Weniger Klagen
gegen Hartz IV
Zahl der erwerbsfähigen Empfänger sinkt
Von
Stefan Sauer
Erstmals seit Inkrafttreten der Hartz-IV-Gesetze
2005 ist die Zahl der einschlägigen Klagen vor deutschen Sozialgerichten im
vergangenen Jahr zurückgegangen. Während 2010 noch 158 000 neue Klagen vor
deutschen Sozialgerichten gegen Bescheide der Jobcenter eingingen, waren es
2011 nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) nur noch rund 144 000.
"Dieses Ergebnis zeigt, dass unsere Vermittlungsbemühungen am Arbeitsmarkt,
aber auch mit Blick auf die Beilegung von Rechtsstreitigkeiten erfolgreich
sind", sagte eine BA-Sprecherin der FR. Die Zahl der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger sei zwischen 2010 und 2011 von 4,9 auf
4,62 Millionen gesunken.
Dagegen sprach die Präsidentin des Berliner Sozialgerichts, Sabine Schudoma, nach den Rekordzuwächsen der vergangenen Jahre von einem "Verharren auf höchstem Niveau". Im größten deutschen Sozialgericht seien 2011 fast 31 000 neue Hartz-IV-Verfahren registriert worden, im Jahr zuvor waren rund 1 000 mehr. Statistisch werde somit alle zwölf Minuten in Berlin eine Klage im Hartz-IV-Bereich aktenkundig. Als vornehmliche Ursache der Klageflut nannte Schudoma mangelnde Kommunikation zwischen Hartz-IV-Empfängern und Jobcentern: "In den meisten Fällen reden die Beteiligten erstmals vor Gericht miteinander statt vorher". So endeten vier von fünf Prozessen vor dem Berliner Gericht nicht mit einem Urteil, sondern einer gütlichen Einigung - die man bereits vorher hätte finden können. Schudoma forderte, die Jobcenter wieder an den Gerichtskosten zu beteiligen.
Fr 12.1.12
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12.01.2012 / Titel / Seite 1Inhalt
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40000 unerledigte Fälle liegen in Deutschlands größtem
Sozialgericht (Berlin, 11. Januar) Foto: dapd |
Mehr als 40000 offene Verfahren sind im vergangenen Jahr an
Deutschlands größtem Sozialgericht – dem in Berlin – aufgelaufen. Das ist
Rekord. Das Gericht müßte ein Jahr schließen, um
dieses »Felsmassiv« abzutragen, sagte Präsidentin Sabine Schudoma
am Mittwoch bei ihrer Jahrespressekonferenz. Nur: Selbst wenn die 126
Richterkollegen von Schudoma in den nächsten zwölf
Monaten nichts anderes tun dürften als sämtliche Altfälle abzuarbeiten, würden
sie am Ende wieder vor einem genauso großen, wenn nicht größeren Berg stehen.
Denn tatsächlich kommen jedes Jahr mehr neue Verfahren hinzu, als alte erledigt
werden können.
2011 gingen 43832 Fälle ein, fast drei Viertel davon (30735) betrafen Hartz IV. Dies waren nur
geringfügig weniger als 2010. Der Rest verteilt sich auf die klassischen
Gebiete des Sozialrechts wie Renten-, Arbeitslosen-, Krankenversicherung und
Schwerbehindertenrecht.
Zu einem Großbetrieb wurde das Berliner Sozialgericht aber erst infolge des
seit 1. Januar 2005 geltenden »Vierten Gesetzes über moderne Dienstleistungen
am Arbeitsmarkt«. Die Zahl der Richter wurde von seinerzeit 55 auf 127 erhöht,
72 davon beschäftigten sich nach Schudomas Angaben
»ausschließlich mit Hartz IV«. Die Strategie, die
Kräfte dort zu konzentrieren, wo die Not am größten ist, erscheint plausibel,
schaut man sich die Entwicklung der Neueingänge an. 2005 waren es knapp 7000,
ein Jahr darauf 12 000, 2007 bereits 18 000, im nächsten Jahr 21 000, dann
27000 und im bisherigen Rekordjahr 2010 knapp 32000 eröffnete Hartz-IV-Verfahren. Auf diesem Niveau scheint sich die
Sache, darauf deuten die gestern vorgelegten Zahlen hin, nun zu stabilisieren.
Am häufigsten streitet man sich vor Gericht um die Kosten der Unterkunft, die
Anrechnung von Einkommen auf das Arbeitslosengeld II, Leistungskürzungen
aufgrund von »Sanktionen« und die Verletzung gesetzlicher Bearbeitungsfristen
durch die Jobcenter.
Wer vor das Sozialgericht geht, hat bereits ein Widerspruchsverfahren im
Jobcenter hinter sich. Ein erheblicher Teil dieser Fälle müßte
nach Einschätzung von Schudoma gar nicht bei einem
Richter landen. »Monat für Monat erreichen das Gericht Dutzende
Untätigkeitsklagen«, sagte sie, »weil die Jobcenter zwingende
Bearbeitungsfristen nicht beachten.« Statt
Rechtsfragen zu lösen, werde »das Gericht zum Mahnbüro«. Verfahren würden
»verzögert, weil das Jobcenter auch Monate nach Klageerhebung noch keine
Stellungnahme abgeben kann«. Auf Nachfrage erhalte sie »allzuoft«
die Antwort: »Aufgrund von Personalmangel kommt es derzeit zu Verzögerungen.«
Der Leiter des Jobcenters Berlin-Neukölln, Klaus-Peter Hansen, wollte eine
personelle Unterausstattung gestern gegenüber jW
telefonisch »so pauschal nicht« bestätigen. Es gebe »eine Menge
Stellschrauben«, an denen man drehen könne, »um die Abläufe zu optimieren«:
Bescheide besser erklären, bei Widerspruch automatisch Abhilfe prüfen usw. Daß viele Betroffene vor Gericht ziehen, weil ihre Anträge
nicht fristgerecht beschieden werden, bestätigte Hansen aber: Von 7600
Sozialgerichtsklagen gegen das Jobcenter Neukölln waren im vergangenen Jahr
2400 solche wegen Untätigkeit.
Seit Einführung von Hartz IV sei das Personal der
Jobcenter »zu gering bemessen«, erklärte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin
der Linken im Bundestag, Sabine Zimmermann, gestern auf jW-Nachfrage.
Die hohe Zahl der Klagen sei »eine Bankrotterklärung für das Hartz-IV-System, das endlich abgeschafft werden muß«.