Obdachlose fordern bezahlbaren Wohnraum
Mit einem improvisierten Wohnzimmer unter freiem Himmel
protestierten Menschen, die obdachlos waren oder sind, vor dem historischen
Rathaus gegen die ihrer Meinung nach wachsende Wohnungsnot in der
Landeshauptstadt.
VON JÖRG JANSSEN
Ludwig Marchlewitz sieht man die
Brüche in seinem Leben an. Vor allem seine Augen verraten, dass er vom
Schicksal nicht verwöhnt wurde. „Mehrere Monate war ich auf Platte, hab? in Kaiserswerth mitten im Winter draußen im Schlafsack gelegen.
Das war schlimm,“, sagt der gelernte Bergmann.
Alkohol, Scheidung, Jobverlust ließen ihn auf der Straße landen. Für ein paar
Monate. Heute hat er wieder ein Dach über dem Kopf. Gerade deshalb sitzt er
gestern Vormittag gegen 11 Uhr vor dem Rathaus in der Altstadt, demonstriert in
einem provisorisch aufgebauten Freilicht-Wohnzimmer (Sofa, Sessel, Tisch und Deckenfluter) gemeinsam mit Freunden von der
Obdachlosenzeitschrift „fiftyfifty“ für bezahlbaren
Wohnraum in Düsseldorf.
„Die Stadt zieht Menschen an, die Mieten steigen rasant.
Selbst für Niedriglöhner gibt es kaum noch bezahlbare
Wohnungen, dafür stehen fast eine Million Quadratmeter Büroraum leer“, sagt
Oliver Ongaro, der als Sozialarbeiter die fiftyfifty-Verkäufer betreut. Seine Furcht: Obdachlose -
zurzeit sind es in der Stadt geschätzt 300 bis 400 - fallen komplett durch den
Rost eines überhitzten Wohnungsmarktes. „Die Sozialbehörden übernehmen nur
Mieten bis etwa sieben Euro pro Quadratmeter. Wo soll es künftig in Düsseldorf
solche Wohnungen noch geben?“ fragt er.
Nur wenige Passanten werfen einen kurzen Blick ins
Freiluft-Zimmer. „Bezahlbarer Wohnraum, das wird in dieser Stadt ein großes
Problem“, sagt Stefano Masi. Der 73-Jährige lebt seit
kurzem im St. Anna-Stift, hat sein eigenes Heim vor kurzem aus gesundheitlichen
Gründen verkaufen müssen. Mehr Interesse bekundet die Polizei. Sie moniert, ein
solcher Aufbau direkt am Rathaus hätte angemeldet werden müssen.
Von der Politik lässt sich SPD-Parteichef Andreas Rimkus blicken. Er fordert ein kommunales Programm für
bezahlbaren Wohnraum. „Es gibt Modelle, bei denen in einem Haus ein Drittel der
Wohnungen gefördert wird, ein Drittel Eigentümern gehört und ein weiteres
Drittel frei vermietet wird.“ Auch könne der Erwerb von Bauland durch
Wohnungsgenossenschaften subventioniert werden.
Bild
Rheinische Post Düsseldorf Freitag, den 09. März 2012 Seite 22
Protestaktion
Freiluft-Wohnzimmer gegen die Wohnungsnot
Von MIRIAM FEST
Mit Kaffee und Kippe vor dem Rathaus: So gemütlich lief die
Demonstration von „fiftyfifty“ vor dem Rathaus ab.
Foto: Galert
Düsseldorf –
Ein Sofa, zwei Sessel, ein Couchtisch, zwei Lampen und ein Teppich – fertig
war das „Freiluft-Wohnzimmer“ vor dem Rathaus: Mit dieser ungewöhnlichen Aktion
wollte die Wohltätigkeitsorganisation „fiftyfifty“
Donnerstagmittag auf die Wohnungsknappheit in der Stadt aufmerksam machen.
Düsseldorf ist ein schöner Ort zum Leben. Vorausgesetzt, man kann es sich
leisten …Wer das nicht kann, ist auf Hilfe angewiesen. So gibt es für das Dach
über dem Kopf Wohnungsgeld – allerdings höchstens 7,70 Euro pro Quadratmeter.
Dafür jedoch gibt es auf dem freien Markt in Düsseldorf nicht viel. Günstiger
Wohnraum ist Mangelware.
Und für die, die durchs Raster fallen bleiben am Ende oft nur noch
Notunterkünfte oder ähnliche Einrichtungen. Die aber sind knapp und häufig
sogar zeitlich befristet. Und dort herrschen oft unhaltbaren Zuständen:
Alkohol, Drogen, Diebstahl und Gewalt sind an der Tagesordnung – so berichten die
Teilnehmer der Demonstration.
Sozialarbeiter Oliver Ongaro bestätigt das: „Wer
sich wenig leisten kann, wird schnell wohnungslos. Der Wohnungsmarkt gerät in
den letzten Jahren vollkommen außer Kontrolle. Düsseldorf kann nicht nur eine
Stadt der Schönen und Reichen sein. Deswegen wollen wir den Leuten heute mal
vor Augen führen, wie viele Leute außen vor gelassen werden.“
40 Leute hatten sich deshalb am Donnerstag am Burgplatz eingefunden. 9.3.12