Vereinte Nationen rügen deutsche Sozialpolitik

Politik, 06.07.2011, DerWesten

Zwei Schüler an der Essensausgabe in der Mensa der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Essen. Viele Kinder gehen ohne Frühstück zur Schule. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool

Zwei Schüler an der Essensausgabe in der Mensa der Gustav-Heinemann-Gesamtschule in Essen. Viele Kinder gehen ohne Frühstück zur Schule. Foto: Ulrich von Born/ WAZ FotoPool

Berlin. Kinderarmut, Pflegenotstand, Hartz-IV-Einkommen und Diskriminierung: Die UN erhebt in einem Bericht schwere Vorwürfe gegen Deutschland. Es fehle an einem umfassenden Armutsbekämpfungsprogramm.

Die Sozialpolitik in Deutschland stößt im neuen Staatenbericht der Vereinten Nationen einem Pressebericht zufolge auf harsche Kritik. Migranten würden diskriminiert und es fehle an einem umfassenden Armutsbekämpfungsprogramm - das sind zwei der zentralen Kritikpunkte der dem Berliner „Tagesspiegel“ vorliegenden Analyse. „Tief besorgt“ zeige sich der zuständige Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, dass viele seiner früheren Empfehlungen nicht umgesetzt wurden.

Einer der brisantesten Vorwürfe laut Zeitung: Jeder vierte Schüler würde ohne Frühstück zur Schule gehen. Nachdrücklich forderten die UN „konkrete Maßnahmen“, damit „Kinder, besonders aus armen Familien, richtige Mahlzeiten erhalten“.

Viele Ungerechtigkeiten auf Arbeitsmarkt

Kritisiert werden dem „Tagesspiegel“ zufolge viele Ungerechtigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt und im Gesundheits- und Sozialwesen. Migranten etwa sähen sich nach wie vor großer Hindernisse beim Genuss ihrer Rechte auf Bildung und Beschäftigung gegenüber, heißt es. Asylsuchenden würden sogar ausreichende Sozialleistungen versagt, dabei müssten sie „im Einklang mit internationalen Normen“ den gleichberechtigten Zugang zu beitragsunabhängigen sozialen Sicherungssystemen, zur Gesundheitsversorgung und zum Arbeitsmarkt bekommen.

Besorgt sei das UN-Gremium auch, dass „ungeachtet der Maßnahmen zur Verringerung dieser Kluft“ die Arbeitslosigkeit im Osten immer noch doppelt so hoch ist wie im Westen, zitiert die Zeitung weiter aus dem UN-Bericht. Positiv hervorgehoben werde, dass die Arbeitsmarktreformen den niedrigsten Stand der Arbeitslosen in den vergangenen 20 Jahren ermöglichst hätten.

Bundesregierung soll handeln

Andere Kritikpunkte bleiben: Die Grundsicherung von Hartz-IV-Empfängern gewähre „keinen angemessenen Lebensstandard“. Erheblich ausgebaut werden müssten in Deutschland Angebote für Kinder, Behinderte, Ältere und Kranke. Zu Pflegeheimen heißt es, dort würden viele Bewohner „in menschenunwürdigen Bedingungen leben“. (dapd)

http://www.derwesten.de/nachrichten/politik/Vereinte-Nationen-ruegen-deutsche-Sozialpolitik-id4843079.html

 

 

Von Berlin nach Genf und zurück

Die UN kritisieren die deutsche Sozialpolitik - die Quellen für den Bericht kommen allesamt aus Deutschland

Von Pierre Simonitsch und Michael Bergius

Genf/Berlin. Die Aufregung in Berlin war groß. Die Morgennachrichten meldeten, dass die Vereinten Nationen (UN) die Sozialpolitik Deutschlands kritisieren. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac etwa rügte daraufhin, hierzulande würden "immer mehr Menschen" abgehängt. "Lohnzurückhaltung und Sozial-Kürzung" mache Deutschland "international so wettbewerbsfähig". Arbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) ließ postwendend von ihrer Sprecherin die UN-Kritik kritisieren: Diese sei nicht nachvollziehbar.

In Genf wunderte man sich. Denn die Anhörung einer deutschen Regierungsdelegation vor dem UN-Ausschuss für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte am 6. und 9. Mai war reine Routine. Alle 160 Mitgliedstaaten des 1966 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten "Sozialpakts" müssen im Fünf-Jahre-Rhythmus die Einhaltung ihrer Verpflichtungen belegen.

Die deutsche Vertretung bei den UN in Genf empfand die jüngste Prüfung als einen Erfolg. Schließlich sah der Ausschuss auch Fortschritte - etwa bei der Kinderbetreuung.

Eine genauere Lektüre des neunseitigen Prüfungsberichts bringt indessen auch Kritik an Deutschland zum Vorschein. In 35 Paragrafen ist von diskriminierten Migranten, dem Fehlen eines Programms zur Armutsbekämpfung, Ungerechtigkeiten auf dem deutschen Arbeitsmarkt und dem anhaltenden wirtschaftlichen Gefälle zwischen Westen und Osten die Rede.

Der UN-Ausschuss erklärte sich "besorgt", dass ein Viertel aller Schüler ohne Frühstück zur Schule geht. Ebenfalls besorgt sind die Experten über Informationen, wonach in Deutschland "transsexuelle und intergeschlechtliche Personen oft als Geisteskranke betrachtet werden". Gelobt werden hingegen die Reform des Arbeitsmarktes, die zur niedrigsten Arbeitslosigkeit seit 20 Jahren geführt habe, und die Gesundheitsreform von 2007.

Der Sozialverband Deutschland griff die Morgennachrichten sofort auf. Präsident Adolf Bauer nannte es "beschämend", dass sich die Bundesregierung "aufgrund ihrer verfehlten Sozialpolitik vor der Weltöffentlichkeit am Ring durch die Manege ziehen lassen" müsse. Die Mahnung der UN komme "zur rechten Zeit", denn die gute Wirtschaftslage verdecke die "stetig wachsende soziale Kluft" in Deutschland, sagte Bauer. "Ob Kinderarmut, Pflegenotstand, desolate Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderungen oder Ungerechtigkeit im Gesundheitswesen, der Handlungsbedarf ist enorm." Der Sozialverband verlangte ein umfassendes Armutsbekämpfungsprogramm sowie schnelle Korrekturen an den Hartz-IV-Leistungen für Kinder.

Dabei haben die UN-Experten ihre Fakten nicht selbst recherchiert, sondern stützen sich auf Medienberichte und Nichtregierungs-Organisationen - etwa die WSK-Allianz, Brot für die Welt, der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, der Verein Intersexuelle Menschen und: Attac. So kehrt die Kritik an der Politik der Bundesregierung über Genf wie ein Bumerang nach Berlin zurück.

FR 7.7.11