Suchtbekämpfung
: Polizeichef kritisiert
harte Drogenpolitik
Politik, 02.02.2010, Holger Dumke
Münster. Mit
seiner Kritik am harten Kurs der Drogenpolitik hat Münsters Polizeipräsident
Hubert Wimber die Landesregierung empört. Wimber plädiert für Alternativen zu staatlichen
Repressionen. Das NRW-Innenministerium fordert vom Polizeichef eine Erklärung.
Der Verfasser des Briefes
lässt keinen Zweifel, dass aus seiner Sicht in der Drogenpolitik etwas ziemlich
falsch läuft. Bei der „Entkriminalisierung von Konsumentendelikten“ sei man in
den letzten zehn Jahren nicht weitergekommen, attestiert Hubert Wimber. Er sinniert, „ob nicht angesichts der weitgehenden
Erfolglosigkeit staatlicher Repression und politischer Unbeweglichkeit eine
erneute Initiative aus den Reihen der Polizei für eine alternative
Drogenpolitik angezeigt“ sei. Er jedenfalls sei „gerne bereit, auch auf
öffentlichen Veranstaltungen werbend für eine Drogenpolitik Stellung zu
beziehen, die den Umgang mit Drogen und Sucht zuallererst als Gegenstand der
Gesundheitspolitik und nicht der Kriminalpolitik begreift“.
Klare Worte – der Deutsche
Hanfverband, an den der Brief adressiert war, hat sie mit einigem Genuss an die
Öffentlichkeit weitergereicht. Denn: Hubert Wimber,
Parteimitglied bei den Grünen, ist Polizeichef von Münster und damit ein
wunderbarer Kronzeuge für das Anliegen der Hanf-Enthusiasten. „Polizeipräsident
für Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten“, heißt es auf der
Verbandshomepage, wo der Brief komplett nachzulesen ist.
NRW-Innenministerium fordert
Stellungnahme
Wimber hat nun ein Problem. Als politischer Beamter gehört er
zur Landesverwaltung. Und wenn sich solche Beamten politisch allzu freimütig
äußern, kennt die Liberalität von Innenminister Ingo Wolf (FDP) enge Grenzen.
„Wir haben Herrn Wimber aufgefordert, sich zu dem
Brief zu erklären. Wir gehen auch davon aus, dass das kurzfristig geschehen
wird “, sagte ein Sprecher des Ministers auf NRZ-Anfrage.
In Polizeikreisen rätselt man derweil schon, ob Wimber
mit dem Brief auf seine frühzeitige Pensionierung hinarbeiten wollte.
Der grüne Polizeichef indes
sieht sich mit seiner Meinung in der Tradition seines Vorgängers Robert Steineke, der bis 1997 Behördenleiter in Münster war. Steineke, ein durchaus konservativer Mensch, trat in seiner
Amtszeit öffentlich für eine Drogenpolitik ein, die gesundheitliche Aspekte
stärker in den Vordergrund stellt. Mit Strafverfolgung allein werde man der
Drogenkriminalität nicht Herr, so sein Credo.
Doch die Zeiten ändern sich,
die Landesregierungen auch. Polizeipräsident Wimber
steht mit seinem Standpunkt konträr zur CDU/FDP-Koalition, die in der
Drogenpolitik einen harten Kurs fährt. Zum Entsetzen von Suchthilfeverbänden
hatte Justizministerin Müller-Piepenkötter (CDU) im
Sommer 2007 die Duldung von bis dahin einem halben Gramm Heroin, Kokain oder Ecstasy für den Eigenbedarf beendet. Bei Haschisch und
Marihuana wurden die Toleranzgrenzen heruntergefahren: Wer mit sechs statt bis
dato zehn Gramm erwischt wird, muss mit Strafverfolgung rechnen.
Wimber, seit zwölf Jahren an der Spitze der Münsteraner
Polizei, weilt zurzeit in Österreich. Ein Sprecher seiner Behörde weist darauf
hin, dass der Brief nicht für eine Veröffentlichung bestimmt gewesen sei. Der
Polizeichef habe seinen persönlichen Standpunkt geäußert, den er in der
Vergangenheit bei Fachdiskussionen immer wieder vertreten habe.
SPD-Abgeordneter sieht
„richtige Ansätze“
An der Loyalität gegenüber dem
Innenminister könne es keinen Zweifel geben, so der Sprecher weiter. Für das
Handeln der Polizei in Münster bleibe die Rechtsordnung maßgeblich,
Drogenkriminalität werde hartnäckig verfolgt. Zwei Kommissariate seien damit
befasst; im Kampf gegen die Straßendelikte seien mehr als 20 Beamte im Einsatz.
Frank Sichau,
rechtspolitischer Sprecher der SPD im Landtag, bescheinigt dem Polizeichef
derweil „richtige Ansätze“ und plädiert für eine neue Drogenpolitik. Sichau, seit langem in der Drogenhilfe engagiert, hat
Zweifel, ob die Herabsetzung der Eigenbedarfsgrenzen durch die Justizministerin
verfassungsmäßig rechtens war. Beim Umgang mit Haschisch gelte es zu bedenken,
dass das ein „Genussmittel ist, wenn auch mit hohem Suchtpotenzial, aber das
haben andere legale Genussmittel auch“.