Sozialstaat in Schleudergefahr
Von Christoph Butterwegge
Mit den Plänen zum Um- bzw. Abbau des Sozialstaates, also Konzepten wie
jenen der sog. Hartz- und der sog. Rürup-Kommission oder Gerhard Schröders
„Agenda 2010“, häuften sich Bemühungen, die in der Gesellschaft bis dahin
gültigen Gerechtigkeitsvorstellungen grundlegend zu verändern. Reformen
dieser Art wären sonst nicht durchzusetzen gewesen. Der dominierende
Gerechtigkeitsbegriff wurde in dreifacher Hinsicht modifiziert: von der
Bedarfs- zur Leistungsgerechtigkeit, von der Verteilungs- zur
„Beteiligungsgerechtigkeit“ und von der sozialen zur
„Generationengerechtigkeit“.
Wohltaten für Wohlhabende
Statt der Bedarfs- wird Leistungsgerechtigkeit zum Kriterium für
sozialstaatliches Handeln gemacht. Das Elterngeld ist ein sozialpolitisches
Paradox, weil der Staat damit jene Anspruchsberechtigten am meisten
subventioniert, die es am wenigsten nötig haben. Obwohl es nicht – wie von
der CSU verlangt – auf die Sozialhilfe bzw. das Arbeitslosengeld II
angerechnet wird, haben Leistungsbezieher/innen (darunter viele Frauen),
die Kinder bekommen, vom Elterngeld, das ab 1. Januar 2007 im Unterschied
zum Erziehungsgeld als Lohnersatz gezahlt und erst bei 1800 Euro pro Monat
gedeckelt wird, ausschließlich Nachteile. Denn bisher erhielten sie das
Erziehungsgeld in Höhe von 300 Euro pro Monat zwei Jahre oder als „Budget“
in Höhe von 450 Euro ein Jahr lang. Elterngeld gibt es dagegen nur für ein
Jahr; Erwerbstätigen werden unter bestimmten Voraussetzungen zwei
(Partner-)Monate zusätzlich gewährt; gleichzeitig liegt sein Sockelbetrag,
mit dem Sozialhilfebezieher/innen und Arbeitslose auskommen müssen, bloß
bei 300 Euro. Gutbetuchte erhalten auf Kosten von schlechter Gestellten
mehr (Eltern-)Geld, das vor allem hoch qualifizierte, gut verdienende
Frauen motivieren soll, Kinder zu bekommen und anschließend schnell wieder
in den Beruf zurückzukehren.
Bildung und Umverteilung
Obwohl das Volksvermögen so groß und die Kluft zwischen Arm und Reich so
tief wie nie zuvor ist, gilt die Forderung nach Umverteilung heute als
ideologisch verstaubt. Neoliberale und Lobbyisten haben Freiheit mit Erfolg
als gutes Recht der Kapitaleigentümer (fehl)interpretiert, zu investieren,
wie und wo sie wollen. Gleichzeitig wird Verteilungsgerechtigkeit als
traditionelles Ziel sozialstaatlicher Politik durch Teilhabe- oder
Beteiligungsgerechtigkeit ersetzt. Entscheidend sei heute, dass Menschen
einen gleichberechtigten Zugang zu Bildungsinstitutionen und zum
Arbeitsmarkt erhielten, heißt es häufig. So sinnvoll die Erweiterung des
Gerechtigkeitsbegriffs sein mag, so wenig darf sie vergessen machen, dass
„Beteiligungsgerechtigkeit“ durch soziale Ungleichheit der Boden entzogen
wird. Schon bevor Studiengebühren eingeführt wurden und ihnen bald
vielleicht neuerlich Schulgeld folgt, gab es (Weiter-)Bildung nicht
umsonst. Weshalb sollte ausgerechnet zu einer Zeit, wo das Geld in fast
allen Lebensbereichen wichtiger als früher, aber auch ungleicher denn je
verteilt ist, seine Bedeutung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
sinken?
Damit sie in Freiheit (von Not) leben, ihre Bedürfnisse befriedigen und
ihre Lebenspläne verwirklichen können, brauchen Menschen nach wie vor Geld,
das sie bei Erwerbslosigkeit, Krankheit und im Alter als soziale bzw.
Entgeltersatzleistung vom Sozialstaat erhalten müssen. Mehr soziale
Gleichheit bzw. Verteilungsgerechtigkeit bildet die Basis für
Teilhabechancen benachteiligter Gesellschaftsschichten. Ohne ausreichende
materielle Unterstützung steht die Chance, an Weiterbildungskursen
teilzunehmen und die Arbeitsmarktchancen zu verbessern, für Erwerbslose nur
auf dem Papier.
Bildung ist wichtig, aber keine Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut. Was
zum individuellen Aufstieg taugen mag, versagt als gesellschaftliches
Patentrezept. Wenn alle Kinder mehr Bildung bekommen, konkurrieren sie um
die wenigen Ausbildungs- bzw. Arbeitsplätze nur auf einem höheren Niveau,
aber nicht mit besseren Chancen. Zwar werden die Armen dumm (gemacht), die
Klugen aber deshalb nicht reich. Fehlende oder mangelhafte (Schul-)Bildung
kann die Armut potenzieren und zementieren. Sie ist jedoch nur deren
Auslöser, nicht die Ursache materieller Not. Bildung kann zwar durch
soziale Diskriminierung entstandene Teilhabedefizite junger Menschen
mildern helfen, aber eben nicht verhindern, dass materielle
Ungleichgewichte auf deren Arbeits- und Lebensbedingungen durchschlagen.
Eine bessere (Aus-)Bildung erhöht die Konkurrenzfähigkeit eines
Heranwachsenden auf dem Arbeitsmarkt, ohne jedoch die Erwerbslosigkeit und
die (Kinder-)Armut als gesellschaftliche Phänomene zu beseitigen. Dazu
bedarf es der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen.
Generationengerechtigkeit
Zu den Schlagworten, die suggerieren (sollen), dass sich die Frontlinien
der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung abgeschliffen hätten und
neue Konstellationen entstanden seien, denen sich die Analyse zuwenden
müsse, gehört der Vorwurf mangelnder Generationengerechtigkeit. Oft scheint
es, als sei der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit durch einen neuen
Grundwiderspruch, nämlich denjenigen zwischen Jung und Alt, abgelöst und
Klassenkampf durch einen „Krieg der Generationen“ ersetzt worden. Damit
lenkt man von den eigentlichen Problemen wie der ungerechten Einkommens-
und Vermögensverteilung ab.
Wenn ein Wohlfahrtsstaat demontiert wird, seine Transferleistungen für
Bedürftige gesenkt und die gültigen Anspruchsvoraussetzungen verschärft
werden, obwohl das Bruttoinlandsprodukt wächst und der gesellschaftliche
Reichtum zunimmt, kann weder von sozialer noch von
Generationengerechtigkeit die Rede sein. Denn offenbar findet eine
Umverteilung statt, von der gerade die Mitglieder bedürftiger
Alterskohorten nicht profitieren. Beispielsweise verschlechtert die
Erhöhung des Rentenzugangsalters von 65 auf 67 Jahre eher die
Arbeitsmarktchancen zukünftiger Generationen. Wer in den Ruf nach
„Generationengerechtigkeit“ einstimmt, müsste eigentlich darum bemüht sein,
dass Heranwachsende auch künftig einen hoch entwickelten Wohlfahrtsstaat
und das gewohnte Maß an sozialer Sicherheit vorfinden, statt Letztere immer
mehr zu beschneiden und die Menschen der privaten Daseinsvorsorge zu
überantworten.
MAUTH
© Copyright Frankfurter Rundschau
Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 128)
Datum: Samstag, den 03. Juni 2006
Seite: 9