Modell ohne Zukunft

Während der Aufschwung den Konzernen Rekordsummen einspielt, sind die Regierungen und Arbeitnehmer hoch verschuldet

Von Stephan Kaufmann

Die Wirtschaft der Industriestaaten ist gespalten. Auf der einen Seite stehen die Regierungen und die privaten Haushalte, deren Schuldenlast immer schwerer wird. Auf der anderen Seite stehen die Unternehmen: Der Aufschwung hat ihre Gewinne explodieren lassen. Doch das Geschäftsmodell "arme Staaten, arme Arbeitnehmer, reiche Unternehmen" ist kaum zukunftsfähig.

Im Zuge der Krise haben sich die Schulden der Staaten drastisch erhöht. Konjunkturstützung, Arbeitslosengeld und Bankenrettung haben Milliarden verschlungen, gleichzeitig ging die Wirtschaftsleistung zurück.

Die Schuldenlast der Regierungen ist also ein Erbe der großen Rezession. Bei den privaten Haushalten wiederum ist sie ein Erbe des vorangegangenen Aufschwungs. In den Boom-Jahren vor 2008 nahmen viele Arbeitnehmer hohe Darlehen auf, zum Beispiel um sich ein Haus zu kaufen und so vom scheinbar unaufhaltsamen Aufschwung der Immobilienpreise zu profitieren.

In Deutschland liegen die Schulden der privaten Haushalte bei rund 100 Prozent des verfügbaren Einkommens, errechnet die US-Investmentbank Morgan Stanley. Damit steht die Bundesrepublik aber noch gut da. Amerikanische und japanische Haushalte kommen auf 120 Prozent, Briten auf 150 Prozent. Niederländer und Dänen haben gar Schulden in Höhe des Dreifachen ihres verfügbaren Jahreseinkommens.

Dagegen herrscht im Firmensektor eitel Sonnenschein. Die US-Unternehmen dürften im zweiten Quartal 2011 ihre Überschüsse um abermals 20 Prozent gesteigert haben. In Deutschland läuft es zwar nicht ganz so gut. Dennoch ist klar, dass die 30 Konzerne aus dem Deutschen Aktienindex dieses Jahr Rekordgewinne einfahren werden. Folge des Gewinnsegens: Die Kassen sind so voll wie nie. Laut Unternehmensberatung PWC verfügten die großen deutschen Unternehmen - Banken und Versicherungen ausgenommen - Ende 2010 über 122 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln. In den USA waren es fast 870 Milliarden.

"Die gute Situation der Unternehmen ist Folge einer langjährigen Umverteilung: von den Lohnempfängern zu den Firmen", erklärt Patrick Artus, Ökonom bei der französischen Bank Natixis. In den vergangenen Jahren sei die Arbeitsproduktivität in Ländern wie Deutschland, Großbritannien, Japan oder Amerika stärker gestiegen als die Reallöhne. Magere Lohnsteigerungen spürten die Firmen jedoch lange nicht als schwachen Absatz ihrer Produkte. Denn zum einen verkauften sie stark in Boom-Länder wie China, suchten ihr Heil also im Export. Zum anderen kam es in Ländern wie den USA und Großbritannien zu einem Kreditboom: Die Haushalte konsumierten auf Pump. Und in der Krise kompensierten die Regierungen die sinkende Nachfrage durch hohe Defizite.

Staaten auf Sparkurs

Doch damit ist es jetzt vorbei. Die meisten Staaten gehen auf Sparkurs. Auch die privaten Haushalte müssen ihren Schuldenberg abtragen, "das belastet die privaten Konsumausgaben", so Morgan Stanley. Dabei ist das Umfeld ohnehin hart: Nach Schätzungen des WSI-Instituts dürfte es in diesem Jahr in zwei Drittel aller EU-Länder zu Reallohnverlusten kommen.

Damit hängen die Hoffnungen der Unternehmen am Export in die Schwellenländer. Doch es ist fraglich, ob China und Indien alle in sie gesteckten Erwartungen erfüllen. Der Wettbewerb um Marktanteile wird härter. "Die Risiken des weltwirtschaftlichen Umfelds nehmen zu", sagte am Mittwoch Siemens-Chef Peter Löscher.

fr 29.7.11