Rote Ballons für die Solidarität
Mehr als 30 000 demonstrierten in Berlin
gegen die EU-Dienstleistungsrichtlinie / DGB: "Irrsinn stoppen"
VON PETER NONNENMACHER
![]()
Gegen Kriegsbeteiligung
zu demonstrieren, ist keine Kunst. Auch nicht, sich einzureihen gegen
Betriebsschließungen oder weniger Lohn. Aber Kundgebungen gegen eine
"Dienstleistungsrichtlinie" der Europäischen Union? Schon das Wort
mutet ja an wie ein verbaler Lindwurm. Wie etwas bekämpfen, das man, als
Gewerkschafter, kaum greifen, kaum einem Außenstehenden erklären kann - und
dessen Herzstück, das verhasste "Herkunftslandprinzip", im Prinzip eh
schon gestrichen wurde?
Etwas ratlos rückten denn auch die Demonstranten an, die der Deutsche
Gewerkschaftsbund (DGB) am Samstag zu einer Großkundgebung nach Berlin gerufen
hatte - wenige Tage vor der Abstimmung im Parlament in Straßburg über die
weitere Reform zur Öffnung des EU-Binnenmarktes. Immerhin, mehr als 30 000
Menschen brachte der DGB, zusammen mit Grünen, SPD und Linkspartei, auf die
Beine. Darunter waren neben mehreren Gewerkschaftsvorsitzenden auch prominente
Politiker wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) und der
Grünen-Vorsitzende Reinhard Bütikofer. Unter ihren roten Kappen, mit warmen
Schals und Gratis-Erbswurstsuppe gegen die Kälte gewappnet, drängten sich die
Richtlinien-Gegner durch die Straßen Berlins, um anschließend auf dem
Schlossplatz, vor der sich zögernd auflösenden Fassade des Palastes einer
früheren Republik, zusammen zu finden.
Die Welt sei "keine Ware", verkündeten die Banner in der Menge. Man
müsse "gegen Lohndumping" und "gegen ein unsoziales Europa"
Front machen, bevor es zu spät sei, erklärten Demonstranten ihre Teilnahme an
der Aktion. Ein paar Passanten, die durch den matschigen Lustgarten zogen,
schüttelten die Köpfe: Ihnen wollte nicht eingehen, was die Leute hier auf die
Straße trieb. DGB-Chef Michael Sommer, droben auf dem Podium, suchte der
Kampagne seiner Organisation gegen die "Ewiggestrigen" und ihren
"ungehemmten Brutalkapitalismus" schärfere Kontur zu verleihen. Man
müsse jenen Kräften in den Arm fallen, die "die europäischen Sozialstaaten
dramatisch zerstören", "Umweltstandards unterlaufen" und
"Hungerlöhne" EU-weit verankern wollten, wetterte Sommer.
|
Höchste Zeit, "diesen Irrsinn zu
stoppen", den sich die neoliberalen Geister Europas da ausgedacht hätten,
meinte Sommer. Die versammelte Top-Riege der deutschen Gewerkschaftsbewegung
nickte zustimmend. Wenigstens, räumte der DGB-Vorsitzende ein, hätten
sozialistische Unterhändler beim jüngsten EU-Kompromiss "echten
Fortschritt" erzielt: "Dafür sage ich ausdrücklich Dank". Wieder
nickte die Top-Riege. Aber Sommers Dank an die SPD ging unter in Buh-Rufen und
einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert.
"Solidarität sprengt alle Grenzen!" mahnte ein Aufruf an der
Liebknecht-Brücke, über die zu diesem Zeitpunkt die letzten Demonstranten
zogen.
Ein paar rote Ballons stiegen auf zu den grauen Wolken. Vor der Palast-Ruine in
Berlin hatten die 30 000 an diesem Samstag zumindest ein Signal nach Straßburg
gesandt, das ihren eigenen Argwohn, ihren Unmut in Sachen EU-Entwicklung
deutlich machte.
[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 12.02.2006 um 17:44:46 Uhr
Erscheinungsdatum 13.02.2006
![]()