Trotz Boom sinken Reallöhne

FR lässt Experten die jüngsten Tarifabschlüsse durchrechnen - das Ergebnis ernüchtert

Von Eva Roth

Volkswirte staunen, Beschäftigte sind enttäuscht: Trotz wirtschaftlicher Erholung werden die Tarifgehälter in diesem Jahr nur geringfügig wachsen. Weil gleichzeitig die Preise spürbar steigen, werden viele Beschäftigte sogar Reallohnverluste erleiden. Zu dieser Einschätzung kommen Volkswirte nach einer Zwischenbilanz der Lohnrunde 2011.

Wie viel ein Tarifabschluss tatsächlich wert ist, ist auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen: Mal ist die Laufzeit sehr lang, mal gibt es den Zuschlag erst nach ein paar Monaten. Die Frankfurter Rundschau hat deshalb Experten der Hans-Böckler-Stiftung und der Commerzbank gebeten, die wichtigsten Tarifergebnisse aufs Kalenderjahr umzurechnen. Das Ergebnis ist ernüchternd: In den drei großen Branchen Bau, öffentlicher Dienst und Chemie erhalten die Beschäftigten in diesem Jahr gerade einmal 2 bis 2,6 Prozent mehr Geld als im Vorjahr. Ähnliche Zuwächse sehen erste regionale Tarifverträge für das Hotel- und Gastgewerbe vor.

Die Abschlüsse sind überraschend niedrig. Schließlich hatten Politiker wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) für kräftige Lohnerhöhungen geworben. Auch Volkswirte aller Couleur betonen in seltener Einmütigkeit, Zuwächse von drei bis 3,5 Prozent seien durchaus angemessen. Selbst das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) stimmt dem zu.

Und nun ist es nicht einmal in der boomenden Chemiebranche gelungen, diese Marke zu erreichen. Die Gewerkschaft IG BCE verkündete zwar Ende März, dass die Entgelte um 4,1 Prozent steigen. Wenn man das Plus aufs Kalenderjahr umrechnet, sieht das Ergebnis jedoch mager aus: Beschäftigte erhalten im laufenden Jahr nur zwei Prozent mehr als 2010. Das ergeben die Berechnungen von Commerzbank-Volkswirt Eckart Tuchtfeld und Reinhard Bispinck, Tarifexperte der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung. Im vorigen Jahr haben die Chemiebeschäftigten nur eine Einmalzahlung erhalten. Diese Pauschale fällt jetzt weg. Mit der neuen Lohnerhöhung muss dieser Wegfall zunächst ausgeglichen werden. Als echtes Plus bleiben die besagten zwei Prozent.

"Die Abschlüsse sind durchweg noch etwas moderater als wir erwartet hatten", bilanziert Tuchtfeld. In der gesamten Wirtschaft dürften die Tariflöhne im Durchschnitt nur um 1,7 Prozent steigen, prophezeit er. Denn in vielen Branchen sind bereits 2010 sehr geringe Zuwächse für das laufende Jahr vereinbart worden. Zeitungsverleger und Druckereien fordern gar Kürzungen.

Gewerkschaften unter Druck

Gleichzeitig dürften die Verbraucherpreise in diesem Jahr um 2,4 Prozent steigen. Das würde bedeuten: Die realen Tarifeinkommen sinken. Auch die führenden Forschungsinstitute sagen in ihrem Frühjahrsgutachten Reallohn-Verluste voraus. Damit knüpfte Deutschland an die Vorkrisenzeit an: Zwischen 2004 und 2008 sind die realen Stundenlöhne beständig gesunken.

Die diesjährige Tarifrunde sei "sehr enttäuschend", meint Rudolf Hickel, Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen. Grund: Die wachsende Zahl prekärer Jobs sorgt dafür, dass Gewerkschaften und Tarifbeschäftigte zu Zugeständnissen bereit sind. Sie fürchten, dass Unternehmen andernfalls noch stärker auf Leiharbeit setzen oder noch mehr Arbeit auslagern.

Ist keine Besserung in Sicht? Doch, meint Tarifexperte Bispinck. 2010 haben Gewerkschaften in vielen Branchen Einmalzahlungen akzeptiert, die Arbeitnehmer nur kurze Zeit erfreuen. Diesmal spielten solche Pauschalen eine viel geringere Rolle. Anfang 2012 wird zudem in großen Branchen wie der Metallindustrie verhandelt. Tuchtfeld erwartet einen Zuwachs von drei Prozent.

Fr 11.5.11

 

 

 

12.05.2011 / Inland / Seite 1Inhalt jw

Reallöhne trotz Aufschwung im Sinkflug

Von Herbert Wulff

Der Rückgang der Reallöhne setzt sich fort. Das geht aus Berechnungen von Experten der Commerzbank und der Hans-Böckler-Stiftung hervor, von denen die Frankfurter Rundschau am Mittwoch berichtete. Demnach sollen die Tarifeinkommen 2011 um durchschnittlich 1,7 Prozent zunehmen. Demgegenüber steht eine aktuelle Preissteigerungsrate von 2,4 Prozent.

Mit einer Forderung nach sieben Prozent mehr Geld war die IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in die diesjährige Tarifrunde gestartet. Ende März verkündete die Gewerkschaft ein Ergebnis von 4,1 Prozent. Umgerechnet aufs Kalenderjahr und wegen der im Vorjahr vereinbarten Einmalzahlung, die naturgemäß nicht in die Entgelttabelle eingeht, bleiben den 550000 Beschäftigten den Berechnungen zufolge real aber nur zwei Prozent. Kaum mehr erzielten IG BAU und ver.di mit 2,6 bzw. 2,3 Prozent in den Tarifrunden der Baubranche und der Bundesländer. Der sogenannte verteilungsneutrale Spielraum – Produktivitätssteigerung plus Inflation –, den Wirtschaftswissenschaftler mit aktuell etwa 3,5 Prozent angeben, wurde damit bei weitem nicht ausgeschöpft. Als »sehr enttäuschend« bezeichnete Rudolf Hickel, Direktor des Instituts für Arbeit und Wirtschaft der Uni Bremen, gegenüber jW die bisherigen Tarifergebnisse dieses Jahres. Als einen Grund nannte er die wachsende Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse, die bei den Gewerkschaften die Bereitschaft zu Zugeständnissen verstärke.

Etwas mehr als die Tarifeinkommen werden nach Berechnungen der Commerzbank die Bruttolöhne zunehmen. Aufgrund der wirtschaftlichen Erholung würden Zulagen und Sonderzahlungen eine größere Rolle spielen, hieß es. Bei einem Anstieg von etwa 2,2 Prozent dürften aber auch die Bruttoeinkommen 2011 unter der Inflationsrate liegen