Regelsatz wird stufenweise erhöht. Hartz IV: Insgesamt acht Euro mehr

 

Koalition und SPD haben sich nach wochenlangem Tauziehen auf einen Kompromiss zum Hartz-IV-Gesamtpaket verständigt. Die Regelsätze steigen in zwei Stufen. Das Bildungspaket für Kinder wird aufgestockt.

Wie weit kommt man mit fünf Euro?
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Berlin –  

Nach wochenlangem Ringen um die Hartz-IV-Reform haben Vertreter von Bund und Ländern eine Einigung erzielt. Wie Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) nach mehr als siebenstündigen Spitzengesprächen am frühen Montagmorgen sagte, soll der Regelsatz für Erwachsene in zwei Schritten angehoben werden: Rückwirkend zum 1. Januar 2011 um fünf Euro auf 364 Euro und zum 1. Januar 2012 erneut um drei Euro. Auch beim Bildungspaket für arme Kinder und dem Thema Mindestlöhne wurde eine Lösung erreicht.

Der Vermittlungsausschuss soll den Kompromiss voraussichtlich am Dienstag beschließen. Eine Sondersitzung des Bundesrats werde am Freitag angestrebt, sagte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD).

Zur Umsetzung des Bildungspakets für 2,3 Millionen arme Kinder sollen die Kommunen von 2011 bis 2013 jährlich zusätzlich 400 Millionen Euro erhalten, um damit Schulsozialarbeit oder Mittagessen in Horten zu finanzieren. Nach dieser Zeit übernehme der Bund die Kosten für die Grundsicherung, fügte Böhmer hinzu. Insgesamt umfasst das Bildungspaket, das der Bund bezahlt, damit gut 1,5 Milliarden Euro. Davon sollen Schulmaterialien, Freizeitaktivitäten oder Nachhilfe bezuschusst werden.

Neue Mindestlöhne

Geplant sind ferner verbindliche Mindestlöhne für das Wachgewerbe und die Weiterbildungsbranche über das Arbeitnehmer-Entsendegesetz. Für Zeitarbeiter soll ab 1. Mai eine Lohnuntergrenze über das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz gelten. Von diesem Datum an ist der deutsche Arbeitsmarkt vollständig für Arbeitnehmer aus den osteuropäischen Nachbarländern geöffnet.

Geeinigt hatten sich in der Nacht Union und FDP mit der SPD. Bundessozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einer „schweren Geburt“. Die Verhandlungen hätten sich aber gelohnt.

Faktenblatt zu Hartz I bis IV

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Wasser statt Bier: Die Neuregelung der Hartz-IV-Regelsätze

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Grüne aus Gesprächen zurückgezogen

Zuvor hatten sich die Grünen aus den Gesprächen zurückgezogen. Fraktionschefin Renate Künast äußerte „erhebliche Zweifel“ an der Verfassungsmäßigkeit der neu berechneten Regelsätze. Sie verwies auf eine frühere Forderung von SPD und Grünen, sogenannte Aufstocker, die ihr Gehalt mit Hartz IV aufbessern müssen, aus der Berechnung des Regelsatzes herauszunehmen. Das hätte einen weiteren Anstieg der Sätze zur Folge. Diese Bemühung sei jedoch gescheitert.

Der Kompromiss von Union und SPD zur Hartz-IV-Reform ist nach Ansicht von CSU-Chef Horst Seehofer verfassungsgemäß. „Das ist jetzt ein Regelsatz, der das Existenzminimum abbildet. Und ich glaube, dass diese politische Entscheidung auch vor Gerichten Bestand haben wird“, sagte der bayerische Ministerpräsident am Montag im ZDF über das Ergebnis der nächtlichen Verhandlungen. In den Gesprächen seien alle Seiten aufeinander zugegangen. Die Einigung auf eine stufenweise Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze sei finanziell vertretbar. „Wir haben hier nicht zulasten der Steuerzahler einen Kompromiss gemacht.“

Mit scharfen Worten kritisierte Seehofer den Verlauf der monatelang ergebnislosen Verhandlungen unter der Federführung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) und der stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden Manuela Schwesig. „Das war schon manchmal ein echter Zirkus. Das war nicht gut“, sagte er. „Das war eine Verhandlungsart, die man kaum noch in der Öffentlichkeit erklären konnte. Da waren viele Eitelkeiten unterwegs.“

Schwesig verteidigte das Ergebnis und sprach von einem Erfolg für die SPD. „Es ist immer ein Kompromiss, insbesondere bei dem Thema Regelsätze“, sagte sie im ZDF. „Aber wir haben versprochen, uns in drei Punkten durchzusetzen. Das sind Bildung, Regelsätze und Mindestlohn. Und das ist uns gelungen.“ CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe erklärte, alle Seiten könnten mit dem Ergebnis gut leben: „Ich freue mich über die Einigung bei Hartz IV. Von einem SPD-Sieg kann da keine Rede sein.“

Das Treffen hatte am Sonntagnachmittag begonnen. Kurz nach dem Auftakt wurden die Verhandlungen aber für drei Stunden unterbrochen, damit die Teilnehmer in ihren Parteizentralen den Ausgang der Hamburg-Wahl verfolgen konnten.

Das Bundesverfassungsgericht hatte die Neuregelung von Hartz IV angeordnet, weil die geltenden Regelsätze verfassungswidrig sind. Ein von Union und FDP beschlossenes Regelwerk scheiterte allerdings Ende Dezember am Widerstand von SPD, Grünen und Linken im Bundesrat. Union und FDP sind in der Länderkammer auf die Zustimmung der Sozialdemokraten angewiesen, nicht aber auf ein Ja der Grünen. (dpa/rtr)

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Hartz4-Debatte
Viel Geschrei um acht Euro

Wohlfahrtsverband kritisiert Hartz-IV-Kompromiss und will ihn vom Bundesverfassungsgericht prüfen lassen.

Als „die erbärmlichste Farce, die die deutsche Sozialpolitik je erlebt hat“ bezeichnete der Paritätische Wohlfahrtsverband das Geschacher der vergangenen Wochen um die Neuregelung der Hartz-IV-Gesetze. Er forderte die SPD auf, das Vermittlungsergebnis, das in der Nacht zum Montag erreicht wurde, durch eine Normenkontrollklage vor dem Bundesverfassungsgericht überprüfen zu lassen. Auch die Grünen halten den Kompromiss für ebenso verfassungswidrig wie die vorherige Regelung, die die Karlsruher Richter vorworfen hatten. Die hatten vom Gesetzgeber verlangt, die Hartz-IV-Regelsätze transparent zu berechnen. So wollen Regierung, Bundesländer und SPD das nun umsetzen:

Der Regelsatz für Erwachsene steigt rückwirkend zum 1. Januar 2011 um fünf Euro auf 364 Euro. Die Auszahlung soll voraussichtlich ab März erfolgen. Wo noch nicht geschehen, wird die Erhöhung nachgezahlt. Zusätzlich zur Anpassung an die Lohn- und Preisentwicklung soll der Satz zudem zum 1. Januar 2012 um weitere drei Euro angehoben werden. Hartz-IV-Empfänger, die ehrenamtlich arbeiten, dürfen Aufwandsentschädigungen bis zu 175 Euro behalten.

Bildungspaket: Die Kinder aller Empfänger von Hartz-IV-Leistungen oder von Geringverdienern, die Wohngeld oder Kinderzuschlag erhalten, werden mit zehn Euro im Monat zusätzlich unterstützt, wenn sie diese für Freizeitaktivitäten ausgeben. Befristet bis 2013 erhalten sie zudem bis zu zu zwei Euro Zuschuss zum Schul-Mittagessen, einen Euro zahlen sie selbst – vorausgesetzt, Schule oder Hort haben eine eigene Kantine. Die Kommunen bekommen zusätzlich 400 Millionen Euro, um Schul-, Hort- und Kita-Mittagessen zu bezuschussen – aber auch, um damit neue Schulsozialarbeiter zu finanzieren.

Pro Schuljahr soll es außerdem 30 Euro Kostenhilfe für Wandertage sowie bei Bedarf Unterstützung für Schülertickets und Nachhilfe geben. Die Summe von 100 Euro für Schulmaterial, die auch zum Paket gezählt wird, fließt nicht zusätzlich, sondern wird bereits gewährt. Die Kommunen erhalten für das Bildungspaket insgesamt 1,6 Milliarden Euro pro Jahr vom Bund. Ab 2014 fließen nur noch 1,5 Milliarden. Die tatsächlichen Kosten sollen jährlich abgerechnet und komplett erstattet werden.

Die Regelsätze für Kinder bleiben unverändert bei 215 Euro (Kinder unter 6), 251 Euro (6 bis 13 Jahre alt) und 287 Euro (14 bis 18 Jahre) im Monat.

Mindestlohn: Ab Mai soll es in der Zeitarbeitsbranche einen neuen Mindestlohn geben, zudem sollen Untergrenzen für Wach- und Sicherheitsgewerbe und Weiterbildungsbranche folgen. Sie werden für 900000 Leiharbeiter im Arbeitnehmerüberlassungsgesetz und für die anderen Branchen im Entsendegesetz geregelt. Zeitarbeiter sollen auch dann den Mindestlohn erhalten, wenn in dem Betrieb, an den sie ausgeliehen sind, weniger gezahlt wird. Eine Regelung für die gleiche Entlohnung von Leih- und Stammbeschäftigten blieb aus.

Entlastung der Kommunen: Der Bund übernimmt bis 2014 alle Ausgaben zur Grundsicherung im Alter. Die Kommunen geben dafür jährlich 3,5 Milliarden Euro aus. Die Milliarden, die der Bund für die Entlastung der Kommunen benötigt, sollen hauptsächlich dem Haushalt der Bundesagentur für Arbeit entzogen werden. Diese rechnet als Folge für 2014 mit einem Defizit von 9 Milliarden Euro. Der Bundesrat soll die Reform am Freitag absegnen. Die rot-grünen Länder NRW und Bremen wollen sich enthalten. 22.2.11

Kommentar zur Situation bei den "Grünen": Auf eigene Rechnung

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Baustelle Hartz-IV-Reform: Und täglich grüßt der Hartz-IV-Streit

 

http://www.fr-online.de/politik/viel-geschrei-um-acht-euro/-/1472596/7230348/-/index.html

 

 

 

Hartz IV : Was die Hartz-IV-Reform wirklich bringt

Wirtschaft und Finanzen, 21.02.2011, Wolfgang Mulke

Hartz-4-Empfänger haben fünf Euro mehr in der Tasche. Foto: Dirk Bauer

Hartz-4-Empfänger haben fünf Euro mehr in der Tasche. Foto: Dirk Bauer

Berlin. Nach langem Streit haben sich SPD und Koalition auf die Hartz IV-Reform geeinigt. Für Langzeitarbeitslose gibt es etwas mehr Geld. Das Bildungspaket für Kinder steht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

DerWesten beantwortet die dringendsten Fragen rund um die Reform der Hartz-IV-Regelsätze.


Um wie viel steigt der Regelsatz wirklich?

Es bleibt grundsätzlich bei der ursprünglich angestrebten Erhöhung des Regelsatzes von 359 Euro auf 364 Euro für die rund 4,7 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Die Opposition konnte einen weiteren Zuschlag von drei Euro am 1. Januar 2012 durchsetzen. Dieser Betrag soll die Preissteigerungen bei den Lebenshaltungskosten im ersten Halbjahr 2010 abdecken. Dazu erhalten Betroffene im nächsten Jahr noch einen Ausgleich für die Teuerung, die danach zu verzeichnen ist. Die Sätze für Kinder bleiben gleich. Im Alter von weniger als sechs Jahren bekommen sie 215 Euro, bis sie 14 sind 251 Euro und danach 287 Euro. Kinder können sich nicht auf drei Euro mehr im nächsten Jahr freuen. Hier steht nur fest, dass der Preisausgleich, wenn es überhaupt einen gibt, deutlich niedriger ausfallen wird.

Ab wann gilt diese Regel?

Sie gilt rückwirkend zum 1. Januar 2011. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) rechnet mit einer Auszahlung des höheren Betrags ab dem 1. April. Für die ersten drei Monate des Jahres erhalten Langzeitarbeitslose einen Nachschlag von 15 Euro.

Was hat die Opposition durch die langen Verhandlungen noch erreicht?

Die Bundesregierung legt auch beim Bildungspaket drauf. 120 Millionen Euro stehen in den nächsten drei Jahren für Sozialarbeiter an Schulen zur Verfügung. Außerdem wurden Mindestlöhne für drei Branchen vereinbart. Bei der Leiharbeit, im Sicherheitsgewerbe und bei Weiterbildungsunternehmen wird eine Lohnuntergrenze eingezogen. Hier hatte sich insbesondere die FDP bisher quer gestellt. Die Mindestlöhne sollen einen Dumpingwettbewerb verhindern, den viele Experten erwarten, wenn im Mai die europäischen Grenzen für Dienstleistungen fallen.

Wie hoch sind die Mindestlöhne?

Bei den Leiharbeitern beträgt der Mindestlohn, den Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ausgehandelt haben, bei 7,59 Euro pro Stunde im Westen und 6,89 Euro in den neuen Ländern. Hier würden trickreiche Abweichungen von der Untergrenze unterbunden. Die Arbeitgeber der Branche sehen die Einigung weniger klar. Es sei weiter offen, wie hoch der Mindestlohn tatsächlich sein wird, kritisiert der Bundesverband Zeitarbeit. Im Wach- und Weiterbildungsgewerbe legen die Tarifparteien einen Mindestlohn fest, der gesetzlich verankert wird. Nach wie viel Monaten Leiharbeiter und Stammbelegschaften gleich bezahlt werden müssen, bleibt offen. Können die Tarifparteien sich darüber innerhalb eines Jahres nicht einigen, will die Bundesregierung aktiv werden.

Wie geht es mit dem Bildungspaket weiter?

Auch die Leistungen für Kinder werden, wenn Ausgaben dafür belegt werden, rückwirkend ausgezahlt. Das Paket sieht monatlich zehn Euro für Sportverein oder Musikunterricht vor. Zuschüsse gibt es auch für Schulausflüge. Außerdem bezahlen die Ämter ein Starterpaket für Hefte und Stifte von 100 Euro im Jahr, Nachhilfe bei Bedarf und zwei Euro Zuschuss zum Mittagessen.

Warum konnten sich Bund und Länder plötzlich doch so schnell einigen?

Dafür gibt es zwei Gründe. So ist der öffentliche Druck angesichts des Kleinkriegs um ein paar Euro mehr vor dem Hintergrund der Milliardenhilfen für Banken immer größer geworden. Zudem haben die Länder handfeste Eigeninteressen an einer Lösung. Denn der Bund versüßt den Kommunen den Kompromiss mit Milliarden Euro. Künftig bezahlen nicht mehr die Städte, sondern die Bundesregierung die Ausgaben für die Grundsicherung im Alter. Das sind allein bis 2014 etwa zwölf Milliarden Euro. Da die Altersarmut zunimmt, werden diese Ausgaben weiter steigen.

Ist der Kompromiss ein Erfolg?

Darüber gehen die Meinungen auseinander. Kritik setzt es von Gewerkschaften und Sozialverbänden. Der DGB kritisiert: Das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gilt weiterhin nicht. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hält die Anhebung um fünf Euro für nicht ausreichend.

http://www.derwesten.de/nachrichten/wirtschaft-und-finanzen/Was-die-Hartz-IV-Reform-wirklich-bringt-id4314083.html

 

 

22.02.2011 / Titel / Seite 1Inhalt

SPD knickt wieder ein

 

Mit Entrüstung haben Sozialverbände und Vertreter der Linken auf den »Kompromiß« zur künftigen Ausgestaltung der Hartz-IV-Leistungen reagiert, den Vertreter der Regierungsparteien und der SPD in der Nacht zum Montag vereinbarten. Dieser sieht vor, die Regelsätze außer um die bereits beschlossenen fünf um weitere drei Euro zu erhöhen – allerdings erst im kommenden Jahr. Ferner erhalten die Kommunen 1,6 Milliarden Euro für ein »Bildungspaket« sowie weitere Gelder für Schulsozialarbeiter. Mittelfristig sollen die Kommunen auch von den Kosten für die Altersgrundsicherung entlastet werden. Des weiteren wurde für drei Branchen – Zeitarbeit, Sicherheitsgewerbe und Weiterbildung – die Festsetzung von gesetzlichen Mindestlöhnen vereinbart. Die SPD verzichtete in der Schlußrunde allerdings komplett auf ihre Forderung nach Gleichbehandlung von Leiharbeitern und Stammkräften. Der Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bezeichnete dies in einer ersten Reaktion in etwas eigenartiger Farbdefinition als »schwarz-gelben Zynismus«.

Partei und Fraktion Die Linke äußerten sich empört über den »Kompromiß«. Das Ergebnis sei eine Verhöhnung der Betroffenen, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der Vorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst sowie des Fraktionschef Gregor Gysi. Alle »Hartz-IV-Parteien« hätten sich »mit den statistischen Fälschungen der Arbeitsministerin abgefunden und die Vorgaben des Urteils des Bundesverfassungsgerichts ignoriert«. Zudem würden Kinder aus einkommensschwachen Familien durch das sogenannte Bildungspaket stigmatisiert und gedemütigt. Die Partei werde alle juristischen Möglichkeiten nutzen, um dem im Grundgesetz verankerten Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum Geltung zu verschaffen. Auch die Parteichefin der Grünen, Claudia Roth, äußerte am Montag »erhebliche Zweifel« an der Verfassungskonformität der Regelsätze. Ihre Partei hatte an den Schlußberatungen nicht mehr teilgenommen.

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, bezeichnete »das Geschacher der letzten Wochen und Tage um drei Euro« als »die erbärmlichste Farce, die die deutsche Sozialpolitik je erlebt hat«. Das Ergebnis sei »ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen und ein Affront gegenüber dem Bundesverfassungsgericht«, so Schneider. Wie auch der Präsident des Sozialverbandes SoVD, Adolf Bauer, geht Schneider davon aus, daß sich die Karlsruher Richter alsbald erneut mit den Hartz-IV-Regelsätzen beschäftigen werden.

Bundesarbeitsministerin ­Ursula von der Leyen (CDU) wertete die Hartz-IV-Einigung dagegen als großen Erfolg. Man habe in der Nacht zum Montag »sozialpolitische Geschichte« geschrieben, sagte die CDU-Politikerin am Morgen in Berlin. »Die ganz großen Gewinner« dieser Reform seien die Kinder und die Kommunen. Es habe sich der Grundgedanke durchgesetzt, nicht insgesamt mehr Geld in das Hartz-System zu geben, sondern mehr für Kinder zu investieren. Auch SPD-Chef Sigmar Gabriel sprach am Morgen im Deutschlandfunk von einem »guten Ergebnis«. So erhielten künftig weitere 1,2 Millionen Menschen in Deutschland Mindestlöhne, um von ihrer Arbeit leben zu können. Allerdings könne er nicht ausschließen, daß die jetzige Einigung nicht verfassungskonform sei.

Der Vermittlungsausschuß von Bundestag und Bundesrat soll den Kompromiß bereits am heutigen Dienstag durchwinken. Eine Sondersitzung des Bundesrats zur endgültigen Verabschiedung wird für Freitag angestrebt.

jW-Bericht

http://www.jungewelt.de/2011/02-22/055.php

 

 

22.02.2011 / Inland / Seite 2Inhalt

»Da hat ein Kuhhandel stattgefunden«

Mit der Hartz-IV-Reform wurde das Existenzminimum abgesenkt. Gespräch mit Christoph Butterwegge

Interview: Gitta Düperthal

 

Christoph Butterwegge ist Professor für Politikwissenschaft, Armutsforscher und Autor des Buches »Armut in einem reichen Land«


Das Tauziehen um die Hartz-IV-Reform ist seit der Nacht zum Montag beendet – der Regelsatz wird rückwirkend ab Januar 2011 um fünf Euro erhöht, und um drei weitere ab 2012. Hat sich das für die Betroffenen gelohnt?

Nein, da hat ein Kuhhandel auf deren Rücken stattgefunden. Am Ende war nur noch parteitaktisches Kalkül im Spiel. Denn in bezug auf die Erhöhung des Regelsatzes ab Januar 2011 auf 364 Euro und ab 2012 auf 367 Euro hat ganz offensichtlich ein fauler Kompromiß stattgefunden. Gerechtigkeit auf Raten gibt es nämlich nicht. Entweder entspricht ein Regelsatz von 364 Euro dem Urteil von 2010 – oder aber ein Regelsatz von 367. Alles andere ist auszuschließen.

Die Taktik kann man so zusammenfassen: Die Bundesregierung wollte von ihrem Vorschlag von fünf Euro mehr nicht abweichen, die SPD sich nicht ganz geschlagen geben. Das Resultat ist eine Bankrotterklärung der etablierten Politik. Man hat den tragenden Gedanken des Urteils des Bundesverfassungsgerichts, den Armen ein Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum einzuräumen, mit Füßen getreten.

Wie wird es jetzt weitergehen, wenn das Urteil als verfassungswidrig einzuschätzen ist?

Die Linke wird eine Verfassungsklage dagegen anstrengen. Das tun sicherlich auch Hartz-IV-Bezieher, denn ihr Existenzminimum wurde nicht erhöht, sondern abgesenkt. Bisher wurden jährlich am 1. Juli die Regelsätze gemäß der Rentenentwicklung angepaßt. Das hatte das Bundesverfassungsgericht moniert. Deshalb ist vorgesehen, 70 Prozent entsprechend den Lebenshaltungskosten und 30 Prozent entsprechend den Bruttolöhnen zu erhöhen.

Das sieht zunächst positiv aus, doch Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat die Anpassung auf den 1. Januar vorgezogen – und somit die erste Anpassung im Juli 2011 einfach ausfallen lassen. Die fünf Euro sind aber mit dem Resultat zu vergleichen, das bei einer entsprechenden Erhöhung im Juli 2011 herausgekommen wäre. Da sowohl Preise als auch Löhne gestiegen sind, bleibt den Armen mit den fünf Euro lediglich ein Almosen.

Wie steht es um die Kinderregelsätze?

Das ist noch skandalöser, denn die hat Frau von der Leyen überhaupt nicht erhöht – obgleich sie sich als »Mutter der Nation« aufspielt und sich mit ihrer Idee einer Chipkarte feiern ließ. Kinder erhalten zwar ein »Bildungs- und Teilhabepaket« von 250 Euro pro Jahr, aber schaut man dahinter, wird klar: Die Kinder kommen schlecht weg. Bisher gab es ein Schulbedarfspaket von 100 Euro im Jahr; 30 Euro waren im Regelsatz für eintägige Klassenfahrten enthalten, die jetzt ins Bildungs- und Teilhabepäckchen verschoben werden. Es bleiben 120 Euro pro Jahr, also zehn Euro pro Monat. Damit kann man jetzt zumeist mit Gutscheinen einen Museumsbesuch machen oder die Mitgliedschaft in einem Sportclub bzw. einer Musikschule erwerben. Man bekommt aber kein Sportgerät und kein Musikinstrument bezahlt.

Mit der Gutscheinvergabe hat Frau von der Leyen die Eltern gedemütigt. Sie hat anklingen lassen, daß Hartz-IV-Bezieher das Geld sonst in Flachbildschirme stecken, verrauchen oder versaufen. Dieselbe Unterstellung hat dafür gesorgt, daß ihnen das Geld für Tabak und Alkohol im Regelsatz gestrichen wurde. Mit einer Mischung aus modernsten Propagandamethoden und statistischen Taschenspielertricks hat von der Leyen dafür gesorgt, daß es den Hartz-IV-Beziehern schlechter geht. Beispielsweise hat sie die Sanktionen dahingehend verschärft, daß Hartz-IV-Bezieher nicht mehr vor deren Verhängung über ihre Rechte belehrt werden müssen. Die Miete soll über eine Pauschale geregelt werden können, was die Gefahr einer Ghettoisierung der Armen in billigsten Wohnvierteln beinhaltet.

Welche Rolle haben SPD und Grüne, die die Verhandlungen vorzeitig verlassen hatten, gespielt?

Wären die Grünen konsequenter gewesen, hätten sie früher gehen müssen – aber sie haben immerhin Wert auf eine spürbare Regelsatz­erhöhung gelegt. Skandalös war, daß man Die Linke außen vor gehalten hat. Die SPD hat Branchen-Mindestlöhne in Leiharbeit, Wach- und Sicherheitsgewerbe und der Weiterbildung erreicht, über einen gesetzlichen Flächen-Mindestlohn, der mit einem Betrag zu benennen gewesen wäre, jedoch nicht einmal gesprochen. Von gleicher Bezahlung für Leiharbeiter ist auch keine Rede!

http://www.jungewelt.de/2011/02-22/049.php