Rekordausgaben fürs
Soziale
Die Arbeitgeber zahlen immer weniger Sozialbeiträge - der
Staat begleicht die Rechnung
Von Michael Bergius
BERLIN. Die Wirtschaftskrise lässt die staatlichen
Sozialleistungen in Rekordhöhen steigen. Für 2009 rechnet die Bundesregierung
mit Ausgaben in Höhe von 754 Milliarden Euro. Dies entspräche einem Anteil
aller Sozialleistungen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 31,9 Prozent. Bisher
lag der Höchstwert im Abschwung-Jahr 2003. Er dürfte 2010 mit dann 32,4 Prozent
übertroffen werden.
Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) legte am Mittwoch den
aktuellen Sozialbericht vor. Der über 300 Seiten starke Wälzer spiegelt die
Entwicklungen in der Arbeitslosen-, Kranken-, Renten- und Pflegerversicherung
wider. Er zeigt, wie seit Anfang der 90er Jahre in Boom-Perioden der Anteil der
Sozialausgaben am BIP (relativ) zurückging und welche Auswirkungen Einschnitte
wie die Arbeitsmarktreformen Hartz IV hatten.
Das Fazit fiel von SPD-Seite positiv aus. Scholz wertete den
Bericht als Beleg für die "Leistungsfähigkeit" des deutschen
Sozialstaats; Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) pries zehn Wochen vor
der Bundestagswahl die "eindrucksvolle Gesamtschau" aller in der
abgelaufenen Legislaturperiode beschlossenen Maßnahmen. Die Koalitionspartner
CDU/CDU hielten sich gestern dagegen mit Wertungen zurück.
Kritik kam vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Er verwies
auf eine Statistik innerhalb des Berichts, aus der hervorgeht, dass der
Arbeitgeber-Anteil an der Finanzierung der Sozialbeiträge seit 1991
schrittweise zurückgegangen ist: von 39,8 auf schätzungsweise nur noch 32,8
Prozent im laufenden Jahr. Etwa im umgekehrten Verhältnis stiegen im selben
Zeitraum die Zuschüsse des Staates. "Es ist ökonomisch falsch, und sozial
ungerecht, dass die Beschäftigten bei den Kosten der sozialen Sicherheit seit
Jahren einseitig belastet und gleichzeitig auch noch die Leistungen abgesenkt
werden", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach der FR. Sie
forderte "mehr solidarisch finanzierte Sicherheit bei Arbeitslosigkeit,
Krankheit, Pflege und fürs Alter". Kritik äußerte der DGB auch an dem in
Schmidts Amtszeit eingeführten Sonderbeitrag von 0,9 Beitragssatzpunkten für
die Krankenversicherung, der einseitig nur die Versicherten trifft. Erforderlich
sei eine Rückkehr zur paritätischen Finanzierung. "Der Sozialstaat kann es
sich nicht leisten, dass sich die Arbeitgeber immer weiter aus der finanziellen
Verantwortung herausziehen", sagte Buntenbach.
Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände hielt
dagegen. Es sei "richtig, die wachsenden Kosten des Sozialstaats nicht
durch eine noch höhere Belastung der Arbeit zu finanzieren", sagte ein
Sprecher der FR. "In kaum einem anderen Land kommt weniger Netto vom
Brutto bei den Arbeitnehmern an." Er erklärte, dass die von der Koalition
beschlossenen "zusätzlichen Steuermilliarden für den Sozialstaat auch die
Arbeitgeber belasten".
Scholz verteidigte die unlängst beschlossene Rentengarantie,
die Ruheständler gegen eine (wenn auch wenig wahrscheinliche) Kürzung ihrer
Bezüge als Folge sinkender Löhne absichern soll. Angesichts einer Rücklage von
aktuell 16 Milliarden Euro in den gesetzlichen Alterskassen könne man den
Rentnern Kürzungen nicht vermitteln, sagte Scholz. Finanzminister Peer Steinbrück, der sich im FR-Interview
von der Garantie distanziert hatte, finde diesen Beschluss übrigens auch
"richtig", berichtete Scholz von einer jüngsten Unterredung mit
seinem Parteifreund. Dass die Jüngeren zu den "Gekniffenen" (O-Ton Steinbrück) der Rentengarantie zählen könnten, kann der
Arbeitsminister nicht nachvollziehen: Auch die heute Jungen wollten sich im
Alter "auf das verlassen, was da ist".
Minister Scholz sagt in der Krise höhere Lasten voraus und
ist trotzdem zufrieden
Kollege Steinbrück finde die Rentengarantie auch richtig, berichtet der Sozialminister
Fr 16.7.09
LEITARTIKEL
Millionäre zur Kasse
ROBERT VON HEUSINGER
Wer gestern früh beim
Hören der Nachrichten noch nicht ganz wach war, meinte einen neuen Vorschlag
der Linkspartei zu vernehmen. Die Einkommensmillionäre sollen satte 5,4 Prozent
mehr Steuern zahlen. Ja, selbst Pärchen, die es gemeinsam auf 350 000 bringen,
drohen Steuererhöhungen. Doch als dann von Dollar und nicht Euro die Rede war,
wurde klar: Hier handelt es sich um einen Vorschlag aus den USA, dem Hort des
Kapitalismus in Reinform. Die Demokraten wollen so ihr wichtigstes
gesellschaftspolitisches Projekt, die Gesundheitsreform, finanzieren. Auf 45
Prozent soll der Spitzensteuersatz klettern, also genau auf die Größe, die zur Zeit die "Reichen" in Deutschland berappen
müssen, wenn sie als Pärchen über eine halbe Million Euro (700000 Dollar)
verdienen.
Die Steuerpläne der Partei von US-Präsident Barack Obama signalisieren
zweierlei: Erstens scheint sich die neoliberale Epoche, die mit Ronald Reagan
und Maggie Thatcher begann, allmählich in die Geschichtsbücher zu
verabschieden. Zweitens dürfen wir jetzt tabulos über
Steuererhöhungen streiten, ohne uns den Vorwurf gefallen lassen zu müssen,
altmodisches Denken der Linkspartei zu übernehmen oder - fast schlimmer - eine
unselige Neiddebatte zu führen.
Um Neid geht es ganz und gar nicht. Hier geht es auch
keineswegs um Gerechtigkeit, wenngleich man sich angesichts der Krise, ihrer
Verursacher und der Profiteuren der Rettungspakete für Banken und Firmen auch
darüber mit guten Argumenten auslassen könnte. Nein, hier geht es um Ökonomie
und darum, wie das kapitalistische System so zu steuern ist, dass es uns
Höchstleistungen ohne Krise beschert.
Als in den 70er Jahren die Neoliberalen die öffentliche
Meinung zu beeinflussen begannen, hatten sie zwei Argumente, die damals
überzeugten. Erstens kamen sie mit der Laffer-Kurve,
einer theoretischen Idee, wonach sich Steuersenkungen mittelfristig selbst
finanzierten, ja, dem Staat langfristig über das Freisetzen starker
Wachstumskräfte sogar mehr Steuereinnahmen bescherten als ohne Senkung.
Zweitens wurde halbwegs plausibel mit Anreizsystematik erklärt, dass Menschen,
die mehr netto in der Tasche hätten, mehr arbeiten und so allen zu mehr
Wohlstand und Wachstum verhelfen würden.
Von diesen beiden Ideen ist heute nichts mehr übrig. Die Laffer-Kurve gilt unter den herrschenden Top-Ökonomen als
klarer Irrtum. Und die anekdotische Evidenz zeigt, dass die Menschen je mehr
sie netto verdienen, desto weniger arbeiten, früher in Pension gehen und
weniger Nebenjobs annehmen. Eigentlich intuitiv nachvollziehbar.
Da die Verheißungen der Steuersenkungen nicht eingetroffen
sind, heißt es noch einmal neu denken. Was ist das Endziel allen Wirtschaftens?
Der Konsum. Wie entsteht nachhaltiges und hohes Wirtschaftswachstum, das nicht
zu Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft führt? Weder durch die unbegrenzte
Verfügbarkeit riskanter (Immobilien-)Kredite wie jüngst in den USA, noch durch
das Auftürmen von Exportüberschüssen wie in China oder Deutschland, die nicht
im Inland konsumiert werden. Sondern nur durch steigende Massenkaufkraft und
damit einhergehend das Aufrechterhalten der Verschuldungsfähigkeit der Massen.
Denn eins ist klar: Jeder Euro in der Hand eines "Reichen" sorgt für
weniger Wachstum als jeder Euro in der Hand eines "Armen". Das liegt
an den unterschiedlich hohen Sparquoten. Wachstum entsteht nämlich nicht durch
sparen, sondern durch Nachfrage. Und in Wirklichkeit ist es ja noch viel
schlimmer: Die "Reichen" haben ihre Steuersenkungen an den Kapitalmärkten
angelegt und damit zu den anschwellenden Volumina beigetragen, die nach der
höchsten Rendite Ausschau hielten. Und haben so das
System krisenanfälliger gemacht.
Deshalb kann eine höhere Einkommenssteuer für Millionäre und
solche, die es werden wollen, Wunder wirken - wenn das Geld dazu verwendet
wird, damit die unteren Einkommen oder die Sozialeinkommen implizit (wie in den
USA geplant) oder explizit steigen. Diese Steuererhöhung ist deutlich wachstumsfördernder als die Erhöhung etwa der
Mehrwertsteuer, die gerade die kleinen Einkommen stärker trifft. Noch
großartiger im Sinne des Kapitalismus aber wirkt eine ganz andere Steuerart:
Die Substanzsteuer, worunter man vor allem Vermögens- und Erbschaftssteuer fasst.
Auch hier sind uns die Amis voraus. Sie finanzieren damit mehr als doppelt so
viele Staatsausgaben wie die Deutschen.
Werden die Reichen höher besteuert, wächst die
Wirtschaft. Das kommt letztlich allen Menschen zugute. Und wer macht uns vor,
wie so was geht? Ausgerechnet die Amerikaner.
fr
Experten warnen vor Bankrott des Sozialstaats
Berlin (brö) Der Staat und die Unternehmen geben 2009
so viel Geld für soziale Leistungen aus wie seit sechs Jahren nicht. Die
Ausgaben etwa für Rente, Gesundheit, Pflege, Arbeitslosengeld, Lohnfortzahlung
und Familienpolitik steigen um 4,5 Prozent auf 754 Milliarden Euro. Bis 2012
werden sogar 790 Milliarden Euro erreicht. Das geht aus dem Sozialbericht der
Bundesregierung hervor, den Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) in Berlin
vorstellte.
Mehr als jeder dritte erwirtschaftete Euro wird damit für soziale Leistungen
ausgegeben. Die Sozialleistungsquote, Gradmesser für die Umverteilung, wird
2010 mit 32,9 Prozent den Rekord von 1990 erreichen. Scholz begründete den
Anstieg mit rezessionsbedingten Ausgaben für Arbeitslosenversicherung und Hartz IV.
Ökonomen sehen die Entwicklung kritisch. „Der Sozialstaat in seiner jetzigen
Form ist künftig nicht mehr finanzierbar“, sagt Jochen Pimpertz
vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft. Ursache sei die Alterung
der Gesellschaft. Immer weniger Beschäftigte bezahlen immer mehr Rentner und
Transfergeldempfänger. „Weil sich die Politik nicht zu Kürzungen bei den Renten
durchringen kann, bleiben nur höhere Beiträge oder Steuern.“ Die Rentengarantie
und die Aussetzung des Renten-Dämpfungsfaktors hätten die Lage verschlechtert,
kritisiert Pimpertz. Der Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard ergänzt: „Die heute 30- bis 50-Jährigen werden die
Last schultern.“
So dürften etwa die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung schon ab 2011
steigen, so Wiegard. Die Rentenbeiträge könnten nur
stabil bleiben, wenn der „Rentenanstieg gedämpft wird“. Ob die Politik das
zulasse, sei sehr fraglich.
LEITARTIKEL SEITE A2
STIMMEDESWESTENS SEITEA2
„Die heute 30- bis 50-Jährigen tragen die Last“
-
Quelle:
Verlag: Rheinische Post Verlagsgesellschaft mbH
Publikation: Rheinische Post Düsseldorf
Ausgabe: Nr.162
Datum: Donnerstag, den 16. Juli 2009
Seite: Nr.1
16.07.2009 / Inland / Seite 2Inhalt
SPD feiert den Sozialstaat
Berlin. Die Krise treibt die Sozialleistungen nach oben. Die staatlichen Ausgaben für Rente, Gesundheit, Pflege, Arbeitslose und Familien steigen im laufenden Jahr gegenüber 2008 um rund 33 Milliarden auf 754 Milliarden Euro. Diese Prognose enthält der neue Sozialbericht der Regierung, den das Kabinett am Mittwoch in Berlin gebilligt hat. Sozialminister Olaf Scholz sagte, das soziale Netz halte auch in der aktuellen Krise, denn Deutschland sei einer der leistungsfähigsten Sozialstaaten der Welt. Der DGB kritisierte hingegen, die Belastungen seien einseitig auf Arbeitnehmer verlagert worden, und sogar Lohndumping werde nun staatlich subventioniert.(AP/jW)