„Soziale Strukturen sind wichtiger als Regelsätze“

von Alexander Schulte19. April 2010 - 19:12 Uhr wz

 

150 Experten diskutierten im Rathaus über Perspektiven der Düsseldorfer Sozialpolitik.


Sozialdezernent Burkhard Hintzsche nahm an der Diskussion teil.

Düsseldorf. Arbeitslosigkeit, Armut, alternde Gesellschaft, Integration von Migranten, Obdachlosigkeit: Einen Tag lang befassten sich rund 150 Experten im Rathaus mit der sozialen Lage in Düsseldorf. Und der Zukunft der Sozialpolitik. Die Fachkonferenz „Kommunale Sozialpolitik im Wandel“ wurde vom Amt für soziale Sicherung anlässlich des Europäischen Jahres 2010 zur Bekämpfung von Armut organisiert.

„Lebensqualität sichern – Zukunft sozial gestalten“, unter dieser Doppelüberschrift stand die Konferenz. Ihr erster Teil rückte dabei öfter in den Mittelpunkt, weil die vielen Vertreter von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Politik vor allem aktuelle Nöte im Blick haben. Auch die Podiumsdiskussion „Visionen einer nachhaltigen Sozialpolitik“ kreiste zunächst um die Gegenwart. Horst Grass, der Vorsitzende des Seniorenbeirates, konstatierte eine wachsende Altersarmut: „Da gibt es in Düsseldorf zwar ein Nord-Süd-Gefälle, aber auch im Norden der Stadt erlebe ich immer wieder Härtefälle.“

Hartz IV bezogen im März 45 271 Erwerbsfähige und 1 5354 Personen unter 15 Jahren. Ende 2009 bekamen 8425 Düsseldorfer Leistungen zur Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. 773 waren im Obdachlosenbereich der Stadt untergebracht.

Regelsätze sind nicht alles bei der Armutsbekämpfung

Diakoniepfarrer Thorsten Nolting forderte erneut die Einführung eines Sozialtickets für Bus und Bahn zum Preis von 1 5Euro und die Neuauflage eines detaillierten Armuts- und Reichtumsberichtes für Düsseldorf, der 1999 zuletzt erschien. Sozialdezernent Burkhard Hintzsche widersprach: „Was soll der bringen? Wir bekommen eine gigantische Bestandsaufnahme mit tausenden Seiten, aber die wesentlichen Aussagen zur Einkommensverteilung kennen wir schon.“

Ausgerechnet der oberste Sozialverwalter der Stadt tat sich dann mit Ideen am meisten hervor. Hintzsche beklagte, dass der Fokus zu stark auf der materiellen Existenzsicherung, sprich: auf den Regelsätzen von Hartz IV liege. „Natürlich müssen die bedarfsgerecht sein“, sagte Hintzsche, „aber anstatt nur die Höhe von Transferleistungen zu diskutieren, müssten wir mehr in Strukturen investieren.“

Beispiel Kinderarmut: Man könne nun mal nicht sicher sein, dass höhere Sätze auch wirklich bei den Kindern ankämen. Hintzsche: „Also halte ich Angebote für sinnvoller, die allen Kindern ohne Zugangsbarrieren zugute kommen, wie zum Beispiel der kostenlose Kita-Besuch oder das Programm ,Kein Kind ohne Mahlzeit’“.

Bei der Bekämpfung von Obdachlosigkeit plädiert der Sozialdezernent für den weiteren Abbau von Heimen zugunsten von Privatwohnungen: „Aber dafür muss die Wohnungswirtschaft helfen und zum Beispiel Probewohnen anbieten.“

Eine verblüffend einfach klingende Vision für den Arbeitsmarkt stellte Peter Jäger, Chef der Arbeitsagentur Düsseldorf, vor: „Wir müssten noch mehr präventiv arbeiten, um den Ernstfall Arbeitslosigkeit gar nicht erst eintreten zu lassen.“ Immerhin: Mit dem Rettungsanker Kurzarbeit ist das in der großen Krise vor allem in Düsseldorf sehr gut gelungen.

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