Schlappe für Vermieterlobby
Gutachten im Auftrag der Bundesregierung widerlegt Mär vom »Mietnomadentum«
Von Christian Linde
Der FDP laufen nicht nur in Scharen die Wähler davon. Die Partei
verliert nun möglicherweise auch noch eines ihrer Lieblingsvorhaben, mit denen
die Liberalen ihr Stammklientel zu bedienen versuchen: Die Verschärfung des
Mietrechts im Sinne der Eigentümer. Als Begründung für die angestrebte
Lockerung von Schutzklauseln mußten die sogenannten Mietnomaden herhalten; Personen also, die
häufig die Wohnung wechseln und vorsätzlich keine Miete zahlen. Während
Verbraucherschützer die besonders durch Fernsehsender mit reißerischen Bildern
von verwüsteten Quartieren und jammernden Vermietern angeheizte Diskussion als
Phantomdebatte bezeichnen, spricht die Immobilienlobby von bis zu 30000 Fällen
pro Jahr, mit hohen Mietausfällen, Gerichts- und Räumungskosten. Obwohl keine
belastbaren Zahlen vorliegen, findet sich das Thema auch im Koalitionsvertrag
der amtierenden Bundesregierung. Dort heißt es: »Wir wollen das Mietrecht auf
seine Ausgewogenheit hin überprüfen (…). Mietnomadentum (…) werden wir wirksam
begegnen«. So sollen u.a. die Kündigungsfristen für
Vermieter verkürzt werden.
Doch ausgerechnet eine von Bundesjustizministerium und des Bundesbauministerium
in Auftrag gegebene Studie, die vergangene Woche in Berlin vorgestellt wurde,
hat nun die von den Eigentümerverbänden verbreiteten Horrorzahlen widerlegt.
Das zentrale Ergebnis der von der Universität Bielefeld erstellten Untersuchung
mit dem Titel »Mieterschutz und Investitionsbereitschaft im Wohnungsbau –
Mietausfälle durch sogenannte Mietnomaden« lautet:
Die Angst von Hausbesitzern, einen »Nomaden« einzuquartieren, ist weitgehend
unbegründet. Die Studie basiert auf einer Umfrage unter privaten Vermietern und
Wohnungsbaugesellschaften, die sich als »Betroffene« gemeldet hatten. Ferner
wertete die Forschungsstelle Originalakten von Gerichten, Rechtsanwälten,
Gerichtsvollziehern und Vermietern aus.
Bei den »betroffenen Vermietern« wurde in erster Linie das Zahlungsverhalten
der Wohnungsnutzer analysiert. Je früher die Überweisungen eingestellt wurden,
desto eher ist nach Einschätzung der Wissenschaftler davon auszugehen, daß das Mietverhältnis in betrügerischer Absicht begründet
wurde. Demnach hat es in den vergangenen fünf Jahren lediglich rund 200
»Mietnomadenfälle« gegeben. Dokumentiert sind in der Erhebung insgesamt 426
Vorgänge. Der älteste liegt über 45 Jahre zurück. Zwar lasse dies keinen Schluß auf die tatsächliche Zahl von Betrügern zu. Die
Diskrepanz zwischen den gemeldeten und den verifizierbaren Fällen sei jedoch
sehr groß, heißt es in der Studie. Ferner kommen die Wissenschaftler zu dem
Ergebnis, daß die meisten betroffenen Vermieter die
im Vorfeld eines Vertragsabschlusses mögliche Einholung von Informationen wie Schufa-Auskunft und Mietschuldenfreiheitsbescheinigung des
vorigen Vermieters nicht genutzt hatten, obwohl dadurch ein Großteil der Fälle
von »Einmietungsbetrug« hätte vermieden werden können.
Angesichts des vorliegenden Zahlenwerks kritisierte sogar der Verband der
Berlin-Brandenburgischen Wohnungsunternehmen (BBU) die Regierungskoalition.
Auch der BBU geht davon aus, daß die Zahl der
»Mietnomaden« unbedeutend gering ist. »Minister Ramsauer ficht
hier Scheingefechte, um von den tatsächlichen Mißständen
in der Städte- und Wohnungspolitik des Bundes abzulenken. Statt mit einem
Gutachten zu Mietnomaden wäre den brandenburgischen Städten wesentlich besser
gedient, wenn sich die Bundesregierung auch an ihre anderen
Koalitionsvertrag-Aussagen halten würde«, so BBU-Srecherin
Maren Kern in einer Erklärung. So verlangt der Verband, daß
die milliardenschweren Kürzungen in der Städtebauförderung zurückgenommen
werden.
14.02.2011 / Inland / Seite 4Inhalt
http://www.jungewelt.de/2011/02-14/002.php