Welcher
Natur diese
Visionen sind, ist seit gestern zu beachten:Seit gestern lässt
der
Verwaltungschef die bunt schillernde CD routieren, die Düsseldorf
als
internationales Wirtschaftszentrum am Rhein präsentiert,
mit
wunderbarsten Bildern von wunderbarster Architektur, die Stadt
als
Spitzenmetropole des Big Business, mit Multimedia, Messe, Mode,
Museen und strahlend erfolgreichen Menschen. Das Wunder vom
Rhein.Oh Wunder. Sehr, was die zweite Präsentation angeht.
Die hat er
mittels "Welt am Sonntag" positioniert. Verdeutlicht, dass er
Sozialhilfe-Empfänger von ihrer Spielhallen- und Fernsehsucht
und von
der Büdchenlungerei heilen will. Als Visionär weiß
er: Frische Luft macht
einen freien Kopf. Drum will er die armen Teufel mit der Straßenfegerei
betrauen.Vermutlich hat sich Erwin bisher zu viel um statisch
ausgeklügelte, millionenteure Hafenbrücken gekümmert
oder um
seinen Auslandsreisen-Bonus, sonst hätte er sicherlich gewusst,
dass
seit Jahren Sozialhilfebezieher für die ein oder andere
Sonderschicht mit
80 Cent zur Sozialhilfe entlohnt werden. Sei´s drum.Was
der OB macht,
ist gefährlich. Weil er mit Thekentumbheiten zündelt.
Woher er die
Anschlussarbeit für seinen politischen Straßenfeger
nehmen will, sagt
er nicht. Weil er´s nicht sagen kann. Soviel Erwin gibt
es nicht in dieser
Stadt, dass daraus auch gleich Tausende von Leichtlohnstellen
entstünden. Sei´s drum.
Er kann ja in seine opulente CD über die bald ja auch blitzende
Stadt
einfließen lassen: Und die, die fegen, dass sind unsere
Armen. Wir tun
was für die... Wie war das mit seinen Wahlversprechen?:
"Minimallösungen hat Düsseldorf nicht verdient". Nichts
anderes hat er
gerade präsentiert. Noch ein Spruch?: "Mit Klischees lassen
sich
Wählerinnen und Wähler nicht täuschen." Es scheint,
als wolle er die
seinen für dumm verkaufen! Dritter Slogan: "Düsseldorf
macht´s
besser". Das muss auch für den OB gelten.
20.10.2003 ANNA LEWY
Express 20.10.03
Der OB spaltet unsere Stadt“
Kritik nach Erwin-Vorschlag „Fegen
für Sozialhilfe“
Von MICHAEL KERST
Düsseldorf – Es dürfte
OB
Joachim Erwin nicht überrascht
haben: Mit seinem Vorschlag
„Straßenkehren und
Papiersammeln für
Sozialhilfeempfänger“ hat
er am
Sonntag für heftige Reaktionen
gesorgt. Sozialverbände und
die
Opposition im Rathaus schlugen
die Hände über dem Kopf
zusammen.
Einer, der ganz nah dran ist an
den Bedürftigen der Stadt
ist
Bruder Matthäus Werner
(„fifty-fifty“) – er kann sich
das
Lachen nicht verkneifen: „Dieser
angeblich neue
Vorschlag ist doch uralt: Sozialhilfeempfänger
sind
schon seit 1962 zur gemeinnützigen
Arbeit
verpflichtet. Aber die Stadt hat
es nie geschafft, das
zu organisieren.“
Doch dann wird der Ordensbruder
ernst: „Ehrlich
gesagt: Ich finde dieses Geschrei,
mit dem Stimmung
gegen die Armen gemacht wird,
ganz schlimm. In
Zeiten knapper Kassen bedient
man sich immer bei den
Schwachen.“
Den gleichen Tenor bekommt der
OB auch von der
Rathaus-Opposition zu hören:
„Das sind doch reine
Stammtisch-Parolen“, schimpft
Ratsherr und
Sozialexperte Kurt Hahn (SPD).
„Unterschwellig tut
Erwin so, als seien Sozialhilfeempfänger
grundsätzlich
faul – dabei wollen die meisten
arbeiten.“
Alle Vorgänger Erwins hätten
sich als
Oberbürgermeister aller Düsseldorfer
verstanden.
„Erwin hingegen spaltet unsere
Stadt“, schimpft Hahn.
„Er selbst wäre wahrscheinlich
am Besen besser als im
Rathaus.“
Als der EXPRESS an den sozialen
Brennpunkten der
Stadt nachfragt, wird schnell
deutlich: Die Betroffenen
haben Angst, sich öffentlich
zu äußern. „Wenn man
anschließend zum Sozialamt
kommt, gibt es Druck“,
befürchten sie. Viele sind
auch schon in der
Vergangenheit zu gemeinnütziger
Arbeit herangezogen
worden.
„Das Säubern beispielsweise
von Parkanlagen und
Spielplätzen ist eine wichtige
Aufgabe, die auch Spaß
macht“, betonen sie. „Aber dass
man dafür dann 1,50
Euro pro Stunde zur Sozialhilfe
dazu bekommt, ist doch
ein Witz. Gebt uns doch diese
Arbeit einfach als
richtigen Job.“