Schuldenatlas

Immer mehr Jugendliche überschuldet

23.11.2011 | 17:49 Uhr nrz

Düsseldorf. Immer mehr Jugendliche und Alte geraten in eine fast ausweglose Schuldenfalle.

Während die Zahl der Privatpleiten insgesamt leicht zurückging, konnten immer mehr Jugendliche und Menschen über 70 Jahren die Raten ihrer Kredite oder ihre laufenden Rechnungen nicht mehr bezahlen. Das zeigt der neue „Schuldenatlas“ der Auskunftei Creditreform deutlich auf, den Geschäftsführer Detlef Frormann gestern mit dem Chef der kooperierenden Volksbank, Rainer Mellis, vorstellte.

Waren es 2005 noch 1800 Jugendliche zwischen 18 und 20 Jahren, sind es in diesem Jahr bereits 5100, die völlig überschuldet sind. „Gerade Schüler haben kaum Ahnung, was ein Girokonto ist, oder was Zinsen bedeuten“, kritisiert Bankchef Mellis, und fordert mehr Aufklärung an den Schulen, damit Mädchen und Jungen unter anderem nachrechnen, was sie so mit ihrem Handy vertelefonieren.

Mehr als ein Viertel aller 61 000 Menschen in Düsseldorf, die ihre Raten nicht oder kaum noch bezahlen können, sind Jünger als 30 Jahre. Und wegen der zunehmenden Altersarmut, so die Creditreform, stieg die Zahl der über 70-Jährigen Überschuldeten in sechs Jahren von 1700 auf 2300 im Oktober diesen Jahres.

Weniger Privatinsolvenzen

Letzter Ausweg aus der Pleite ist die Privatinsolvenz: Wenn der Schuldner keine neue Schulden mehr macht und sechs Jahre ordentlich wirtschaftet, werden die restlichen Schulden getilgt. Die Zahl der Privatinsolvenzen ging in Düsseldorf zwar von über 1000 auf 850 zurück - allerdings warnt Frormann, dies zu überschätzen: Viele warteten ab, ob die bereits diskutierte Verkürzung auf drei Jahre Wohlverhalten kommt.

In Düsseldorf, analysiert die Creditreform, gehören nicht nur die Arbeitslosen und Hartz-IV-Bezieher zu den mehr als zwölf Prozent der Einwohner, die ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können: Auch bei der „bürgerlichen Mitte“ und den „Traditionsbewussten“, der Generation der Nachkriegszeit, liegt die Schuldnerquote bei zwölf bis 13 Prozent.

Die Creditreform hat die finanzielle Situation der Haushalte bis 1. Oktober 2011 analysiert und sogar nach Stadtteilen aufgelistet. Diese Daten nützen den Kommunalpolitikern ebenso wie den Stadtplanern, betont Geschäftsführer Frormann.

Schuldner von Flingern bis Lörick:

Laut Schuldenatlas der Creditreform sind die Düsseldorfer Stadtteile mit der höchsten Zahl an überschuldeten Menschen Flingern-Süd (über 23 Prozent), Altstadt (22 Prozent), Stadtmitte mit knapp 21 Prozent, dicht gefolgt von Oberbilk und Lierenfeld. Die wenigsten Schuldner wohnen in Kalkum (5 %), Niederkassel (5,8 %), Stockum (knapp 6 Prozent), Himmelgeist und Lörick (etwas über 6 Prozent). Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen sank von 1011 im vorigen Jahr auf 850 in diesem Jahr (minus rund 16 Prozent).

Jo Achim Geschke

 

 

So verschuldet ist Düsseldorf

Deutlich weniger Menschen in Düsseldorf haben in diesem Jahr Insolvenz angemeldet. Trotzdem ist fast jeder Achte über 18 Jahre in der Landeshauptstadt verschuldet. Vor allem die Zahl der extrem Belasteten nimmt deutlich zu.

VON UWE REIMANN


Die Verbraucherinsolvenzen sind 2011 in der Region Düsseldorf (Düsseldorf, Kreise Neuss und Mettmann) im Gegensatz zu den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. So ist die Zahl der Pleiten im ersten Halbjahr um rund 20 Prozent auf 930 Verfahren gesunken (erstes Halbjahr 2010: 1162 Verfahren). Das ist das Ergebnis des neuen Schuldneratlas, den die Creditreform Düsseldorf/Neuss gemeinsam mit der Volksbank Düsseldorf Neuss vorgestellt hat.


Für das Gesamtjahr 2011 sind in der Region Düsseldorf insgesamt rund 1880 Verbraucherinsolvenzen zu erwarten (2010: 2147). In der Stadt Düsseldorf sind rund 853 Verfahren prognostiziert (2010: 1011). Das wäre ein Minus von 15,7 Prozent. Die Situation: 12,16 Prozent (2010: 12,34 Prozent) aller Düsseldorfer über 18 Jahre sind verschuldet - jeder Achte.


Die privaten Verbraucher in der NRW-Landeshauptstadt sind insgesamt mit 1,41 Milliarden Euro verschuldet. Das Volumen der diesjährigen Insolvenzen umfasst allein 36 Millionen Euro (2010: 59 Millionen Euro).


Doch trotz rückläufiger Zahlen bei den Insolvenzverfahren, der Zahl der verschuldeten Düsseldorfer und des Schuldenvolumens warnen Creditreform-Geschäftsführer Detlef Frormann und Volksbank-Chef Rainer Mellis vor den künftigen Entwicklungen. Denn: Die Zahl der besonders stark Verschuldeten, der Personen, die kurz vor der Pleite stehen, nimmt weiter stark zu. Von 498 000 Düsseldorfern über 18 Jahre sind 5,09 Prozent „leicht“ verschuldet. „In Zeiten wirtschaftlicher Erholung ist deren Zahl zurückgegangen“, sagt Frormann. Aber: Die Zahl der stark Verschuldeten ist von 6,8 Prozent im Vorjahr auf jetzt 7,08 geklettert. Das Fazit: „Wer einmal in der Schuldenfalle ist, hat es immer schwerer, dort herauszukommen“, sagt Mellis. Experten alarmiert diese Entwicklung: Schaffen es kurzfristig Verschuldete wieder in eine finanzielle Balance zu kommen, wird es dagegen immer schwieriger, aus tiefen roten Zahlen herauszukommen.


Das Dramatische laut Frormann und Mellis: Vor allem die Zahl der Düsseldorfer bis 20 Jahre, die verschuldet sind, steigt extrem. Seit 2005 um 183 Prozent, allein gegenüber dem vergangenen Jahr um 24 Prozent. Die Folge: 26 Prozent aller Schuldner sind unter 30 Jahre alt.


Das zeigt der Blick auf die Düsseldorfer Zahlen im Verhältnis zur Region. Bei den Top 5 der am niedrigsten verschuldeten Stadtteile in der Region taucht kein Düsseldorfer auf. Bei den am stärksten verschuldeten dagegen belegen Düsseldorfer Stadtteile die ersten vier Plätze:


TOP 5 Kalkum (4,95 Prozent), Niederkassel (5,75), Stockum (5,93), Himmelgeist (6,09), Lörick (6,3).


FLOP 5 Flingern-Süd (23,55), Altstadt (21,92), Stadtmitte (20,96), Oberbilk (20,59), Lierenfeld (20,52).

Publikation

Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH

Lokalausgabe

Rheinische Post Düsseldorf

Erscheinungstag

Donnerstag, den 24. November 2011

Seite

27