Bundesweit steigt der Anteil der Menschen, die am Existenzminimum leben,
rapide an - besonders Berlin und Nordrhein-Westfalen sind betroffen.
Obdachlose Frau an einer Frankfurter Bushaltestelle.
Foto: dapd
Immer mehr Menschen in Berlin und Nordrhein-Westfalen sind von Armut
bedroht. Anders als im Rest der Republik stieg der Anteil der armutsgefährdeten
Personen seit 2006 in der Hauptstadt sowie im bevölkerungsreichsten Bundesland
nach dem aktuellen Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands
kontinuierlich an.
In Berlin erhöhte sich die Quote von 17 auf 19,2 Prozent. In NRW wurden nach
13,9 Prozent im Jahr 2006 nun im vergangenen Jahr 15,4 Prozent als
armutsgefährdet registriert. Deutschlandweit stieg der Anteil von 14 auf 14,5
Prozent. Insgesamt betrachtet habe sich Armut „auf sehr hohem Niveau
festgefressen“, sagte Verbandsgeschäftsführer Ulrich Schneider während der
Präsentation des Armutsberichts am Mittwoch in Berlin.
Die Unterschiede innerhalb der Bundesländer sind erheblich. Während der
Anteil armutsgefährdeter Personen an der Gesamtbevölkerung im Rhein-Main-Gebiet
mit 10,5 Prozent zu den niedrigsten der gesamten Republik zählt, liegt die
Quote in Nordhessen mit 15,5 Prozent höher als im brandenburgischen Havelland
mit 12,2 Prozent. In Mittelhessen registrierte der Verband 14,1 Prozent, in
Osthessen 14,5 und in der Raumordnungsregion Starkenburg 10,9 Prozent.
Konjunktur hat keinen Einfluss
Insgesamt gilt: Die Armutsentwicklung, die der Wohlfahrtsverband mit Daten
der Statistikämter des Bundes und der Länder zwischen 2005 und 2010 belegt, hat
sich weitgehend von der Wirtschaftslage abgekoppelt. Zwar sanken die
Armutsquoten 2006 mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum von 3,4 Prozent
gegenüber dem Vorjahr flächendeckend ab. Seither aber hat die Konjunktur kaum
mehr Einfluss.
So stieg der Armutsanteil 2007 bundesweit trotz eines Wirtschaftswachstums
von 2,7 Prozent um 0,3 Punkte auf 14,3 Prozent an. Umgekehrt führte
der beispiellose Konjunktureinbruch 2009, als das Bruttoinlandsprodukt um 4,7 Prozent
sank, zu einer nur geringfügig erhöhten Armutsgefährdung von 0,2 Punkten auf
14,6 Prozent.
„Der alte Satz, nachdem die beste Sozialpolitik eine erfolgreiche
Wirtschaftspolitik ist, stimmt nicht mehr. Die Krankheit Armut ist resistent
geworden gegen die Medizin Wachstum“, sagte Schneider. Als armutsgefährdet stuft
der Verband jene Haushalte ein, die weniger als 60 Prozent des mittleren
Einkommens zur Verfügung haben. 2010 waren dies nach Abzug von Steuern und
Sozialgaben für Singles 826 Euro. Für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern
unter 14 Jahren lag die Armutsgefährdungsgrenze bei 1 735
Euro monatlich.
Warnung vor sozialen Unruhen
Am dramatischsten verlief die Entwicklung im Ruhrgebiet. Im größten
Ballungsraum sei „kein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen“, sagte Schneider.
Die relative Armut habe etwa in Dortmund und Duisburg seit 2005 um ein Viertel
zugenommen und liege nun bei 23 und 21,5 Prozent. Der
Verbandschef warnte vor sozialen Unruhen: „Wenn dieser Kessel mit fünf
Millionen Menschen einmal zu kochen anfängt, dürfte es schwer fallen, ihn
wieder abzukühlen.“
Die Bundesregierung müsse für eine „armutspolitische Kehrtwende“ sorgen.
Zusätzlich 20 Milliarden Euro pro Jahr seien für Bildungsinvestitionen, eine
Pflegereform, die Bekämpfung von Altersarmut und höhere Hartz-IV-Sätze
von 420 Euro monatlich notwendig.
Sinkende Armutsrisiken vermerkt der Bericht für Hamburg, Brandenburg und Thüringen. In Bayern, Baden-Württemberg und Hessen ist das Armutsrisiko am geringsten. Dort lagen die Quoten bei 10,8, 11,0 und 12,1 Prozent. 22.12.11
http://www.fr-online.de/politik/wirtschaftskrise-so-arm-ist-deutschland,1472596,11341590.html
Armes Ruhrgebiet
Im nationalen Armutsvergleich hat Nordrhein-Westfalen dramatisch an Boden
verloren. Nur dem Osten, Bremen und Berlin geht es schlechter. Vor allem in
den Ballungszentren des Ruhrgebiets hat die Zahl der Bürger, die von Armut
bedroht sind, deutlich zugenommen.
VON EVA QUADBECK
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Publikation |
Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH |
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Lokalausgabe |
Rheinische Post Düsseldorf |
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Erscheinungstag |
Donnerstag, den 22. Dezember 2011 |
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2.12.2011 / Inland / Seite 1Inhalt
Die Daten belegten, daß
»Aufschwünge seit Jahren nicht bei den Menschen ankommen«, sagte der
Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider,
bei der Vorstellung des Armutsberichts 2011 am Mittwoch in Berlin. Die Quote
der armutsgefährdeten Menschen von gut 14 Prozent habe sich unabhängig vom
Wirtschaftswachstum »festgefressen«. Schneider gab der Bundesregierung hieran
eine Mitschuld. Er kritisierte die »familienpolitische Umverteilung von unten
nach oben« sowie eine Verschlechterung der Perspektive für Langzeitarbeitslose
und warnte vor sozialen Unruhen.
2010 waren 14,5 Prozent der Bürger armutsgefährdet, lebten also in Haushalten
mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Für
Einpersonenhaushalte lag die Grenze bei 826 Euro, für eine vierköpfige Familie
mit zwei Kindern bei 1 735 Euro netto.
Das Ruhrgebiet sei in Sachen Armut »Problemgebiet Nummer eins«, erläuterte Schneider. In Städten wie Dortmund und Duisburg
sei die Quote in den vergangenen Jahren auf deutlich mehr als 20 Prozent
gestiegen.
In der Bundeshauptstadt Berlin gelten 19,2 Prozent als armutsgefährdet. Fast
unverändert ist die Lage in den Ländern mit den höchsten entsprechenden Quoten:
Mecklenburg-Vorpommern (22,4 Prozent), Bremen (21,1) und Sachsen-Anhalt (19,8).
Am niedrigsten ist der Anteil der armutsgefährdeten Menschen in Bayern (10,8),
Baden-Württemberg (11) und Hessen (12,1) – Klammerangaben jeweils in Prozent.
Die Linksfraktion im Bundestag sieht die Daten als Beleg für die schwarz-gelbe
»Unsozialpolitik«. Als Beispiele nannte die Abgeordnete Diana Golze den »Verzicht auf einen anständigen flächendeckenden
gesetzlichen Mindestlohn«, zu geringe Regelsätze beim Arbeitslosengeld II und
den Kahlschlag bei der Arbeitsförderung. (dapd/jW)
http://www.jungewelt.de/2011/12-22/055.php