»Viele der Maßnahmen sind völlig sinnfrei«
08.11.2010 / Inland / Seite 2Inhalt jw
Sanktionen setzen Erwerbslose extrem unter
Druck. Dabei sind Forderungen der Jobcenter oft nur Schikane. Gespräch mit
Thomas Wagner
Interview: Ralf Wurzbacher
Der Diplompädagoge Thomas Wagner arbeitet als Straßensozialarbeiter
in Düsseldorf und ist Dozent im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften an
der Fachhochschule Düsseldorf
Sie haben mit Studierenden im Rahmen einer Studie 251
»Kunden« der Arbeitsgemeinschaft (Arge) Düsseldorf-Mitte zu ihren Erfahrungen
mit Hartz-IV-Sanktionen, also Kürzungen des
Regelsatzes der Erwerbslosen bei angeblichen Verstößen oder Versäumnissen,
befragt und dabei »bedrückende« Ergebnisse gewonnen. Worin bestehen die?
Vor allem ist der Zustand derjenigen, die die Arge regelmäßig
besuchen, ziemlich desolat. Viele der Betroffenen gehen in einer gebückten und
verängstigten Haltung zur Behörde. Die Menschen sind gewaltigen psychischen
Belastungen ausgesetzt. Kürzungen stürzen sie nicht selten in existentielle
Nöte. Aber allein schon die permanente Bedrohung mit Sanktionen erzeugt
immensen Streß. Die Menschen werden gezwungen, als
Bittsteller gegenüber ihrem Fallmanager aufzutreten, und es verstärkt sich bei
ihnen der Eindruck eines persönlichen Verschuldens für ihre anhaltende Arbeitslosigkeit.
Was ja auch dem öffentlichen Zerrbild von den faulen
Langzeitarbeitslosen entspricht. Wie sieht die Realität aus?
In den wenigsten Fällen ist wirklich ein Eigenverschulden
der Grund für die Erwerbslosigkeit. Millionen Menschen sind ohne Chance auf dem
Arbeitsmarkt, und Vollbeschäftigung ist nur noch eine Illusion. Und trotzdem
wird der Anspruch auf Unterstützung mit einem Sanktionsmechanismus verknüpft.
Das Prinzip entspringt schwärzesten pädagogischen Zeiten und offenbart, welchen
Schwerpunkt die Hartz-IV-Gesetzgebung hat: Fordern
steht im Vordergrund, Fördern ist jedenfalls nachrangig.
Wie sieht die Praxis in Düsseldorf aus?
Bei Verstoß gegen Vorschriften oder bei Nichterbringung
verlangter Vorleistungen werden für drei Monate 30 Prozent der Leistungen
gekürzt. Sanktionen haben dabei kumulativen Charakter, das heißt, bei weiteren
Verstößen innerhalb des Kürzungszeitraums kann sogar die Streichung sämtlicher
Zuwendungen, im Extremfall sogar des Mietzuschusses vorgenommen werden. Die Folgen
liegen auf der Hand: private Verschuldung, drohender Wohnungsverlust,
Mangelernährung und enormer psychischer Druck. All das erschwert es den
Betroffenen natürlich nur, aus der Mühle wieder rauszukommen.
In welchem Umfang wird sanktioniert?
Bei unserer Erhebung waren insgesamt 43,2 Prozent von
Kürzungen betroffen, von den befragten Migranten
waren es sogar mehr als die Hälfte. Frauen werden leicht überdurchschnittlich
bestraft, und Menschen mit höherem Bildungsabschluß
erleben seltener Kürzungen. Dabei zeigt sich auch die mangelnde Aufklärung
durch die Behörden: Die Vorankündigungen sind schwer verständlich, Widersprüche
sind aufwendig und erfordern rechtliche Kenntnisse. Von den Befragten mit
Abitur haben 80 Prozent schon einmal eine Beschwerde eingelegt, von denen ohne Schulabschluß nur 25 Prozent. Außerdem muß
man wissen: Ein Widerspruch hat keine aufschiebende Wirkung, ein späterer
Erfolgsfall ändert nichts an der aktuellen Notlage.
Welche sind die gängigsten Gründe für Sanktionen?
Häufig geht es um Melde- und Terminversäumnisse oder um
mangelnde Mitwirkung an oder die Weigerung zur Teilnahme an bestimmten Arbeits-
und Schulungsangeboten. Viele Qualifizierungsmaßnahmen sind einfach völlig
sinnfrei und bieten keinerlei Perspektive. Was bitte soll einem Informatiker
ein Computerkurs zu Office-Grundlagen bringen? Und welchen Nutzen hat das x-te
Bewerbertraining oder ein Ein-Euro-Job, der rein gar nichts mit dem erlernten
Beruf zu tun hat. Kürzungen werden auch dann fällig, wenn nur 16 statt der
geforderten 20 Bewerbungen pro Monat nachgewiesen werden oder ein Arbeits- oder
Scheidungspapier nicht fristgerecht beigebracht wird.
Würden Sie sagen, der Sanktionsmechanismus
konterkariert die offizielle Zielsetzung, die Menschen in Arbeit zu bringen?
Wie gesagt: Für eine große Zahl von Menschen ist einfach
keine Arbeit vorhanden. Viele Langzeitarbeitslose kommen bestenfalls noch auf
dem grauen Arbeitsmarkt mit Ein-Euro-Jobs oder Nebenjobs unter. Auf keinen Fall
taugen die Maßnahmen der Argen dazu, in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln.
Ihr Nutzen besteht vor allem darin, daß sich mit
ihnen die Arbeitslosenzahlen aufhübschen lassen.