Studie zur Einkommensentwicklung
Weniger Geld für Geringverdiener
Neue Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigen:
Der wirtschaftliche Aufschwung kommt bei vielen Menschen
nicht an. Stattdessen wird die Gehaltskluft in der Bevölkerung immer größer.
Hauptsache Arbeit, und sei sie noch so schlecht bezahlt,
lautete das Credo von Rot-Grün im Zuge der Hartz-Reformen.
Die Politik habe die Schraube überdreht,
kritisieren Forscher.
Foto: picture-alliance / Sven Simon
Die Einkommen von Geringverdienern sind drastisch
gesunken. Das zeigen neue Daten des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung (DIW). Deshalb muss die Politik nun schleunigst umsteuern,
fordern
und Arbeitsmarktforscher.
Die rot-grüne Bundesregierung hat im Zuge der Hartz-Reformen
den Druck auf Arbeitslose erhöht, irgendeinen Job anzunehmen, und sei er noch
so schlecht bezahlt. Zudem wurden Leiharbeit erleichtert und Minijobs
gefördert. Ziel war es, dass mehr Arbeitslose einen
Stelle finden.

Dies sei zum Teil auch gelungen, meint , Direktor des
Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Allerdings gebe es im
Niedriglohnsektor Auswüchse, „die man beschäftigungspolitisch nicht
rechtfertigen kann“. Zudem habe sich die Gehaltskluft auch unter den
Beschäftigten vergrößert, die seit 2000 immer einen Job hatten. „Der
zunehmenden Lohnspreizung könnte man durch einen Mindestlohn entgegenwirken“,
sagt der Direktor des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit der FR.
„Die Politik hat die Reformschraube überdreht“, meint auch . „Wenn von 40 Millionen
Erwerbstätigen sieben Millionen Minijobber sind, dann ist etwas aus dem Ruder
gelaufen.“ Er empfiehlt, die Förderung der geringfügigen Beschäftigung zu
überdenken. Zudem sollten Leiharbeiter ebenso entlohnt werden wie
Festangestellte. Die Gewerkschaften sollten ermutigt werden, bei
Lohnverhandlungen den Verteilungsspielraum aus Preisanstieg und
Produktivitätsfortschritt stärker auszuschöpfen.
Grabka hat für die FR neue Umfrageergebnisse des (Soep)
ausgewertet, um herauszufinden, wie sich die realen Nettoeinkommen in
Deutschland von 2000 bis 2010 entwickelt haben. Demnach verbuchten Beschäftigte
in der höchsten Einkommensgruppe ein leichtes Plus von knapp einem Prozent. Die
gesamten Einkünfte der Wohlhabenden dürften deutlich stärker gestiegen sein,
betont Grabka. Denn in der Umfrage wurde nur nach dem
regelmäßigen Arbeitseinkommen gefragt, Boni sowie
Einkünfte aus Vermögen sind nicht erfasst. Beschäftigte in den unteren Einkommensgruppen
mussten dagegen starke Einbußen hinnehmen: Ihre Nettogehälter sanken
preisbereinigt um 16 bis 22 Prozent.
Die Politik schaue dieser Entwicklung tatenlos zu, kritisiert der . „Es gibt Möglichkeiten, die Löhne zu stabilisieren.
Doch die Politik interessiert sich nicht dafür.“ Der Volkswirt plädiert dafür,
Arbeitnehmer bei den Sozialabgaben zu entlasten. Möglich sei dies etwa bei der
gesetzlichen Krankenversicherung. Derzeit zahlen Beschäftigte 8,2 Prozent ihres
Einkommens in die Kassen, Unternehmen nur 7,3 Prozent. Künftig sollten
Arbeitnehmer und Arbeitgeber wieder jeweils die Hälfte der Kosten übernehmen.
„Eine solche Rückkehr zur Parität würde den Staat keinen Cent kosten“, betont
Bofinger.
Die dürftige Lohnentwicklung sei ein Grund für das „Wutbürgertum“, meint der
Professor an der Uni Würzburg. „Die meisten Menschen haben das Gefühl, dass die
wirtschaftliche Entwicklung an ihnen vorbei geht – und sie haben recht.“ Die Unzufriedenheit richte sich weniger gegen die Unternehmen,
sondern vielmehr gegen Staat und Politik.
In Durchschnitt sind die realen Nettolöhne laut DIW innerhalb eines
Jahrzehnts um 2,5 Prozent gesunken. Die Bruttoeinkommen sind im Schnitt sogar
noch stärker gesunken. Angesichts dieser Einbußen plädieren mittlerweile auch
für einen stärkeren Lohnanstieg in Deutschland, um die Binnennachfrage und
damit die gesamte Wirtschaft anzukurbeln. So hat sich die französische Bank Natixis die Entwicklung von Löhnen, Gewinnen und
Produktivität in großen Industrieländern angesehen. Das Ergebnis: In
Deutschland wäre ein stärkerer Lohnanstieg eine „gute Idee“. Weil die
Unternehmen sehr profitabel sind, könnten sie die höheren Kosten gut verkraften,
ohne dass die Wettbewerbsfähigkeit leidet. 19.7.11
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