»Viele haben durchaus einen sozialen Anspruch«16.12.2011 / Inland / Seite 2Inhalt

Jobcenter-Beschäftigte demonstrierten für dauerhafte Anstellung. Solidarität auch bei Erwerbslosen. Gespräch mit Pamela Strutz

Interview: Gitta Düperthal

 

Pamela Strutz ist Gewerkschaftssekretärin der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) in Bochum

Knapp die Hälfte der 500 Mitarbeiter hat Ende vergangener Woche gegen miserable Arbeitsbedingungen im Jobcenter Bochum protestiert. Worum geht es dabei konkret und wie stellt sich der Arbeitgeber dazu?

Die Bochumer Jobvermittler sind auf die Straße gegangen, um für rund 50 Kolleginnen und Kollegen mit befristeten Verträgen eine dauerhafte Anstellung zu erreichen. Damit sie nicht permanent mit der Angst leben müssen, sich plötzlich auf der anderen Seite des Schreibtisches wieder zu finden. Insgesamt muß das Personal eigentlich aufgestockt werden, weil mit der jetzigen Anzahl von Beschäftigten keine gute Arbeit stattfinden kann. Seitens des Arbeitgebers gibt es bislang keine Reaktion, es kündigt sich aber an, daß die Bundesagentur von ihrer Personalpolitik nicht abrücken will. Wir müssen also weiter gegen die Befristungen und den Personalmangel mobil machen.

Welche Auswirkungen hat die miese Arbeitssituation der Jobvermittler auf deren Arbeit mit Erwerbslosen?

Es gibt unterschiedliche Aufgabenbereiche: Zum einen die der Arbeitsvermittler, zum anderen die der Kolleginnen und Kollegen in der Leistungsabteilung. In letzterer ist der Streß besonders groß. Es ist nicht ungewöhnlich, daß ein Mitarbeiter 400 oder 450 Fälle von Langzeitarbeitslosen bearbeiten muß – wenn die einmal monatlich zum Termin kommen, wird es eng. Bei ver.di organisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beklagen, daß die Qualität der Beratung und Betreuung darunter zwangsläufig leidet. Viele haben durchaus einen sozialen Anspruch, können ihn aber unter diesen Bedingungen nicht verwirklichen.

Wie haben die Erwerbslosen auf die Proteste der Jobcenter-Mitarbeiter reagiert?

Es gab auch Kritik: Wir von ver.di würden uns einseitig auf die Seite der Kolleginnen und Kollegen des Jobcenters stellen und nur deren Interessen bedienen.

Und stimmt das?

Wir sind als Gewerkschaft für beide zuständig: für die Interessen der Beschäftigten, aber auch für Menschen, die keinen Job haben. Die Kolleginnen und Kollegen sitzen nicht im Jobcenter, um Erwerbslose zu drangsalieren. Natürlich wird es auch hier den einen oder anderen geben, der seine Macht ausnutzt; die große Mehrheit der Beschäftigten möchte aber den Job hilfreich erledigen. Wir haben vor dem Jobcenter auch erlebt, daß Erwerbslose sich mit den Mitarbeitern solidarisiert haben: »Ihr macht einen guten Job; jetzt ist es wichtig, daß Ihr für eure eigenen Belange kämpft

Nun kann man ja nicht von einem entspannten Verhältnis von Jobcenter-Mitarbeitern zu Erwerbslosen sprechen. Letztere berichten oft von Sanktionen, daß sie z.B. sinnlose Bewerbungen schreiben müssen oder ihnen unberechtigt Geld gekürzt wird. Haben die Mitarbeiter nur an sich gedacht oder auch an die der Erwerbslosen?

Die Kolleginnen und Kollegen sind mit Gesetzen konfrontiert, die sie nicht in all ihren Auswirkungen richtig finden, an die sie sich aber halten müssen. In ihren Forderungen geht es zunächst um ihre eigenen Arbeitsbedingungen. Ich kenne jedoch auch die Schilderungen der Erwerbslosen, wie mies mit ihnen mitunter umgegangen wird. Wenn Dinge schief laufen, spreche ich mit den entsprechenden Mitarbeitern, und versuche, das zu klären.

Hätte nicht gleich zu Anfang der Hartz IV-Gesetzgebung ein Aufschrei der Jobcenter-Mitarbeiter erfolgen müssen, daß sie diese Gesetze nicht umsetzen wollen?

Beim Personal hat es derartig viel Fluktuation gegeben, daß wir diese Stärke nicht entwickeln konnten. In Bochum hatten die Mitarbeiter auf die Hoffnung gesetzt, als«Optionskommune« unter städtische Regie zu kommen und so Änderungen zu erreichen. Das hat aber nicht geklappt, so daß wir uns jetzt neuen Perspektiven zuwenden.

Sind Sie schon auf die Idee gekommen, daß gemeinsame Proteste von Jobvermittlern und Erwerbsloseninitiativen sinnreich sein könnten?

Das befürworten wir, weil wir nicht wollen, daß sie sich auseinander dividieren lassen. Dazu müßten sich Erwerbsloseninitiativen und Mitarbeiter des Jobcenters zusammensetzen, um sich auf gemeinsame Forderungen und Ziele zu einigen. Bisher war es wegen Zeitknappheit nicht möglich, das könnte aber Zukunftsmusik sein.

http://www.jungewelt.de/2011/12-16/045.php