12.01.2012 / Inland / Seite 5Inhalt
Arbeitslose doppelt so häufig krank wie Erwerbstätige.
Caritas fordert Veränderungen im Gesundheitswesen
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Medizinische Grundversorgung: Wohnungslose Menschen in
Hamburg vor einer Straßenambulanz der Caritas Foto: dapd |
Wenn in der Öffentlichkeit über Gesundheitspolitik
debattiert wird, werden bestimmte Teilaspekte gebetsmühlenartig wiederholt. Im
Streit um Ärztemangel, Krankenversicherung oder ausgewogene Lebensweisen wird
ein Thema dagegen nur selten genannt: die Armut. Der Zusammenhang von
Krankheitsrisiko und fehlender gesellschaftlicher Teilhabe aufgrund von Armut
soll in diesem Jahr durch eine Kampagne des Deutschen Caritasverbandes (DCV)
stärker ins öffentliche Bewußtsein gebracht werden.
»Wo es an Einkommen, Bildung und Perspektiven fehlt, ist Krankheit ein häufiger
Begleiter«, lautet die klare Botschaft der Kampagne »Armut macht krank«.
Gemeint sind hier insbesondere Personengruppen, die nur einen mangelhaften
Zugang zu unserem Gesundheitssystem haben, wie Langzeitarbeitslose,
Asylbewerber oder wohnungslose Menschen. Das hänge oft mit der Tatsache
zusammen, daß diese Gruppen, wenn überhaupt, nur ein
sehr geringes Einkommen zur Verfügung haben. So sind beispielsweise Arbeitslose
in Relation zu Erwerbstätigen doppelt so häufig betroffen von Krankheit,
Krankenhausaufenthalten oder der Behandlung mit Psychopharmaka. Das kann durch
offizielle Zahlen, die unter anderem vom Robert-Koch-Institut erhoben wurden,
nachgewiesen werden.
Eines der größten Armutsrisiken in unserer Gesellschaft sei die Langzeitsarbeitslosigkeit, verkündete Dr. Peter Neher, Präsident des DCV, am Mittwoch in Berlin. »Wer von
Arbeitslosengeld II lebt, überlegt jede Ausgabe genau. So werden notwendige
Arztbesuche aufgeschoben, um die Praxisgebühr zu sparen.«
Nicht nur deswegen forderte er, die Praxisgebühr »baldmöglichst abzuschaffen«.
Ursprünglich als Instrument zur Vermeidung unnötiger Arztbesuche eingeführt,
sei sie mittlerweile vielmehr zu einer zusätzlichen Finanzspritze im
Gesundheitssystem degradiert, die dazu mit hohen Bürokratiekosten verbunden
sei. »Wenn die Ursache häufiger, aber medizinisch nicht notwendiger Arztbesuche
in Vereinsamung und fehlenden sozialen Kontakten liegt, ist zu überlegen, ob
nicht soziale Angebote beispielsweise der offenen Altenhilfe hilfreicher
wären«, so Neher.
Daß Armut krank macht, wird auch an der
unterschiedlichen Lebenserwartung deutlich. Bei Frauen beträgt die Differenz
zwischen niedriger und hoher Einkommensgruppe acht, bei Männern sogar elf
Jahre. Häufig auftretende Krankheitsbilder sind hier vor allem Herzinfakt oder Schlaganfall, aber auch Diabetes oder
chronische Bronchitis. Gerade für Menschen ohne Krankenversicherung,
beispielsweise Asylbewerber, stellten sich nach DCV-Angaben hohe Hürden in
unserem Gesundheitssystem. Abgesehen von einem Rechtsanspruch auf ärztliche
Behandlung bei akuten Erkrankungen oder Schwangerschaft lägen weitere
Behandlungen meistens im Ermessen der Behörden. Noch schwieriger sei die
Situation bei Menschen, die ohne legalen Aufenthaltstitel in Deutschland leben.
Aus Angst davor, gemeldet und abgeschoben zu werden, vermieden sie es oft, die
wenig vorhandenen Angebote zu nutzen.
Angesichts der offensichtlichen Mißstände forderte
DCV-Präsident Neher »ein Gesundheitssystem, das auch
die Menschen nicht aus dem Blick verliert, die am Rande der Gesellschaft
leben«. Laut Europäischer Union gelten diejenigen als armutsgefährdet, die
weniger als 60 Prozent des jeweiligen nationalen Durchschnitts aller Einkommen
zur Verfügung haben. In Deutschland betrifft das rund 12,6 Millionen Menschen,
etwas mehr als jeden sechsten. Angesichts dessen sei eine Politik von Nöten,
»die Armut und Arbeitslosigkeit bekämpft, die Hauptursachen für ein erhöhtes
Krankheitsrisiko und eine geringe Lebenserwartung«. Nehers
Fazit: »Jeder verdient Gesundheit.«
http://www.jungewelt.de/2012/01-12/035.php