Notprogramm für Hamburger Winter

02.11.2011 / Inland / Seite 5Inhalt

Hansestadt richtet Unterkünfte für Obdachlose in leerstehenden Büros ein

Von Mirko Knoche, Hamburg

Backpacker-Atmosphäre statt Bunkermentalität: Hamburgs Winternotprogramm für Obdachlose startete am gestrigen Mittwoch und soll humaner sein als die Notlösungen der letzten kalten Jahreszeit. Unweit des Hauptbahnhofs wurde ein leerstehendes Bürogebäude zu einer Schlafstätte für 160 Menschen umgebaut. Erstmals seit einem Jahrzehnt zeichnet wieder ein SPD-Senator für die Unterbringung der knapp 1000 Obdachlosen in der Hansestadt verantwortlich. Der größte Teil kann auf ganzjährig bestehende Hilfsangebote zurückgreifen. Im Winter werden aber zusätzliche Unterkünfte gebraucht. »In Hamburg soll niemand auf der Straße übernachten müssen«, versprach Sozialsenator Detlef Scheele gestern auf einer Pressekonferenz. Anschließend präsentierte er die neuen Räume bei einer Ortsbegehung.

Bauleute verrichteten eilig letzte Arbeiten, um das Quartier fertigzustellen. 160 Wohnungslose sollen hier in Zwei- bis Sechs-Bett-Zimmern untergebracht werden: Leute, die weder in ständigen Unterkünften leben noch einen der 82 Plätze in Wohncontainern ergattern konnten. Damit kann die bisherige Notunterbringung Sportallee in der Nähe des Flughafens für permanente Wohnprojekte verwendet werden. Der berüchtigte Bunker unter dem Hachmannplatz am Hauptbahnhof bleibt in Friedenszeiten geschlossen. Letztes Jahr mußte dieser wegen des harten Winters als zusätzliche Unterkunft geöffnet werden. Die räumlichen Bedingungen galten aber als unzumutbar. Nach heftigen Protesten wurde eine Alternative im entlegenen Stadtteil Jenfeld geschaffen. Auch diese Lösung stieß auf wenig Gegenliebe.

Alles besser machen wollen die Verantwortlichen in diesem Winter. Die Stadt hat in einer Konkursversteigerung ein Bürogebäude an der Verkehrsader Spaldingstraße erworben. Dort gibt es sieben Duschen für Männer und drei Duschen für Frauen. Sowohl für Raucher als auch für Nichtraucher ist ein Aufenthaltsraum bereitgestellt. Alkohol- und Drogenkonsum sind dort nicht gestattet, doch wer bereits betrunken ist, kann trotzdem in die Koje kriechen. Selbst mitten in der Nacht können sich Wohnungslose in der Bahnhofsmis­sion ein Bett vermitteln lassen. Zwischen neun Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags schließt die Notunterkunft allerdings ihre Tore.

Als beispielhaft beschrieb SPD-Senator Scheele den Umstand, daß im neuen Schlafquartier ein ganzes Stockwerk für Frauen und Paare reserviert ist. Außerdem gebe es mehr Plätze für Menschen mit Hunden. Die Tierliebhaber zogen es in der Vergangenheit häufig vor, mit ihrem Vierbeiner die Nacht im Freien zu verbringen, wenn sie nicht gemeinsam Einlaß in Schlafstätten fanden. Die Unterkunft Spaldingstraße wird von der städtischen Einrichtung »fördern & wohnen« betrieben. Sowohl haupt- als auch ehrenamtliche Helfer betreuen die Wohnungslosen, die Stadt hat einen zusätzlichen Sozialarbeiter bereitgestellt. Nachts arbeitet ein Wachdienst im Gebäude.

Ganz neue Wege geht Hamburg mit der »Anlaufstelle für EU-Bürger«. Gemeinsam mit den Konsuln von Rumänien, Bulgarien, Polen und der Slowakei soll den Gestrandeten aus Osteuropa sozialrechtliche Beratung angeboten werden. Sie stellen in Hamburg einen Großteil der Obdachlosen und haben meist keinen Anspruch auf Sozialleistungen. In der Regel sind sie zum Arbeiten – oft illegal – nach Deutschland eingewandert. Im Vordergrund steht bei der Anlaufstelle aber die »Rückkehr mit Würde«, wie es im Jargon der Sozialbehörde heißt. Dafür wird den Wohnungslosen »Hilfe zur Ausreise« angeboten. Integrationsmaßnahmen in der Bundesrepublik sind nicht vorgesehen.

http://www.jungewelt.de/2011/11-02/046.php