Rund sieben Prozent
der Erwerbstätigen sind arm
Rund sieben Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland leben
einer Studie zufolge in Armut. In Zukunft werde die Quote voraussichtlich noch
steigen, weil Geringverdiener immer öfter Haupt- statt Nebenverdiener seien,
ergab eine neue Untersuchung der Sozialforscher Henning Lohmann und Hans-Jürgen
Andreß. Sie bezogen sich auf die europäische
Statistik zu Einkommens- und Lebensbedingungen. Untersucht wurden 27 EU-Staaten
sowie Norwegen und Island im Jahr 2008. Demnach lagen die Armutsquoten zwischen
3,9 und 16,9 Prozent. Die niedrigste Quote verzeichnete Tschechien, die höchste
Rumänien. Mit 6,9 Prozent lag Deutschland im Mittelfeld. Als arm gilt, wer
einen Nettolohn hat, der unter 60 Prozent des mittleren Werts im jeweiligen
Land liegt. afp
fr 21.4.11
Von wegen Zuverdienst
Sieben Prozent der Beschäftigten in Deutschland gehören zu den Working Poor, Tendenz steigend. Immer mehr davon sind Alleinverdiener
19.04.2011 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15Inhalt jw
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Deutschland zählt zu den Ländern, in denen die Armut unter
abhängig Beschäftigten zunimmt. Zu diesem Schluß
kommen die Sozialforscher Henning Lohmann von der Universität Bielefeld und
Hans-Jürgen Andreß von der Uni Köln in einer in der
aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Böckler Impuls
vorgestellten Studie. Lohmann und Andreß vergleichen
darin die Entwicklung der Armutsquoten von lohnabhängigen Erwerbstätigen im
Ländervergleich der 27 EU-Staaten sowie Norwegens und Islands. Das Ergebnis:
Die »Working-Poor-Raten« entwickeln sich europaweit
ganz und gar nicht nach einem einheitlichen Trend. In Deutschland jedoch ist
die Dynamik eindeutig: So waren 1997 rund zehn Prozent der Niedriglohnbezieher
arm, 2008 waren es der Studie zufolge bereits 18 Prozent. Der Grund: Während es
sich bei den Einkünften aus niedrig entlohnten Jobs früher meist um
Zusatzeinkommen für »Mittelschichtshaushalte«
handelte, sind inzwischen immer mehr Niedriglöhner
Allein- oder Hauptverdiener für ihre Familie. Dies gehe sowohl aus der
europäischen Statistik zu Einkommens- und Lebensbedingungen (EU-SILC) als auch
dem Sozioökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung (DIW) hervor.
Ob Beschäftigte in Armut leben müssen oder nicht, hänge neben ihrem
Arbeitseinkommen entscheidend von der Haushaltsstruktur ab: Lebt der
Beschäftigte als Single? Muß er oder sie andere
Personen miternähren und, falls ja, wie viele? Zudem kommt es auf die in den
verschiedenen europäischen Ländern recht unterschiedlich ausgestalteten
staatlichen Umverteilungssysteme an.
In Deutschland sei in den nächsten Jahren vor allem aufgrund veränderter
Haushaltskonstellationen eine Zunahme der »Armut trotz« Arbeit erwarten,
schreiben die beiden Professoren. In ihrer Untersuchung beleuchten Lohmann und Andreß die Armutsquoten von Personen im erwerbsfähigen
Alter, die im zurückliegenden Jahr wenigstens sechs Monate gearbeitet haben.
Als arm gilt nach gängiger Definition, wer ein Nettoeinkommen hat, das unter 60
Prozent des mittleren Werts im jeweiligen Land liegt. So ergeben sich in den
betrachteten Staaten – EU-27 plus Norwegen und Island – für 2008 Working-Poor-Quoten zwischen 3,9 und 16,9 Prozent. Die
niedrigste Erwerbstätigen-Armutsquote verzeichnete Tschechien, die höchste
Rumänien. Mit 6,9 Prozent liegt die wirtschaftliche Führungsmacht Deutschland
lediglich im Mittelfeld (Stand 2008).
Die Wissenschaftler analysieren die Einkommensverteilung dabei in mehreren
Schritten. Schaut man nur auf die Erwerbseinkommen, waren in Deutschland im
Jahr 2006 knapp 18 Prozent der abhängig Beschäftigten arm. Berücksichtigt man
jedoch Einkommen (und Bedarf) der anderen Haushaltsmitglieder, sinkt die
Armutsquote auf unter elf Prozent. Nach Abzug von Steuern und Hinzurechnung von
Sozialleistungen reduziert sie sich weiter fast auf die Hälfte. Insofern wird
die Armutsquote in der Bundesrepublik Deutschland durch die Zusammensetzung der
Haushalte und das Steuer- und Sozialsystem immer noch signifikant gedämpft.
Weil viele – meist weibliche – Geringverdiener mit besser verdienenden Partnern
zusammenleben, führen niedrige Verdienste nicht zwangsläufig zu Armut.
Allerdings ist dieses, eher traditionelle Modell, in Auflösung begriffen.
In vielen EU-Staaten ist dieser Prozeß schon weiter fortgeschritten.
Für Spanien, Tschechien und Polen beispielsweise ergibt sich durch die
Einbeziehung des Haushaltskontextes ein höherer Anteil arbeitender Armer. Hier
würden viele Beschäftigte als Single gut mit ihrem Einkommen zurechtkommen,
können aber mit ihrem geringen Verdienst keine Familie ernähren und rutschen
auf diese Weise unter die Armutsschwelle, schreiben die Autoren.
Deutliche Unterschiede zwischen den Ländern zeigen sich zudem bei den
staatlichen Umverteilungssystemen. Beispielsweise haben sowohl Irland als auch
Spanien vor Steuern und Sozialleistungen Working-Poor-Quoten
von rund 14 Prozent. Irland gelingt es jedoch, den Anteil mit staatlicher
Umverteilung auf sechs Prozent zu drücken, während in Spanien trotz
Transferleistungen zehn Prozent der Beschäftigten arm bleiben.
Die Etablierung eines breiten Niedriglohnsektors war eines der Hauptziele der
von der SPD-Grünen-Bundesregierung unter Gerhard Schröder vor zehn Jahren
durchgesetzten Hartz-Reformen. Durch die zum 1. Mai
für die osteuropäischen EU-Beitrittsstaaten in Kraft tretende volle
Arbeitnehmerfreizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit dürften die
Arbeitseinkommen im Westen weiter unter Druck geraten. Bundesarbeitsministerin
Ursula von der Leyen (CDU) erklärte dazu am Montag im ZDF-Morgenmagazin, in der
Öffnung des deutschen Arbeitsmarktes ergäben sich »neue Chancen für
Deutschland«. Probleme könne es »höchstens im Niedriglohnbereich« geben, so die
Ministerin.